Bundestagswahl in MV: Das sind die AfD-Hochburgen im Norden – „Sehr zerstritten“

Ein Luftballon auf der AfD-Wahlparty in MV. Im Osten des Landes, zu dem auch die Insel Usedom gehört, hat die AfD im MV am besten abgeschnitten.
Ein Luftballon auf der AfD-Wahlparty in MV. Im Osten des Landes, zu dem auch die Insel Usedom gehört, hat die AfD im MV am besten abgeschnitten.
Foto: picture alliance/dpa | Stefan Sauer, picture alliance/dpa | Marcus Brandt (Montage MOIN.DE)

Bei der Bundestagswahl kommt die AfD laut vorläufigem Ergebnis auf 10,3 Prozent. Zweistellig zwar, doch für die rechtspopulistische Partei ein Verlust von 2,3 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern (MV) muss die Partei ebenfalls Verluste einstecken.

Siegerin in MV ist klar die SPD mit 29,1 Prozent der Zweitstimmen. Die Sozialdemokraten sichern sich auch sämtliche Direktmandate. Doch die AfD bleibt nach der Bundestagswahl mit 18 Prozent zweitstärkste Kraft in MV. Schaut man sich den gesamten Norden von Deutschland an, liegen die AfD-Hochburgen klar im Nordosten. Doch über den Kamm scheren kann man hier nichts. Und es gibt Überraschungen in MV.

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Bundestagswahl in MV: Experte spricht von „Anti-Merkel-Effekt“

Dr. Jan Müller ist Parteienforscher an der Universität Rostock. Er kennt sich aus mit der AfD im Nordosten. Und er hat beide Wahlen im Blick: die Bundestagswahl und die Landtagswahl.

Mecklenburg-Vorpommern hat am 26. September auch einen neuen Landtag gewählt. Das Ergebnis ist in der Tendenz bei beiden Wahlen gleich: Die SPD ist die klare Siegerin, die AfD bleibt zweitstärkste Kraft, die CDU verliert massiv und die Grünen und die FDP, die im Nordosten eine eher untergeordnete Rolle spielen, dürfen sich über Erfolge freuen, bei der Landtagswahl über einen Einzug ins Parlament.

Jan Müller weist im Gespräch mit MOIN.DE darauf hin, dass die AfD bei der Bundestagswahl in MV ein deutlich stärkeres Ergebnis eingefahren hat als bei der Landtagswahl. Bei der Landtagswahl kommt die AfD laut vorläufigem amtlichen Ergebnis auf 16,7 Prozent. Das ist ein Verlust von 4,1 Prozent im Vergleich zur Landtagswahl 2017. Bei der Bundestagswahl kommt die AfD bei den Zweitstimmen auf 18 Prozent, bei den Erststimmen sogar auf 18,5 Prozent.

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Müller erklärt das mit dem „Anti-Merkel-Effekt“. Für viele Wählerinnen und Wählern sei die Wahl der AfD in den Bundestag eine Abrechnung mit der CDU, mit Angela Merkel und Armin Laschet.

Wahlkrimi bei der Bundestagswahl in MV

Bei den Direktmandaten für die Bundestagswahl gab es am Sonntagabend noch einen regelrechten Wahlkrimi im Wahlkreis Mecklenburgische Seenplatte I – Vorpommern-Greifswald II, dem Wahlkreis von Philipp Amthor. Der verlor sein Direktmandat.

In den ersten Stunden nach Schließung der Wahllokale hatte es so ausgesehen, als würde das Direktmandat an den AfD-Mann Enrico Komning gehen. Doch dann holte der SPD-Kandidat Erik von Malottki Gebiet nach Gebiet auf und gewann die Wahl am Ende für sich. Alle Direktmandate bei der Bundestagswahl gehen an die SPD. Auch der Wahlkreis von Angela Merkel, den die Kanzlerin jeweils als Direktkandidatin gewonnen hatte.

Bei der Landtagswahl konnte die AfD einen Wahlkreis für sich verbuchen. Dieser lag bislang in der Hand von CDU-Mann Franz-Robert Liskow. Er holte bei dieser Wahl 26,5 Prozent der Erststimmen. Der Wahlkreis Mecklenburgische Seenplatte I - Vorpommern-Greifswald I geht jetzt mit 27,4 Prozent der Erststimmen an Enrico Schult von der AfD.

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Daten und Fakten zu Mecklenburg-Vorpommern:

  • Mecklenburg-Vorpommern ist das am dünnsten besiedelte deutsche Bundesland
  • 1,6 Millionen Menschen leben in Mecklenburg-Vorpommern
  • Mecklenburg-Vorpommern zählt insgesamt 337 Kilometer Außenküste
  • Mit Heiligendamm hat Mecklenburg-Vorpommern den ältesten Seebadeort Deutschlands (gegründet 1793)
  • In Schwerin, der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, leben 96.000 Menschen
  • Rostock ist mit über 208.000 Einwohnern die größte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern
  • Rügen, die größte Insel Deutschlands, gehört zu Mecklenburg-Vorpommern

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Die genaueren Gründe dafür müsse er sich noch anschauen, sagt Jan Müller. Es hänge aber sicher auch mit der allgemeinen Schwäche der CDU bei dieser Wahl zusammen.

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Anna Konstanze-Schröder (SPD) landete mit 25,6 Prozent der Stimmen auf dem dritten Platz. Sie spricht dennoch von einem „sehr guten Ergebnis“, da der Wahlkreis immer in CDU-Hand sei, mittlerweile mische aber auch die AfD mit. Die Region sei sehr konservativ. Der Ton oft verhärtet und rau. Sie habe das im Wahlkampf zu spüren bekomen.

„Es gibt hier leider viele Frustrierte und Enttäuschte“, sagt Schröder. Sie möchte mit der SPD jetzt vermehrt auf den Tourismus in der Region und das Wasserwandern setzen. Neue Möglichkeiten schaffen.

Bundestagswahl in MV: „Den AfD-Osten gibt es nicht“

Jan Müller weist darauf hin, dass die SPD ist in Mecklenburg-Vorpommern grundsätzlich sehr stark sei und die AfD wiederum in anderen östlichen Bundesländern. Er betont deshalb: „Den AfD-Osten gibt es nicht.“ Mecklenburg-Vorpommern habe nicht das gleiche Spitzenpersonal wie andere Länder im Osten. Die meisten Stimmen holte die AfD denn auch im Wahlkreis Görlitz in Sachsen.

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Das ist die AfD:

  • Die Alternative für Deutschland wurde 2013 als EU-skeptische und rechtsliberale Partei gegründet.
  • Seit der Flüchtlingskrise 2015 ist die Partei ideologisch immer weiter nach rechtsaußen gerückt.
  • Im Jahr 2017 gelang der AfD der Einzug in den Bundestag.
  • Vorsitzende sind Alice Weidel und Alexander Gauland

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Hier kommt die rechte Partei auf 32,5 Prozent der Zweitstimmen, was das beste Ergebnis der Alternative bei dieser Bundestagswahl darstellt. Direktkandidat Tino Chrupalla sicherte sich das Direktmandat.

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Jan Müller sagt, der AfD im Nordosten würden Köpfe wie Tino Chrupalla in Sachsen oder Björn Höcke in Thüringen fehlen. Leif-Erik Holm sei als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion zwar bekannt und wisse sich als ehemaliger Radiomoderator medienwirksam zu inszenieren, doch das sei nicht vergleichbar.

Selbst dieses Aushängeschild der AfD in MV hat als Direktkandidat gegen die SPD-Kandidatin verloren. Anna Kassautzi hat den Wahlkreis Vorpommern-Rügen und Greifswald I für sich entschieden.

Was zum Stimmenverlust der AfD in MV laut Jan Müller beigetragen hat: Partei und die Fraktion seien „sehr zerstritten“. Im Wahlkampf habe man versucht, nach außen hin Zusammenhalt zu zeigen, aber das sei nicht wirklich geglückt.

Bundestagswahl MV: Unterschiede zwischen den Landesteilen

Nicht nur zwischen den Ländern im Osten, auch innerhalb von Mecklenburg-Vorpommern gibt es Unterschiede bei er Ausprägung der AfD. Im Osten des Landes, in Vorpommern, ist die AfD stärker als in Mecklenburg. Das hat sich bei dieser Wahl bestätigt. Ganz im Osten, im Wahlkreis Mecklenburgische Seenplatte I - Vorpommern-Greifswald II, holte die AfD 23,2 Prozent der Stimmen, ganz im Westen, im Wahlkreis Schwerin - Ludwigslust-Parchim I - Nordwestmecklenburg I nur 15,7 Prozent.

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Was Jan Müller an dieser Wahl überrascht hat: „Die AfD stand in Umfragen schlechter da als jetzt im Ergebnis". Er erklärt es damit, dass die Themen Flucht, Migration und Zuwanderung, auf die die Partei stark setzt, keine Rolle spielten im Wahlkampf. Eine gewisse Wählerschaft habe sich die Partei aber inzwischen erarbeitet.

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Sollte diese Themenlage bei kommenden Wahlkämpfen wieder präsenter sein, könnte das laut Müller auch zu einem Erstarken der AfD führen.