Hamburg: Der brutale Serienkiller, von dem du wahrscheinlich noch nie gehört hast

Der Hamburger Serienmörder Hans-Jürgen S. brachte fünf junge Frauen um (Gerichtsskizze).
Der Hamburger Serienmörder Hans-Jürgen S. brachte fünf junge Frauen um (Gerichtsskizze).
Foto: Nancy Tilitz/dpa

Hamburg. Er mordete in und um Hamburg, über Jahrzehnte hinweg, sehr brutal. Und dennoch erinnert sich kaum jemand an den Namen Hans-Jürgen S.

Anders als Fritz Honka oder Werner Pinzner ist er ein Serienkiller aus Hamburg, den kaum jemand kennt. Dabei ist seine Geschichte unglaublich.

Hamburg: Ein fünffacher Mörder, den kaum jemand kennt

Bei der Suche nach besonders gefährlichen Kriminellen ist es ja oft ein Klischee: Der Täter ist am Ende immer jemand, den Freunde und Nachbarn nett und unauffällig fanden. Jemand, bei dem sie sich lange nicht vorstellen konnten, dass er wirklich so grausam sein kann.

Hans-Jürgen S. war exakt dieser Mensch. Bei dem, selbst nachdem seine Schuld zweifelsfrei bewiesen war, Bekannte noch den Kopf schüttelten. Niemand konnte glauben, dass der freundliche Mann aus dem Fußballverein, der sich so gut um seine alte Mutter kümmerte, ein Killer war.

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Doch genau das war er. Im Jahr 1969 wurde aus dem fleißigen jungen Maurer der Frustwürger. Weil er es nicht schaffte, erfolgreich mit Frauen zu flirten. Statt bei sich, suchte er die Schuld bei den Frauen – und ließ schließlich seine Wut an völlig unschuldigen jungen Mädchen aus.

Er war unfähig, mit Mädchen zu reden oder zu flirten

1969 war er 22 Jahre alt und hatte noch nie Sex gehabt, sagte Hans-Jürgen S. bei seiner Gerichtsverhandlung. Seinen ersten Mord beging er in diesem Jahr, an der 22-jährigen Jutta, die als Optikerin arbeitete. Die junge Frau wartete an einer Bushaltestelle, als S. sie überfiel. Er erwürgte sie mit bloßen Händen, hatte dann Geschlechtsverkehr mit ihrer Leiche. Sein erstes Mal.

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Nur wenig später erwürgte er die 16-jährige Renate. Er habe an diesem Abend in der Disco viel Ablehnung von Frauen erfahren. Wie die „Hamburger Morgenpost“ (Mopo) berichtet, erinnerte er sich an diese Tatsache noch 42 Jahre später. „Ich habe viele Enttäuschungen erlebt mit Mädchen, da musste leider das Mädchen drunter leiden“, sagte der Frustwürger vor Gericht.

1970 tötete Hans-Jürgen S. die 21-jährige Angela. Dann passierte etwas Ungewöhnliches: Er lernte eine 19-Jährige kennen, Sylvie – die beiden heirateten. Das Paar zog in ein Haus in Kaltenkirchen, bekam zwei Töchter. Das Ende der Mordserie? Nein. Nur ein Jahr später schlug der Killer erneut zu.

Die Hochzeit hielt ihn nicht vom Töten ab

1972 verschwand die erst 15-jährige Ilse, die mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause, zu ihren Eltern, war. Es dauerte fast ein Jahr, bis ihre Leiche gefunden wurde. Hans-Jürgen S. hatte das Mädchen mit den Ärmeln der eigenen Jacke erdrosselt.

Und dann 12 Jahre lang – nichts.

Doch 1984 überkam die Mordlust den nach außen hin braven und spießbürgerlichen Maurer und Familienvater. Er hatte Streit mit seinem Schwiegervater, der ihn als „Erbschleicher“ beschimpfte. Hans-Jürgen S.‘ Ehe begann zu kriseln. Der Frust war wieder da.

Er überfiel, erdrosselte und vergewaltigte die 18-jährige Gabriele, die damals eine Ausbildung zur Krankenschwester machte. Doch dieser Mord wurde ihm zum Verhängnis. Die Polizei konnte DNA-Spuren sicherstellen. 2011 gelang es, diese mit moderner Technik so aufzubereiten, dass sie schließlich ausgewertet werden konnte. Die Polizei bat damals alle Verdächtigen um Speichelproben.

Der Bruder des Frustwürgers gab freiwillig seine DNA

Skurriler Zufall: Der Bruder des Frustwürgers zählte zur Gruppe der Verdächtigen. Was genau ihn ins Visier der Ermittler brachte, ist nicht bekannt. Doch da er ein reines Gewissen hatte, lieferte er bereitwillig eine DNA-Probe ab.

Die stimmte nicht mit den Spuren am Opfer überein – war diesen aber erstaunlich ähnlich. Der Täter musste also ein naher Verwandter des Mannes sein. Und so wurde dessen Bruder, Hans-Jürgen S., aufgefordert, eine Probe abzugeben. Die überführte ihn zweifelsfrei.

Der letzte Mord war zu diesem Zeitpunkt fast 30 Jahre her. S. hatte seither ein fast spießbürgerliches Leben geführt. Nach der Scheidung von seiner Frau zog er nach Henstedt-Ulzburg, ins Reihenhaus seiner Mutter. Er kümmerte sich um die alte Dame, war glühender HSV-Fan, pflegte den Vorgarten penibel.

Seine Ex-Partnerinnen beschreiben ihn als „zärtlich“

Er hatte noch mehrere Beziehungen zu Frauen, die alle nichts Schlechtes über die Zeit mit ihm berichten können. Einige von ihnen hatten vorher schon Kinder gehabt – auch die gaben an, sie hätten ihren Stiefvater sehr gemocht. Keiner hätte ihn für einen Killer gehalten.

Wohl aber lebte Hans-Jürgen S. recht zurückgezogen, wirkte auf Nachbarn manchmal übermäßig pingelig und missmutig. Und unter der braven Fassade gärte es noch immer: 1993 wurde der Frustwürger angezeigt. Von einer Hamburger Prostituierten, die er geschlagen und vergewaltigt hatte.

Er wurde zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Die Frau ahnte nicht, dass sie vermutlich Glück im Unglück gehabt hatte. Und die Polizei ahnte nicht, dass sie einen Serienmörder mit Bewährung davonkommen ließ.

Die Polizei hatte ihn schon in den Händen – und wusste es nicht

Er habe mit dem Morden aufgehört, weil er seine beiden Töchter aufwachsen sehen wollte, sagte Hans-Jürgen S. später der Polizei. Nachdem der Mord an der 18-jährigen Gabriele ihn hinter Gitter gebracht hatte, gestand er auch die anderen vier Verbrechen, die bis dahin ungeklärt waren.

Er wolle „reinen Tisch machen“. Der Frustwürger gab sich als geläuterter Mensch, der nicht wisse, was ihn damals überkommen habe. Sein Anwalt beschrieb ihn als „ratlos“, wenn er an die Taten zurückdenke.

Doch die Polizei ist sich nicht sicher, ob S. wirklich all seine Morde gestanden hat. In der Region gab es drei Mordfälle, die merkwürdig gut zur Vorgehensweise des Frustwürgers passten. Dazu mehrere Vergewaltigungen. Der inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilte Mann bestreitet die Taten aber. Sein Anwalt hält es ebenfalls für unwahrscheinlich, dass S. völlig freiwillig vier Morde gesteht, aber ohne ersichtlichen Grund drei weitere verschweige.

Hat er noch weitere Morde begangen?

Die Polizei will jedoch nicht lockerlassen, bis auch diese Fälle aus den Jahren 1969, 71 und 72 geklärt sind. „Die passen genau ins Raster“, sagt Stefan Winkler, Leiter der Kieler Mordkommission. Doch zuschreiben konnte er sie S. bis heute nicht. Der Frustwürger, heute 72, wird voraussichtlich den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.