Hamburg: Diese Frau verzweifelt in der Corona-Krise – „Bin kurz vor dem Ende“

Für Jessica Groß aus Hamburg spitzt sich die finanzielle Lage in der Krise immer weiter zu.
Für Jessica Groß aus Hamburg spitzt sich die finanzielle Lage in der Krise immer weiter zu.
Foto: imago stock&people & Jessica Groß

In ihrem Studio auf dem Kiez lassen sich Prostituierte, Dominas und Hafenmitarbeiter die Nägel machen. Jessica (Jezz) Groß betreibt in Hamburg das „House of Me“. Ihr Instagram-Account hat über 50.000 Abonennten. Ihr Motto: „Geil genagelt statt schlecht gevögelt.“ Jetzt hat die Kiez-Größe ihre Reichweite für eine besonders emotionale Botschaft genutzt.

Sie spricht in einem Video offen darüber, wie es um ihren Beautysalon in Hamburg gerade steht. Für den Laden geht's ums Überleben.

Hamburg: „Was ist mit denen, die niemanden haben?“

„Ich kann von Glück reden, dass ich tolle Freunde, eine tolle Familie und und 'ne tolle Partnerin bei mir habe, die mich nicht fallen lassen“, sagt Jezz in die Kamera. „Was ist mit denen, die niemanden haben?“

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Sätze, die sie nicht mehr hören möchte: „Selbstständige müssen Ersparnisse haben. Ihr müsst auf so was vorbereitet sein.“ Sie will wissen: „Worauf vorbereit? Auf 'ne Pandemie? Auf sieben Monate nicht arbeiten?“

Sieben Monate – so lange hat sich Jezz keinen Lohn mehr ausgezahlt. Sie hat eine Festangestellte in Teilzeit. Deren Gehalt habe sie zum Glück immer noch zahlen können. Der Friseurin, die bis vor Kurzem bei ihr im Laden gearbeitet hat, musste sie hingegen gerade kündigen. „Das war ein harter Schritt. Das tut natürlich sehr weh.“ Aber finanziell sei das einfach nicht mehr gegangen, sagt Jezz im Gespräch mit MOIN.DE.

Hamburg: Die Coronahilfen kommen spät

Während des ersten Lockdowns hat sich die 37-Jährige mit Rücklagen über Wasser gehalten. „Aber die sind halt auch irgendwann aufgebraucht.“ Als im Sommer und Herbst die Nagelstudios öffnen durften, habe sie gearbeitet, was das Zeug hält. Seit Beginn des zweiten Lockdowns Anfang November sind die Türen des Studios an der Balduinstraße wieder zu.

Von den beantragten Novemberhilfen habe sie noch keinen Cent gesehen. Damit ist sie nicht allein. Die Auszahlungen kommen spät – nicht nur für Nageldesigner. Star-Koch Tim Mälzer hatte sich Anfang Januar verärgert darüber gezeigt, dass der größte Teil der Coronahilfen immer noch nicht bei den Betrieben in der Stadt angekommen war.

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Zur allgemeinen Lage der Gastro-Branche sagte er beim Online-Neujahrsempfang des „Hamburger Abendblatts“: „Die Konten sind inzwischen geräumt. Die Rücklagen sind verbraucht.“ So langsam werde die Luft wirklich, wirklich eng.

Inzwischen sind Gelder geflossen. Auf Anfrage von MOIN.DE heißt es bei der Finanzbehörde der Stadt: „In Hamburg konnten wir in den letzten beiden Wochen zwei Drittel der Anzahl der Anträge auf Novemberhilfe bewilligen und auszahlen, die Dezemberhilfe kann seit Dienstag auch ausgezahlt werden.“

Bei der Novemberhilfe sind bislang rund 96,7 Millionen Euro von beantragten 207,4 Millionen ausgezahlt worden, bei der Dezemberhilfe 55,2 Millionen Euro von den beantragten 156 Millionen Euro.

Hamburg: „Wäre nicht meine Verlobte – ich hätte kein Dach mehr über dem Kopf“

Jezz rechnet mit 1.700 Euro Novemberhilfe. „Das deckt nicht im Geringsten meine Ausgaben.“ Allein 4.000 Euro Miete zahlt sie jeden Monat für ihren Laden. „Meine private Miete habe ich ja auch noch. Und essen muss ich ja auch irgendwas. Wäre nicht meine Verlobte – ich hätte kein Dach mehr über dem Kopf.“

Krümel, so nennt sie ihre Verlobte, arbeitet bei DHL im Innendienst. „Bei ihr sei auf der Arbeit gerade die Hölle los. Klar, wenn jetzt alle online bestellen. Zum Glück kann sie weiterarbeiten.“ Auch von ihren Eltern erhalte sie Unterstützung, sagt Jezz. „Aber das geht auch nicht ewig so weiter. Irgendwann geht das alles so nicht mehr.“ Irgendwann – das könnte schon bald sein. „Ich bin kurz vor dem Ende.“

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Wenn sich bis in einem Monat nicht irgendwas getan habe, reiche das Geld nicht mehr. Dann würde sie irgendwie versuchen, den Online-Shop noch weiterzuführen.

Der Online-Shop ist ihr Hoffnungsschimmer. Jezz hat ihn gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Sanas Rolfes im September aufgebaut. „Der ist völlig durch die Decke gegangen. Das ist absolut verrückt und freut uns riesig.“ Trotzdem sei es nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Damit kann ich natürlich bei Weitem nicht meine Einbußen aus dem Studio auffangen.“

Hamburg: „Irgendwo muss man ja anfangen“

Mit ihrem Video verbindet Jezz die Hoffnung, dass Nagelstudios dadurch vielleicht Gehör finden. Sie hat den Eindruck: Die Nagelstudios werden in der Krise vergessen. Beim zweiten Lockdown im November durften Friseure noch zwei Wochen länger aufhaben als Nagelstudios.

Während die Friseurin in ihrem Laden noch arbeiten durfte, war ihr Teil mit der Nagelpflege bereits geschlossen. „Das ist doch Irrsinn“, sagt Jezz. Andererseits verstehe sie es ja auch: „Irgendwo muss man ja anfangen und in der Gesellschaft haben Friseure nun mal einen höheren Stellenwert als wir Nagelstudios.“

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Das Video zu drehen, sei ihr extrem schwergefallen. „Das hätte ja auch nach hinten losgehen können. Ich wollte auf keinen Fall, dass die Leute irgendwie denken, die jammert jetzt oder setzt sich unnötig in Szene.“ Umso mehr freut sie sich jetzt über die riesige Resonanz. Über 250.000 Mal wurde das Video aufgerufen. In den Kommentaren erfährt Jezz viel Unterstützung. Ihr Appell im Video: Es sollen endlich die benötigten Gelder fließen.

Bei der Finanzbehörde heißt es auf Anfrage von MOIN.DE, dass 90 Prozent der Anträge auf Novemberhilfe voraussichtlich bis Mitte Februar zur Zahlung angewiesen sein werden. Die restlichen 10 Prozent seien voraussichtlich Fälle mit Rückfragen oder Klärungsbedarf. Wann diese Auszahlungen erfolgen, könne man daher nicht genau sagen.

Hamburg: Sie nimmt Corona keineswegs auf die leichte Schulter

Noch etwas ist Jezz wichtig: „Ich will auch auf keinen Fall die Gefahren von Corona verharmlosen.“ Im Video sagt sie, sie nehme Corona nicht auf die leichte Schulter, gar nicht. Im Gespräch mit MOIN.DE erzählt sie, dass ihr Vater Risikopatient sei. „Ich habe ihn seit fast einem Jahr nicht mehr umarmt. Das ist hart, aber wir sind da vorsichtig, klar.“

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Berührungen, Umarmungen mit Kollegen, der Austausch – der fällt jetzt auch beim Job weg. An ihrer Arbeit vermisst Jezz vor allem das Gesellige. „Ich brauche das einfach. Ich bin ein Mensch, der wahnsinnig gerne mit anderen zusammen ist. Deshalb mache ich ja diesen Job.“ Der Trubel, das Laute, die Kneipen – all das liebe sie an der Reeperbahn.

Die Solidarität auf dem Kiez sei groß. „Trotzdem muss halt grad jeder für sich schauen, wie er über die Runden kommt.“

Eigentlich wollten Jezz und ihre Verlobte vergangenes Jahr heiraten. Wegen Corona fiel die Hochzeit aus. „Das ist natürlich sehr schade, aber wenn ich mir anschaue, was so passiert, ist das natürlich auch nicht das größte Problem.“ Jetzt haben die beiden einen neuen Termin für die Trauung im September 2021. „Aber ob das klappt? Ich habe aufgehört, mich zu sehr darauf zu freuen. Sonst ist die Enttäuschung am Ende viel zu groß.“

Jessica Groß beschreibt sich selbst als positiven Menschen. Kämpferisch sagt sie: „Ich werde mich von diesem Coronarotz nicht unterkriegen lassen.“