Hamburg: SO denkt ein Obdachloser über die Hamburger – vor allem ein Erlebnis wird er nie vergessen können

Das „Revier“ von Tobias ist der Hamburg Hauptbahnhof und die gegenüberliegende Spitalerstraße. Hier hat der 33-Jährige schon viel erlebt.
Das „Revier“ von Tobias ist der Hamburg Hauptbahnhof und die gegenüberliegende Spitalerstraße. Hier hat der 33-Jährige schon viel erlebt.
Foto: imago/STPP / Montage: MOIN.DE

Tobias ist 33 Jahre alt, obdachlos. Sein Revier ist die Spitalerstraße am Hauptbahnhof in Hamburg. Seit acht Jahren lebt Tobias auf der Straße.

Wegen seiner damaligen Freundin sei er nach Hamburg gekommen, berichtet er MOIN.DE. Vorher hatte er sich mit seiner Mutter und ihrem neuen Lebensgefährten zerstritten. Doch die Freundin setzte ihn nach drei Monaten vor die Tür. Seitdem schlägt er sich durch – und hat dabei schon Unfassbares erlebt.

Hamburg: Tobias greift zu den Drogen

Im Winter, vor acht Jahren, ging es ihm so schlecht, dass er zu Drogen griff um sich besser zu fühlen. Er nahm Heroin, Kokain – und wurde schwer drogenabhängig. Doch ausgerechnet jetzt, während viele Hamburger wegen Corona die schlimmste Zeit der letzten Jahre durchmachen, geht es Tobias verhältnismäßig gut.

Seit Anfang April ist er in einem Hotel am Steindamm untergebracht. Diesen Platz hat er aufgrund der Gefahr durch das Coronavirus von der Caritas erhalten.

„So schwer das für die anderen auch ist, für mich ist es zum Besseren geworden“, sagt der 33-Jährige. „Ich hab in der Zeit viel geschafft, auch dank der Unterbringung hier.“

Denn: Mittlerweile wird er substitutiert, das heißt, er bekommt ein Ersatzmittel für die harten Drogen. In seinem Fall ist es Polamidon (eine abgewandelte Form von Methadon). Den Stoff bekommt er regelmäßig am „Drob Inn“ (eine Einrichtung für die offene Drogenszene in Hamburg) verabreicht.

-----------------------------------

MOIN.DE ist das neue Newsportal für Hamburg und den Norden.

Wer wir sind und was wir vorhaben – hier weiterlesen >>

Und wie findest du MOIN.DE? Schreib uns deine Meinung – klipp & klar an moin@moin.de!

Hier findest du uns bei Facebook >>

Und hier auf Instagram >>

-----------------------------------

Jetzt will er endgültig von den Drogen und der Straße weg. Auch ein fester Job ist das Ziel für die nächsten Monate. Aber die Suche danach gestaltet sich aufgrund seiner Vorgeschichte schwierig. Bis dahin wird er weiter betteln gehen müssen.

Das stört Tobias an den Hamburgern

Und was er dabei schon erlebt hat, macht fassungslos. Vor allem eine Sache, die stört Tobias ganz besonders. Und in den letzten Monaten ist sie noch schlimmer geworden. Die Menschen seien „zu 80 Prozent ignorant und seit Corona sind es 90 Prozent“, klagt Tobias an.

Und er wird noch konkreter: Natürlich sei ihm bewusst, dass nicht jeder ihm helfen könne, „wenn man alle paar Minuten angesprochen und nach Kleingeld gefragt wird“.

+++ Hamburg: Du glaubst nicht, worüber sich die Obdachlosen hier am meisten freuen! +++

Aber:„Einfach an einem vorbeizugehen, denjenigen zu ignorieren oder dann auch noch dumme Sprüche zu bringen oder aggressiv zu werden, das geht dann doch einen Schritt zu weit“, ärgert sich Tobias.

Welche Art von Sprüchen er sich anhören muss? „'Geh arbeiten, du faule Sau' oder 'Verpiss dich, du Penner'“, berichtet er. Die Aggression mancher Menschen geht offenbar noch weiter. Denn Tobias erzählt MOIN.DE von seinem schlimmsten Erlebnis. Passiert ist es am 9. Oktober 2017.

Dieses Erlebnis verfolgt Tobias noch heute

„Ich hab am Museum für Kunst und Gewerbe am Busbahnhof geschlafen“, sagt er. Nachts zwischen vier und fünf Uhr passierte es dann: „Da wurde ich nachts angezündet.“ Es wurde damals sogar wegen versuchten Totschlags ermittelt, aber den oder die Täter hat die Polizei nie ermitteln können.

„Ich hab seitdem ein Trauma und muss auch Tabletten nehmen, weil ich sonst nachts nicht schlafen kann und nur Albträume habe“, berichtet Tobias. Er nimmt Beruhigungsmittel und Antidepressiva. Aber auch mit den Tabletten schläft er nachts nicht gut.

----------------

Mehr News aus Hamburg:

----------------

„Ich wache dann schweißgebadet auf und versuche irgendwelche Flammen auszuschlagen, die nicht da sind“, sagt der 33-Jährige. „Das hat mich sehr zerstört.“

„Ich habe eine Frau in der Innenstadt getroffen...“

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Denn obwohl ihn viele Menschen seit der Corona-Krise meiden würden, habe er auch einige erlebt, „die meine Situation verstanden haben“. Besonders eine Begegnung ist ihm in Erinnerung geblieben.

„Ich habe eine Frau in der Innenstadt getroffen. Die hat mich angesprochen und gesagt: 'Boah, ihr müsst es ja jetzt richtig schwer haben'“, erzählt Tobias. Sie habe ihm daraufhin zehn Euro gegeben.

Dennoch: „Der größte Teil ist leider so: 'Geh weg von mir'“, sagt der 33-Jährige. Und das macht ihn traurig.