Hamburg: Flüchtling fragt – „Wie soll man sich da dann richtig integrieren?“

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland
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Hamburg. Nour Alden gehört zu den mehr als eine Million Menschen, die während der Flüchtlingskrise 2015/16 nach Deutschland gekommen sind. Seitdem lebt der heute 28-Jährige in Hamburg.

In den fünf Jahren hat der Syrer schon so einiges erlebt. Im Gespräch mit MOIN.DE spricht der Flüchtling über die Erfahrungen, die er in Hamburg gemacht hat und welche Schwierigkeiten er bei der Integration sieht.

Hamburg: Flucht aus Syrien nach Deutschland

2015 war Nour 23 Jahre alt und schloss gerade in Syrien sein Studium in Naturwissenschaften ab. Nebenbei arbeitete er als Mathematik-Nachhilfelehrer. „Besonders schwierig war es, weil zu dem Zeitpunkt in Syrien Bürgerkrieg herrschte. Es passierte oft, dass ich meine Schüler teilweise über mehrere Monate nicht gesehen habe. Das erschwerte das Unterrichten erheblich“, sagt Nour im Interview mit MOIN.DE.

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„Wir schaffen das“ - es sind eigentlich nur drei Worte. Doch seit 2015 polarisierte in Deutschland kaum etwas mehr als dieser Leitsatz von Angela Merkel. Auf der einen Seite löste die Parole der Kanzlerin eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Ein anderer Teil der Gesellschaft fühlte sich überfordert. Überfordert von mehr als einer Million Flüchtlingen, die auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/16, nach Deutschland kamen.

Zwischen Willkommenskultur und AfD-Aufstieg, zwischen Sprachbarriere und Hoffnung auf ein friedliches Leben versuchen die Geflüchteten seitdem in Deutschland Fuß zu fassen. Fünf Jahre sind nun vergangen: Zeit für ein Zwischenfazit. Wie sind die Flüchtlinge mittlerweile in Deutschland angekommen? Was sind ihre prägendsten Erfahrungen? Welche Wendepunkte haben ihr Leben bestimmt?

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Da unter der Herrschaft von Präsident Baschar al-Assad die Wehrpflicht galt, mussten alle männlichen Syrer im Alter von 18 Jahren einen 24-monatigen Wehrdienst leisten. Auch Nour hätte zur syrischen Armee gehen müssen. „Ich wollte das nicht. Ich bin gegen Baschar al-Assad. Ich hätte auch in den Krieg ziehen müssen aber, ich möchte niemals jemanden töten“, erzählt der 28-Jährige.

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Deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Heimat zu verlassen: Nour wollte in ein sicheres Land fliehen und dort in Frieden leben. Doch die Flucht hatte es in sich.

Flucht nach Hamburg: „Ich hatte Todesangst“

Von Syrien aus ging es für den jungen Mann in die Türkei. Dort blieb er nicht lange, schaffte es auf einem kleinen Boot übers Mittelmeer nach Griechenland. „Das war der schlimmste Moment auf der gesamten Flucht. Es waren einfach zu viele Menschen auf dem Boot, zudem war es sehr kalt und stürmisch. Ich hatte Todesangst“, berichtet Nour.

Schließlich kam er mit vielen anderen Flüchtlingen sicher in Griechenland an und erhielt dann über das Internet die Meldung, dass Deutschland seine Grenzen für Geflüchtete aufmacht. „Wir sind dann mit Zügen nach Deutschland transportiert worden. Insgesamt war ich 15 Tage lang unterwegs gewesen“, verrät der Syrer und fügt hinzu: „Ich hatte Glück, dass zu dem Zeitpunkt die Grenzen geöffnet wurden. Wer weiß, wie lange ich noch gebraucht hätte...“.

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Hamburg: „Wie soll man sich da integrieren?“

In Deutschland angekommen, war Nour sehr erleichtert. Endlich hatte er die Aussicht auf ein friedliches Leben. Zunächst musste er jedoch wie alle anderen Asylanten auch in einer Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Harburg untergebracht werden. Unter teils schwierigen Bedingungen hat Nour es dennoch geschafft, sich gut einzuleben. „Ich hatte Glück, dass meine Englisch-Kenntnisse sehr gut sind. So habe ich vieles verstanden und keine Dolmetscher gebraucht“, sagt er.

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Das ist das Land Syrien:

  • ein vorderasiatisches Land, das an Israel, Jordanien, dem Libanon, der Türkei, den Irak und dem Mittelmeer grenzt
  • Hauptstadt Damaskus
  • rund 21 Millionen Einwohner (Stand 2010), 185.000 Quadratkilometer groß
  • Unabhängigkeit von Frankreich am 17. April 1946
  • seit 2011 herrscht Krieg zwischen der Assad-Regierung und ihrer Anhänger auf der einen und syrischen Oppositionellen, teils radikalen Islamisten und vom Ausland (Türkei, Katar, Saudi-Arabien) unterstützte Söldner auf der anderen Seite
  • laut Schätzungen der oppositionellen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hat der Krieg mehr als 465.000 Todesopfer geopfert, über fünf Millionen Menschen sind in Nachbarländer oder nach Europa geflohen
  • neben sunnitischen Muslimen leben in Syrien auch vergleichsweise viele Christen, Alawiten und andere religiöse Minderheiten

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Einige Schwierigkeiten gab es denoch. „Die Behörden haben es mir nicht einfach gemacht. Ich wollte lediglich arbeiten oder studieren, aber es ging nicht. Wie soll man sich da dann richtig integrieren?“, fragt Nour. Er beschloss erstmal einen Sprachkurs zu besuchen. Aber einen Platz zu bekommen, war nicht so einfach, da zu dem Zeitpunkt viele Menschen die gleiche Idee hatten. Am Ende sollte er jedoch seine Chance bekommen und lernte die deutsche Sprache.

Hamburg: Ehrenamtliche Arbeit als Nachhilfelehrer

Nach langen Wartezeiten gelang es ihm dann auch endlich, sich an der Hamburger Universität zu immatrikulieren. Erst bewarb sich Nour auf ein Lehramt-Studium – das klappte allerdings nicht. Danach entschied sich der 28-Jährige für den Master-Studiengang Technomathematik. Nebenbei arbeitet er ehrenamtlich für die Hamburger Organisation „Angekommen in Deutschland“. Der Verein unterstützt Menschen, die noch in der Ausbildung oder schon berufstätig sind, sich in Deutschland zurechtzufinden.

„Ich arbeite, wie auch in Syrien, hier als Nachhilfelehrer für andere Flüchtlinge, die jahrelang nicht in die Schule gegangen sind und somit viel Unterrichtsstoff verpasst haben“, erzählt Nour stolz.

Hamburg: Angst um die Zukunft

Und dennoch bereitet ihm eine Sache derzeit Kopfschmerzen. Sein Aufenthaltsstatus ist nämlich aktuell befristet. Seit Monaten hofft er auf einen Termin bei den Behörden, um seinen Titel zu entfristen. „Ich habe vor zwei Monaten eine Mail geschickt und immer noch keine Antwort erhalten. Ich habe Angst. Meine Zukunft hängt von den Mitarbeitern der Behörden ab. Was ist, wenn einer von denen eine rechtsradikale Meinung hat und ich wegen ihm hier nicht mehr weiterleben darf?“, fürchtet Nour um seine Zukunft in Deutschland.

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Nichtsdestotrotz ist der 28-jährige Student glücklich darüber, dass er sonst keine weiteren negativen Erfahrungen in Deutschland machen musste. „Hier in Hamburg gibt es sehr viele nette Menschen. Klar gibt es hin und wieder mal einige komische Blicke, aber ich bin glücklich“, freut sich der Syrer.

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Wenn er einen unbefristeten Aufenthaltsstatus erhält, hofft er ein Auslandssemester machen zu können und irgendwann auch in der deutschen Gesellschaft akzeptiert zu werden: „Ich hoffe, dass ich später eine gute Arbeitsstelle finde und auch hier anerkannt werde.“