Hamburg: Dieser Linken-Politiker räumt sein Büro im Bundestag – sogar einige CDUler trauern ihm nach

Robin Grützmacher
Fabio De Masi vertritt Hamburg im Bundestag
Fabio De Masi vertritt Hamburg im Bundestag
Foto: imago

„Ich will ganz ehrlich sein: Für mich beginnen ein paar schwere und melancholische Tage“ – diese Worte sind Mitte August auf dem Twitter-Account des Hamburgers Fabio De Masi zu lesen. Dazu zeigt der Politiker ein Bild, das ihn an einem Tisch in seiner Wohnung in Hamburg zeigt.

Auf einem weiteren Foto ist der Hafen der Hansestadt zu sehen, über den Kränen für die Container-Verladung scheint die Sonne. Fabio De Masi räumt auf in diesen Tagen. Nicht nur sein Leben in Hamburg, sondern auch jenes im Regierungsviertel in Berlin, wo er für die Linkspartei im Bundestag saß und bei der Wahl am 26. September nicht mehr antritt.

Hamburg: Linken-Politiker zieht sich zurück

„Ich werde meine Wohnung auf St. Pauli schweren Herzens vorübergehend aufgeben. Die nächsten Monate werde ich in Kapstadt sein, aber mit Sicherheit nach St. Pauli zurückkehren“, sagt Fabio De Masi zu MOIN.DE. Der Stadtteil von Hamburg werde ihm fehlen. Und fehlen wird er auch in Berlin – sogar dem politischen Gegner, was für Politiker der Linken höchst ungewöhnlich ist.

Über die Parteigrenzen hinaus wirklich beliebte Mitglieder hat die Linke eher wenige. Das mag einer der Gründe dafür sein, warum die kriselnde Partei in Umfragen bundesweit meist nur bei sechs Prozent liegt.

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Der wohl größte Sympathieträger „versteckt“ sich eher in den hinteren Reihen im Bundestag und tritt mittlerweile selten in Erscheinung: Gregor Gysi, der sich einst von den ganz großen Aufgaben in seiner Partei zurückzog und mit seiner starken Rhetorik und seinem (Selbst-) Humor viel Anklang findet.

„Sie sind mein ,Lieblingslinker' nach Gregor Gysi. Glück auf!“, heißt es auf Twitter in einer Antwort unter einem Beitrag von Fabio De Masi.

Wie schafft man das? Eine starke Rhetorik wird auch dem Hamburger nachgesagt. Doch das ist nicht der Grund für seine überparteiliche Beliebtheit. Genauso wenig wie das Programm, für das der 41-Jährige und seine Partei stehen.

Mietendeckel, 13-Euro-Mindestlohn, Vermögenssteuer, eine gesetzliche Rentenversicherung für alle, Klimaneutralität ab 2035 oder eine strenge Kontrolle der Finanzmärkte sind für viele Ökonomen und Mitte-Rechts-Politiker nach wie vor ein Schreckensgespenst, das sie gerne als „Kommunismus“ verschreien. Kaum einer dieser Tage, der nicht versucht damit zu punkten, vor einer Regierungsbeteiligung der Linken und einem angeblichen „Untergang“ zu warnen.

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Am ehesten noch ist es der letzte Punkt in der Aufzählung aus dem Parteiprogramm, mit dem ein Linker sich beim politischen Gegner beliebt machen kann. Und genau das hat Fabio De Masi mit seiner Arbeit über mehrere Finanzskandale getan. „Natürlich ist es schön, wenn meine Arbeit Anerkennung findet – umso mehr von Andersdenkenden. Am wichtigsten ist mir aber der Zuspruch ganz gewöhnlicher Leute!“, sagt der 41-Jährige zu MOIN.DE.

Hamburg: Viel Respekt für Fabio De Masi

Der Wirecard- und Cum-Ex-Skandal sind komplexe finanzpolitische Angelegenheiten. Vieles bleibt im Verborgenen, vieles ist kaum zu durchschauen oder unklar. Wirecard als lange gehyptes, börsennotiertes Pleite-Unternehmen, dem viele Menschen ihr Geld anvertrauten und am Ende mit nichts da standen und der Cum-Ex-Skandal, bei dem Steuern für Wertpapiere verbotenerweise mehrfach erstattet wurden, sorgten für hohe Milliardenschäden bei Privatleuten und Steuerzahlern.

„Das ist so, als würde man zuhause einen Pfand-Bon kopieren, damit in den Supermarkt an die Kasse gehen, die Kohle kassieren, aber keine Flasche abgeben“, sagte De Masi mal über Cum-Ex.

Unternehmens-Mitarbeiter, Finanzaufsicht, Politiker – wer ist wo schuldig, wer hat gelogen und betrogen, wer hätte das alles verhindern können? Fabio De Masi geht dem nach. Er nennt sich „Finanzdetektiv“, hat sich tief in die Fälle reingearbeitet, als Abgeordneter im Bundestag Anfragen an die Regierung gestellt und Missstände in vielen Reden angeprangert.

Damit hat der Linke sich viel Respekt bei Ökonomen, Aktien-Fans, Journalisten und auch bei Grünen und CDUlern erarbeitet, wo sein Rückzug nach dem Bekanntwerden querbeet bedauert wurde.

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Selbst „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt, der sich selten zurückhalten kann, seine Abneigung gegen (fast) alles Links-Grüne kundzutun und der auf der anderen Seite ebenso als Feindbild vieler Linker gilt, schrieb nach dem Bekanntwerden von De Masis Rückzug, natürlich nicht ganz ohne eine polemische Spitze:

„Schade, dass die Linke jene verliert, die Reiche nicht erschiessen wollen und Auseinandersetzung mit Liberalen und Konservativen als Bereicherung, nicht als Zumutung verstehen und 1A Arbeit im Untersuchungsausschuss leisten. Byebye.“

Hamburg im Cum-Ex-Fokus

Besonders im Fokus von De Masis Arbeit ist SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Der Ex-Bürgermeister von Hamburg und heutige Finanzminister soll die „Cum-Ex-Tatbeute“, wie der Linkenpolitiker sie nennt, von der dort ansässigen Warburg Bank nicht zurückverlangt haben, obwohl einer Verjährung drohte.

Scholz wird zudem eine zu große Nähe gegenüber dem damaligen Warburg-Bankier Christian Olearius nachgesagt, die der SPDler – dessen Partei Spenden von der Warbung-Bank erhielt – in der Form abstreitet. Der „Euro am Sonntag“ sagte Fabio De Masi kürzlich:

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„Es geht schlicht nicht, dass das Finanzamt bei jedem Handwerker jede Rechnung umdreht, ein Beschuldigter wie der damalige Warburg-Bankier Christian Olearius dagegen beim damaligen Hamburger Ersten Bürgermeister Olaf Scholz reinspazieren kann, um dann über seinen Steuerbescheid zu verhandeln.“

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Das ist Fabio De Masi aus Hamburg:

  • wurde am 7. März 1980 in Groß-Gerau geboren
  • er hat einen zwölfjährigen Sohn, mit dem er nun wieder mehr Zeit verbringen will
  • sein Vater war italienischer Gewerkschafter, seine Mutter deutsche Sprachlehrerin
  • seine Jugend verbrachte er in Schloss Wolfsgarten, südlich von Neapel und in Darmstadt
  • mit 17 zog Fabio De Masi zuhause aus und jobbte in einer Bar und auf dem Bau
  • 2001 zog er nach Hamburg und studierte Volkswirtschaft auf Diplom
  • auch in Kapstadt in Südafrika, wo es ihn nun vorerst wieder hinzieht, studierte er
  • Fabio De Masi arbeitete als Vorstandsassistent bei einer gemeinnützigen Unternehmensberatung
  • ... und auch als Call-Center-Agent oder Toilettenputzer in einem Techno-Club
  • er war wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag
  • 2014 zog Fabio de Masi für die Linke ins Europäische Parlament in Brüssel und Straßburg ein
  • Seit 2017 war er Mitglied des Bundestags für Hamburg
  • Hobbys: Fußball spielen mit dem Sohn, klassische Rennräder, Skifahren und Wellenreiten

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Klar, dass solche Angriffe auch CDU-Politikern gelegen kommen, die laut Umfragen gegenüber Olaf Scholz das Nachsehen haben.

Hamburg: Fabio de Masi will weitermachen

Aufhören wird De Masi nicht mit seinem Kampf in den Tiefen der Politik- und Finanzwelt. Sein Twitter-Account glüht täglich vor vielen neuen Beiträgen.

„Ich werde ein Buch schreiben, ein Wirecard Seminar für Studierende in einem Finanz-Master geben, mit Kindern aus ärmeren Familien Sport machen und an einem Film mitwirken sowie eine regelmäßige Kolumne in Zeitungen schreiben. Weiter habe ich derzeit nicht geplant“, sagt De Masi zu MOIN.DE.

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Natürlich wird der Hamburger nicht nur mit Lob überschüttet. „Das ist allerdings nur die eine Seite De Masis. Die andere ist sein parteiinternes Agieren fest an der Seite Sahra Wagenknechts, deren Angestellter er vor seiner Abgeordnetenzeit war. Prätorianerhaft verteidigte er stets jegliche ihrer Verirrungen, selbst wenn sie längst von einem Linken nicht mehr zu verteidigen gewesen waren. Und selbstverständlich beteiligte er sich auch an ihrer absurden Sammlungsbewegung Aufstehen“, schrieb „tageszeitung (taz)“-Redakteur Pascal Beucker nach Bekanntwerden von De Masis Bundestags-Rückzug.

De Masis Mitstreiterin Sarah Wagenknecht gehört ebenso zu jenen wenigen Mitgliedern der Linkspartei, die über die Parteigrenzen hinaus höhere Anerkennung finden. Zumindest teilweise. Im Falle der 52-Jährigen allerdings nicht nur wegen ihres großen finanzpolitischen Wissens, sondern auch wegen ihrer Aussagen unter anderem zur Migrationspolitik, mit denen sie bei vielen Linken in tiefste Ungnade fiel und selbst von AfD-Seiten gelobt wurde. Auch ihr Ehemann Oskar Lafontaine schoss sich mittlerweile ins Abseits.

Hamburg: Fabio de Masi schließt Bundestags-Rückkehr nicht aus

Fabio de Masi verbrachte im September Zeit in Österreich und Italien und wird wohl irgendwann nach Hamburg zurückkehren. Und vielleicht auch nach Berlin.

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Der Fußballfan trat in der Hauptstadt als Verteidiger des FC Bundestag gegen den Ball und freut sich im Norden mit den Zweitligisten des FC St. Pauli: „Früher hatte ich eine Dauerkarte für die Gegengerade. Ich war als Student unter anderem beim legendären Sieg gegen den FC Bayern dabei. Dann war ich länger im Ausland und habe den Fehler gemacht, die Dauerkarte nicht im Freundeskreis zu halten.“ Die Wartezeit für eine neue Dauerkarte beim FC St. Pauli beträgt viele Jahre, die Liste ist ziemlich lang. „Jetzt nehme ich, was ich finden kann“, sagt De Masi über den Kampf um die Tickets.

Eine Rückkehr nach Berlin in den Bundestag schließt der Hamburger gegenüber MOIN.DE nicht ganz aus:

„Derzeit habe ich kein Comeback vor. Man soll niemals nie sagen, aber ich lass mich überraschen!“