Flensburg: Dieses Vorhaben sorgt für Ärger in der ganzen Stadt – „Der größte Skandal der letzten zehn Jahre“

Im Bahnhofswald in Flensburg ist ein Vorhaben geplant, das für viel Ärger sorgt.
Im Bahnhofswald in Flensburg ist ein Vorhaben geplant, das für viel Ärger sorgt.
Foto: imago images/Willi Schewski

Aktuell ist Flensburg ein Mutations-Hotspot! Denn die Situation mit der Virus-Variante B1.1.7 hat sich weiterhin nicht entspannt. Vor Wochen schon traten die ersten Fälle auf (MOIN.DE berichtete). Und die Neuinfektions-Werte in der Ostsee-Stadt bleiben konstant auf hohem Niveau. Neben dem Coronavirus sorgt bereits seit längerem ein Projekt für Aufruhr in der gesamten Stadt.

Denn für 50 Millionen Euro soll in Flensburg zwischen Post und Bahnhof ein 152-Zimmer-Hotel mit Parkhaus entstehen. Bauherren sind die Unternehmer Ralf Hansen (54) und Jan Duschkewitz (46). Nach einer Baugenehmigung rückte in den vergangenen Tagen ein Säge-Trupp an und begann mit der Rodung von zum Teil 150 Jahre alten Bäumen im Flensburger Bahnhofswald.

Flensburg: Projekt Bahnhofswald sorgt für Aufregung

Allerdings regt sich gegen das Vorhaben seit November 2020 Protest. So haben Demonstranten den Bahnhofswald in Flensburg besetzt und campieren in Baumhäusern. Sie wollen die Ausrodung des Waldes verhindern.

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Am Freitag hatten dann die Investoren Sicherheitsleute geschickt, um das Gebiet zu räumen. Dabei wurden auch Bäume gesägt. Die Zeit drängt nämlich: Vom 1. März bis Oktober dürfen keine Bäume gefällt werden, so schreibt es das Bundesnaturschutzgesetz vor.

Erste Einsatzkräfte der Polizei haben die Baumarbeiten jedoch umgehend untersagt, denn eine Gefährdung für die Menschen in den Baumhäusern war nicht auszuschließen.

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An der Baustelle ist es zudem zu Auseinandersetzungen mit Umweltschützern und Aktivisten gekommen. Dabei soll auch ein Bauzaun, den Investoren um den Wald aufgestellt hatten, komplett eingerissen worden sein. Wie kam es zu dieser Eskalation?

Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) hatte zuvor erklärt: „In Flensburg gilt Kontakt- und Ausgangssperre für alle. Ausnahmen sind allein die in der Verfügung angeführten Gründe.“ Der Infektionsschutz habe Priorität. Wegen hoher Corona-Infektionszahlen war Samstag eine verschärfte Verordnung der Stadt in Kraft getreten.

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Das ist Flensburg:

  • Die kreisfreie Stadt Flensburg ist nach Kiel und Lübeck die drittgrößte Stadt im Bundesland Schleswig-Holstein
  • Flensburg liegt am Ende der Flensburger Förde, dem westlichsten Punkt der Ostsee, und an der nördlichen Grenze der Halbinsel Angeln
  • Die Hafenstadt gliedert sich in 13 Stadtteile und 38 statistische Bezirke
  • In Flensburg leben rund 90.000 Einwohner (Stand: Dezember 2019)
  • Die Stadt liegt direkt an der dänischen Grenze und galt lange Zeit als Zentrum der dänischen Minderheit. Heute leben rund 2.300 Dänen in Flensburg (Stand: Dezember 2019)
  • Bundesweit bekannt ist die Stadt vor allem durch die vom Kraftfahrt-Bundesamt gespeicherten „Punkte in Flensburg“

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Auf Ersuchen der Stadt Flensburg hat am Wochenende die Räumung des Bahnhofswaldes durch die Polizei begonnen. Zuvor hatten lange Gespräche zwischen Stadt, Polizei und den Umweltschützern auf dem Gelände stattgefunden.

Flensburg: Nur noch wenige Projektgegner im Wald

Auf MOIN.DE-Anfrage erklärte ein Polizeisprecher der Polizeidirektion Flensburg am Montag: „Es werden noch mindestens drei Personen in den Bäumen vermutet. Die Maßnahmen werden wie auch am Wochenende vorsichtig und mit Bedacht ausgeführt. Dabei steht die Sicherheit aller Beteiligten im Vordergrund“.

Während die Räumungsarbeiten am Sonntagabend aufgrund der Dunkelheit unterbrochen werden mussten, wurden sie am Montag fortgesetzt. Jedoch kam es in der Innenstadt am Montagmorgen zu Verkehrsbeeinträchtigungen durch die Gegner des Projekts. Mehrere Menschen haben sich laut Angaben der Polizei um 5.40 Uhr von der alten Bahnbrücke am ZOB abgeseilt.

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„Die Personen haben die Brücke wieder verlassen, so dass der Verkehr wieder rollen kann“, so der Polizeisprecher. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Blockade fast drei Stunden gedauert. Die Polizei rechnet damit, dass es im Laufe des Tages zu weiteren demonstrativen Tätigkeiten und Verkehrsbeeinträchtigungen kommen kann.

Flensburg: FDP fordert Rücktritt der Oberbürgermeisterin

Kritik am Vorgehen der Oberbürgermeisterin kommt von den Jungen Liberalen und der FDP-Ratsfraktion. Sie fordern den Rücktritt der Oberbürgermeisterin Lange.

„Wir standen schon Anfang Oktober vor der Diskussion, ob man den Bahnhofswald räumen soll oder nicht. Wir wissen aus Geschehnissen aus ganz Deutschland, dass eine solche Besetzung, wenn man sie einfach so walten lässt, weiter eskaliert. Bei einer sofortigen Räumung hätten wir diese ganze Problematik jetzt nicht“, erklärt Erik Jäger, Vorsitzender der Jungen Liberalen Flensburg im Interview mit MOIN.DE.

Neben Drohungen gegenüber den Unternehmern wurde auch am Sonntag das Auto eines der beiden Unternehmer in Brand gesetzt. „All das bliebe uns erspart. Das ist etwas, da ist auch unsere Oberbürgermeisterin mit ihrem schläfrigen Verwaltungshandeln mit verantwortlich, dass wir jetzt in dieser Situation sind“, sagt Jäger.

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Und der Jungpolitiker sieht noch weitere Folgen für die Stadt Flensburg: „Stellen Sie sich mal vor, Sie sind ein Investor und wollen in Flensburg, in einer Stadt, die wirtschaftlich aktuell nicht so gut dasteht, investieren. Dann sehen Sie, dass eine Oberbürgermeisterin über Monate nicht dazu in der Lage ist, klaren Kurs und eine klare Kante zu einer Situation im Bahnhofswald zu zeigen, wo ein Grundstück von Investoren besetzt wird. Dann überlegt man sich als Unternehmer zweimal, ob man hier investieren möchte. Das ist keine sehr verlässliche Basis für eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt“.

Flensburg: „Was hier abgeht, ist unverantwortlich“

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Lorenz Gösta Beutin aus Kiel meldete sich auf Twitter zu Wort und übte ebenfalls harsche Kritik aus: „Hier ist viel abgeholzt worden, Bäume angesägt. Gerade Gerangel mit der Polizei, unübersichtlich, jetzt singen die Aktivist*innen und Unterstützer*innen. Was hier angesichts der Corona-Lage abgeht in Flensburg, ist unverantwortlich. Schuld trägt der Investor. Was wusste die Stadt?“.

Auch die Menschen in Flensburg sind über das aktuelle Projekt wenig erfreut. So gab es unter einem Beitrag in einer Facebook-Gruppe heftige Diskussionen. Eine Frau kommentierte: „Wir brauchen kein Hotel!“

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Ein anderer Mann sprach sich für das Projekt aus: „Kein Wunder, dass Unternehmer und auch Urlauber lieber nach Mecklenburg gehen als nach Schleswig-Holstein. Zur Erinnerung: da will jemand investieren und folglich auch Arbeitsplätze schaffen. Ich kann bei diesen paar krüppeligen Bäumchen auch keinen besonders wertvollen Wald erkennen. Abholzen und im Gegenzug wo anders neu aufforsten“, schrieb er.

Weitere Reaktionen zum Flensburger Bahnhofswald:

  • Wurde ja mal endlich Zeit, war ja echt nicht mehr zu ertragen diese Leute dort
  • Die beiden Investoren sollten sich so etwas von schämen
  • Wir haben genug von den Hotels. Wir brauchen so ein Mist nicht mehr in Flensburg
  • Wenn da jemand eine Baugenehmigung für etwas hat, dann MUSS er jetzt fällen, denn sonst kommt wieder die Schon- und Setzzeit und dann geht es nicht mehr

Flensburg: „Der größte Skandal“

Wie es jetzt weiter geht, ist noch unklar. Für die Rodung hat das Unternehmen nur noch bis zum 28. Februar Zeit, danach dürfen aufgrund des Bundesnaturschutzgesetzes keine Bäume mehr gefällt werden.

Für FDP-Politiker Erik Jäger wird das Problem noch lange bestehen. „Das wird uns definitiv noch lange begleiten. Es ist ja auch wichtig, weil so etwas aufgearbeitet werden muss. Ich würde das einfach mal als den wahrscheinlich größten Skandal in unserer Stadt in den letzten zehn Jahren bezeichnen, was da passiert ist. Das lässt man nicht einfach so vorübergehen. Da müssen auf jeden Fall noch ein paar Worte gesprochen werden.“