„Notruf Hafenkante“: Zuschauer schocken mit Aussagen – nun reagiert das ZDF

Die alte Hafenwache, Haupt-Drehort von „Notruf Hafenkante“ in Hamburg im Hafen.
Die alte Hafenwache, Haupt-Drehort von „Notruf Hafenkante“ in Hamburg im Hafen.
Foto: picture alliance / imageBROKER | Stefan Espenhahn / Screenshot ZDF

Es ist eine traurige und gefährliche Erscheinung der letzten Jahre: Hate Speech, also Hasskommentare im Internet. Vor allem Minderheiten geraten immer wieder in die Schusslinie. Was sich in der Öffentlichkeit kaum einer traut, wird stattdessen online bei den Opfern abgeladen. So zuletzt auch auf heftige Weise bei der ZDF-Serie „Notruf Hafenkante“.

Die Sendung um eine Gruppe Polizisten aus der alten Hafenwache unter der Elbphilharmonie in Hamburg versucht sich realitätsnah zu geben. Gesellschaftliche Zusammenhänge lässt das ZDF bei „Notruf Hafenkante“ mit einfließen.

Wie nah an der Realität ist „Notruf Hafenkante“?

Inwiefern den Machern das gelingt und wie realitätsnah Fälle in der Serie, beispielweise um Flüchtlinge, Homosexuelle oder Rechtsradikalismus, tatsächlich sind, das werden viele unterschiedlich bewerten.

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„Notruf Hafenkante“ ist eine Sendung, die die Welt aus Sicht der Produktions-Verantwortlichen erzählt. Fakt ist: sie setzt sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander, aber eben durch die Brille dieser Personen und deren Blick auf die Polizei und die Welt.

Was das bei manchen Zuschauern allerdings auslöst, spiegelt ebenso die Realität dar. Und zwar eine traurige Realität.

Notruf Hafenkante“: Folge rückt Minderheiten in den Fokus

Konkret geht es um die zuletzt ausgestrahlte Folge „Rechtsabbieger“.

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Die handelt, wie der Name schon leicht verrät, von Rechtsradikalismus - und auch Flucht und Migration. Eine Frau namens Sandra Lüdke wird zu Beginn der Episode von einem Laster beim Abbiegen umgefahren. Sie ist Kapitänin eines Rettungs-Schiffes im Mittelmeer und zudem homosexuell.

Ihre Frau Hiwot Albers glaubt nicht an einen Unfall, sondern an einen gezielten Angriff durch Rechtsradikale und wirft der Polizei vor, „auf dem rechten Auge blind zu sein“.

Online gibt es in der Folge einschlägige Hasskommentare gegen die Retterin. Eine der ermittelnden Polizistinnen, Pinar Aslan (gespielt von Aybi Erar), hat zudem türkische Wurzeln.

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Notruf Hafenkante“ mit Bezug zur Realität

Die ganze Handlung besitzt mehr oder weniger einen Bezug zur heutigen Realität. Hamburgern dürften die Kampagnen auf Plakaten bekannt sein, in denen die Polizei versucht, mit Bildern von Menschen mit Migrationshintergrund Nachwuchs für sich zu gewinnen.

Sandra Lüdke erinnert zudem an die Kielerin Carola Rackete, die als Kapitänin der Sea Watch 3 und durch die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer einer breiteren Masse bekannt geworden war. Sie ist seit jeher heftigen Anfeindungen aus rechten Kreisen ausgesetzt.

Ebenso mit Realitätsbezug: in den letzten Jahren häuften sich Vorwürfe gegen die Polizei, auf dem rechten Auge blind zu sein. Massenweise Chatgruppen von Polizisten mit rechtsradikalen Inhalten flogen plötzlich auf, dazu die NSU-Pannenserie. Verstorbene in Haft mit Migrationshintergrund oder unverhältnismäßige Einsätze (MOIN.DE berichtete).

Diese Themen stehen allerdings nicht so sehr im Fokus von „Notruf Hafenkante“, wo eher wenig Kritik an der Polizei geübt wird.

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Notruf Hafenkante“: Fans schocken mit Aussagen

Das Traurige: Hasskommentare gab es nicht nur in der Folge „Rechtsabbieger“ selbst, sondern auch zahlreich auf dem Facebook-Kanal von „Notruf Hafenkante“. Ein paar Beispiele:

  • „Nach ca. 15 Minuten weggeschaltet, wer will diese Asylantenpropaganda sehen?“
  • „Muss es unbedingt die Kapitänin des Flüchtlingsschiffes sein? Warum kann denn nicht mal eine Tat von der anderen Seite des Spektrums sein?“
  • „Es gibt nur noch böse Deutsche hat man das Gefühl. Habe weggeschaltet. Kann ich weder sehen noch hören.“
  • „Seitdem die linksradikale Dreyer dort rumfurzt, nimmt die Propaganda zu.“
  • „Das ist gewollt, damit die selbsternannten deutschen Patrioten so richtig getriggert werden.“
  • „Betreutes Fernsehen. War alles drin. Flüchtlingsproblematik, Rechtsradikalismus, gleichgeschlechtliche Ehe, farbige Partnerin usw. Vorabendliches Erziehungsfernsehen für über 60-Jährige?“

Die bloße Auseinandersetzung der Serie mit den oben genannten Themen verleitete Menschen dazu, öffentliche Beiträge dieser Art abzusetzen und so ihr Gedankengut zu offenbaren. In Sozialen Netzwerken ist so etwas leider Gang und Gebe.

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Das ist „Notruf Hafenkante“:

  • „Notruf Hafenkante“ ist eine deutsche Fernsehserie des ZDF
  • „Notruf Hafenkante“ ist eine Polizeiserie und spielt in Hamburg
  • „Notruf Hafenkante“ erzählt vom Alltag der Polizeibeamten des PK 21 und den Ärzten des fiktiven Elbkrankenhauses
  • Die Handlungen von „Notruf Hafenkante“ sind so gestaltet, dass beide Bereiche zusammen an der Aufklärung eines Falles arbeiten
  • „Notruf Hafenkante“ wird von Letterbox Filmproduktion produziert

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Notruf Hafenkante: ZDF äußert sich

Was ebenfalls auffällt, sind die Vorwürfe gegen das ZDF, „Propaganda“ zu betreiben. Die Thematisierung von realitätsnahen Zusammenhängen wie Migration, Homosexualität und Rechtsradikalismus in einer Serien-Folge bezeichnen einige Leute als „linientreues Staatsfernsehen“, auch werden Vergleiche zum Schwarzen Kanal gezogen, einem Propaganda-Format des ehemaligen DDR-TVs.

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MOIN.DE hat beim ZDF nachgefragt. Dort heißt es, die Redaktion von „Notruf Hafenkante“ habe es sich zur Aufgabe gemacht, Themen zu erzählen, die gesellschaftlich relevant sind und dem Zeitgeist entsprechen.

„Davon lassen wir uns auch durch einzelne negative Kommentare nicht abbringen. Wir freuen uns, wenn die Folgen Zuschauer*innen und Fans zu Austausch und Diskussion einladen. Insgesamt ist das Feedback auf Facebook und Instagram sehr positiv. Dass einzelne Folgen in den Sozialen Medien stärker polarisieren, ist uns bewusst – dennoch duldet unsere Netiquette keine Hasskommentare wie Drohungen oder Beleidigungen."

Direkte Drohungen gegen Leib und Leben finden sich in den Kommentaren nicht. Und doch offenbaren sie auf traurigste Art und Weise die intolerante und hasserfüllte Seite der Gesellschaft.

Notruf Hafenkante“: Mann wehrt sich gegen Hasskommentare

Wie es vom ZDF heißt, achte man auf Ausgewogenheit und Abwechslung der Themen. „Diese reichen vom privaten Familiendrama (Nur ein Atemzug), über dramatische Einzelschicksale (Der Mann auf der Brücke) hin zu gesellschaftlichen Themen wie Clankriminalität (Clangirl) oder Seenotrettung (Rechtsabbieger).“

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Man erzähle von allen Teilen der Gesellschaft in der Metropole Hamburg. „Die Themenauswahl und ihre Bearbeitung erfolgt zwischen Redaktion, Produktionsfirma und Autor*innen.“

Nicht zuletzt muss auch erwähnt werden, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Hass-Kommentare stellen. Sie sind allerdings deutlich in der Unterzahl. So schreibt ein Mann: „Beste Arbeit, gutes Team. Ehrensender. Das sich da ein paar Ewiggestrige nicht gerne im Spiegel sehen, ist verständlich aber unbedeutend."