Maybrit Illner (ZDF): Ist die Corona-Angst übertrieben? Top-Virologe und Amtsarzt überraschen mit Aussagen

Virologe Jonas Schmidt-Chanasit (links) und der Frankfurter Amtsarzt René Gottschalk.
Virologe Jonas Schmidt-Chanasit (links) und der Frankfurter Amtsarzt René Gottschalk.
Foto: ZDF-Mediathek

Maybrit Illner fragt in ihrer ZDF-Talksendung am Donnerstagabend: „Gerät die Pandemie außer Kontrolle?“ Mehrere ihrer Gäste drängen darauf, die Verhältnismäßigkeit mehr zu beachten.

Besonders ein Virologe und ein Amtsarzt mahnen bei Maybrit Illner, dass die Politik mit ihren Maßnahmen nicht übertreiben dürfe.

Maybrit Illner (ZDF): Amtsarzt spricht über Statistik-Irrsinn bei Corona

Zu Gast bei Maybrit Illner ist unter anderem zugeschaltet der Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt, René Gottschalk. Er will neue Strategien von der Politik in der Corona-Krise.

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Die Gäste von Maybritt Illner am 15. Oktober 2020:

  • Bodo Ramelow: Ministerpräsident von Thüringen (Die Linke)
  • Manuela Schwesig: Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern (SPD)
  • René Gottschalk: Leiter des Gesundheitsamts Frankfurt
  • Susanne Johna: Pandemie-Beauftragte der Bundesärztekammer, Vorsitzende Marburger Bund
  • Jonas Schmidt-Chanasit: Virologe
  • Caroline von Kretschmann: Geschäftsführerin des Hotel Europäischer Hof in Heidelberg

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Der Amtsarzt sagt: „Glücklicherweise ist Covid-19 nicht vergleichbar mit Ebola oder Lassafieber. Wir reden von einer Erkrankung, die für Vierfünftel der Bevölkerung keine oder sehr milde Symptome hat.“ Deshalb zweifelt er, ob Maßnahmen wie eine Ausgangssperre in Frankreich im Ermessen richtig sind.

Dann hinterfragt er die Corona-Todesstatistik des RKI, denn die zeige nicht die Letalität, also den Anteil der Erkrankten, die an der Krankheit verstorben sind. „Was wir kennen, ist die Mortalität. Und das wird leider immer wieder gleichgesetzt. Wir haben Todesfälle, bei denen Covid-19 nachgewiesen wurde, und dann wird gesagt, dieser Mensch ist an Covid gestorben. Das ist natürlich falsch. Nehmen wir mal an, sie haben einen schweren Verkehrsunfall und werden kurz vor der Operation nochmal getestet und haben einen positiven Nachweis und versterben an den Folgen des Verkehrsunfalls, dann werden sie trotzdem als Covid-19-Toter gezählt.“ Aus Sicht von Gottschalk würde die Politik bei anderen, realistischeren Zahlen verhältnismäßiger reagieren.

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Weitere Politik-Nachrichten:

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Maybrit Illner (ZDF): „Für den Patienten ist das Sterben an und mit Covid genau das Gleiche“

Die Pandemie-Beauftragte der Bundesärztekammer, Susanne Jonah, hält dagegen: „Herr Gottschalk hat da jetzt ein krasses Beispiel gebracht mit dem Verkehrsunfall und jemand hat auch Covid, aber die Diskussion, wenn jemand auf der Intensivstation verstirbt und aber auch eine Herzinsuffizienz und andere Erkrankung hat, ist eine akademische. Für den Patienten ist das Sterben an und mit Covid genau das Gleiche. Als Ärztin möchte ich erreichen, dass er erst gar nicht auf die Intensivstation kommt. Ich versuche jede Infektion zu vermeiden.“

Etwa sechs Prozent der Infizierten müssten ins Krankenhaus, davon wiederum ein Teil auf die Intensivstationen, die Betten würden sich wieder füllen, warnt Johna.

Virologe kritisiert bei Maybrit Illner (ZDF): „Da gab es keine einzige Talksendung dazu in den letzten Jahren!“

Doch auch Virologe Jonas Schmidt-Chanasit schließt sich dem Gesundheitsamt-Leiter an. Es sei wichtig, die Corona-Zahlen in einen Kontext zu setzen, denn die Verhältnismäßigkeit sei mittlerweile untergegangen. Jährlich würden in Deutschland rund 300.000 Menschen an einer Lungenentzündung erkranken, davon würden etwa 40.000 sterben. „Da gab es keine einzige Talksendung dazu in den letzten Jahren!“, so der Experte. Das müsse in einen Ausgleich gebracht werden, ohne das Coronavirus zu verharmlosen. Für ihn ist jedenfalls ganz klar: Einen zweiten Lockdown kann es nicht geben.

Bodo Ramelow bei Maybrit Illner (ZDF): „Bei Corona sind wir völlig neben der Spur“

Thüringens Ministerpräsident hat das Schlusswort bei Maybrit Illner und stimmt mit ein. Die Gesellschaft müsse lernen mit Corona zu leben, weil man nicht auf einen Impfstoff setzen kann. „Ich denke, wir sollten einfach auch akzeptieren, dass das Virus ein Lebensrisiko bedeutet. Aber wir müssen auch Lebensrisiken in unseren Alltag einbauen. Wenn wir Auto fahren, ist das auch ein Lebensrisiko.“ Auch die Existenz anderer Erkrankungen habe man akzeptiert, bei Corona aber sei man „völlig neben der Spur“.

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Mehr über Maybrit Illner:

  • Die 55-Jährige wurde in Ost-Berlin geboren und begann ihre TV-Karriere noch in der DDR.
  • Nach der Wende war sie lange Zeit im „ZDF-Morgenmagazin“, später dann auch im „heute-journal“.
  • Im Oktober 1999 übernahm sie den Polit-Talk „Berlin Mitte“, der 2007 in ihren Namen umbenannt wurde.
  • Sie war Co-Moderatorin der TV-Kanzlerduelle zur Bundestagswahl seit 2002.

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Markus Lanz will Söder die Augen öffnen: „Die Leute sind es leid!“

Ebenfalls am Donnerstagabend diskutierte Markus Lanz mit seinen Gästen über das Coronavirus. Seinem Gast Markus Söder versuchte der ZDF-Moderator die Augen zu öffnen.