Hamburg: Das ist der kleinste Stadtteil – und er steht vor einem gewaltigen Problem

Von der Insel Neuwerk, die zu Hamburg gehört, sind es etwa zehn Kilometer durch das Watt der Nordsee nach Sahlenburg bei Cuxhaven.
Von der Insel Neuwerk, die zu Hamburg gehört, sind es etwa zehn Kilometer durch das Watt der Nordsee nach Sahlenburg bei Cuxhaven.
Foto: imago images / HOFER

Hamburg. Es ist das Jahr der Jubiläen – und dennoch läuft es nicht ganz rund auf dem Außenposten der Stadt Hamburg in der Nordsee.

Die zu Hamburg gehörende Insel Neuwerk inmitten des nun 30 Jahre alten Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer mit gleich zwei Schullandheimen – das eine gerade 100 Jahre alt – und dem 710 Jahre alten Leuchtturm steht vor einer großen Herausforderung.

Sorge um den kleinsten Stadtteil von Hamburg

Der Stadtteil muss muss sich neu erfinden, wie der Geschäftsführer der Reederei Cassen Eils, Peter Eesmann, erklärt. Denn er blickt inzwischen sorgenvoll auf die Insel und macht das auch an Zahlen fest.

So sei die Zahl der Passagiere auf der von ihm angebotenen, einzigen regelmäßigen Schiffsverbindung von Cuxhaven zur Insel Neuwerk in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken. Statt 70.000 nutzten inzwischen nur noch rund 60.000 Touristen die „Flipper“, um zwischen April und Oktober in den kleinsten Stadtteil von Hamburg zu kommen.

Hamburg-Neuwerk muss attraktiver werden

Für Eesmann ein Indiz, dass irgendetwas nicht mehr stimmt auf der Insel an der Elbmündung. Seine Lösung lautet: Das Eiland muss für jüngere Menschen attraktiver werden, es muss mehr geben als die tägliche Entscheidung, links- oder doch lieber rechtsherum auf dem Deich die Insel in einer Stunde zu umrunden.

„Die Natur spricht für sich, aber nach einer Woche will man dann auch mal Kultur“, ist er überzeugt. Ihm, der er zuletzt eins der vier Hotels auf der Insel gekauft hat, schweben da etwa Konzerte und Lesungen vor.

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Neuwerk macht es den Menschen nicht leicht. Schon die Anreise aus der Luftlinie etwa 105 Kilometer entfernt liegenden Hansestadt Hamburg kann schon gut fünf Stunden dauern. Und auf der Insel selbst gibt es dann außer den Hotels, den Schullandheimen, einem Restaurant, und einem Zeltlager nichts. Keinen Supermarkt, keinen Bäcker, kein Kino, kein Theater.

Hamburg: Elf Kilometer bis zum Festland

Und mal eben aufs Festland übersetzen geht auch nicht. Die „Flipper“ fährt, wenn überhaupt, nur einmal am Tag. Und steht die Tide ungünstig, ist auch der beliebte, elf Kilometer lange Weg mit dem Pferdewagen übers Watt versperrt.

Die Umstände treffen natürlich auch die Insulaner, die der Dichter Rainer Maria Rilke einst als Menschen charakterisiert hat, die nur selten redeten. Und wenn sie es doch mal täten, sei jeder Satz wie eine Grabinschrift („Epitaph“).

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Inselobmann Christian Griebel – seine Familie lebt seit rund 150 Jahren auf Neuwerk – schlug zuletzt sogar via „Bild“-Zeitung Alarm. Denn auch wenn nach Schätzungen des Nationalparkchefs Klaus Janke pro Jahr rund 100.000 Gäste die Insel besuchen – wohnen wollen dort immer weniger Menschen.

Stadtteil von Hamburg hat kritische Grenze unterschritten

„Wir haben die kritische Grenze unterschritten, sind nur noch 25 Leute. Ich muss alles in einem sein – Hotelier, Arzt, Handwerker, Feuerwehrmann. Wir brauchen dringend neue Bewohner. Sonst fehlt uns die Perspektive“, sagte Griebel dem Blatt.

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Seit diesem Schuljahr ist auch noch die erst im Sommer 2016 mit zwei Kindern wieder eröffnete Inselschule geschlossen. „Es gibt auf absehbare Zeit keine Kinder mehr auf der Insel. Deshalb: Neuwerk sucht dringend Familien mit Kindern, die hier leben und arbeiten wollen“, heißt es auf der Homepage der Schule.

Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan kennt die Nöte der Insulaner, sichert bei seinem inzwischen dritten Besuch auf Neuwerk Hilfe zu. Auch weitere Häuser sollen in dem grundsätzlich mit einem Bauverbot belegten Nationalpark möglich sein.

Stadt Hamburg hat kein Interesse an Entvölkerung

„Wir haben aus Naturschutzsicht überhaupt kein Interesse daran, dass sich die Insel entvölkert. Im Gegenteil: Wir wollen, dass die Bewohner hier eine Zukunft und ein Auskommen haben“, sagt der Grünen-Politiker.

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Gerade die extensive Landwirtschaft sei für rastende Vögel wichtig. „Das ist eine Kulturlandschaft, die so erhalten bleiben soll.“

Kleinster Stadtteil hat wichtige Attraktion

Das sieht auch Nationalparkranger Thorsten Köster so, der seit 13 Jahren den Gästen die Besonderheiten Neuwerks mit seinen vorgelagerten Inseln Nigehörn und Scharhörn erklärt.

Einen Wunsch hätte er aber dennoch: Die Insel sollte sich einheitlicher präsentieren, nämlich „dass die Gäste herkommen und sagen: „So habe ich mir eine Nordseeinsel vorgestellt“. (...) Das fehlt ein bisschen“, sagt er.

Auch wenn immer wieder das Dreigestirn „Eiergrog, Wattwagen und Turm“ als Highlights der Insel genannt werden, die eigentliche Attraktion Neuwerks dürfte inzwischen der Nationalpark sein.

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Vor 30 Jahren gegründet und 2011 von der Unesco in die Weltnaturerbe-Liste aufgenommen, bietet er Spaziergänge durch Salzwiesen, Ausflüge zu den Seehundbänken, Wattwanderungen und Beobachtungen unzähliger Vögel.

Hamburg: Selbstversorgung auf der Insel

Für Nationalparkchef Janke sind vor allem die beiden Schullandheime wichtig. Sie seien die Verbindung der Insel zu Hamburg. „Hier kommen Hamburger als Kinder und Jugendliche her, gehen zurück nach Hamburg (...) und erzählen weiter, wie toll es da draußen ist.“

Während das eine Schullandheim „Meereswoge“ vor allem durch einen dort gedrehten „Tatort“ mit Til Schweiger bekannt wurde, kann das andere – direkt gelegen am 1310 gegen Piraten erbauten Turm – auf sein inzwischen 100-jähriges Bestehen verweisen.

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Beiden gemein ist, dass ein Aufenthalt ein hohes Organisationstalent erfordert. Denn es gilt Selbstversorgung. Wer mit einer Schulklasse, als Verein oder als Gruppe dort ein paar Tage verbringen will, muss alles mitbringen – und sollte mangels Einkaufsmöglichkeiten nichts vergessen. (dpa)