Nordsee: An diesem Strand sind fünf Surfer tödlich verunglückt, Forscher rätseln – „Tragödie kam total überraschend“

Retter am Strand von Scheveningen: Lawine aus Algen.
Retter am Strand von Scheveningen: Lawine aus Algen.
Foto: picture alliance/dpa/ANP | Sem Van Der Wal

Eine grauenvolle Tragödie in der Nordsee!

Am 11. Mai sprangen zehn Surfer ins Wasser. An jenem verhängnisvollen Montag bedeckte ein Teppich aus weißem Meeresschaum den Nordsee-Strand von Scheveningen. Keiner der Sportler ahnte die Gefahr und nur fünf von ihnen kehrten lebend zurück.

Nordsee: Tragödie am Strand von Scheveningen

Ein Jahr danach rätselt man weiterhin: Wie konnte es zu dem Unglück kommen? Zwei Todesopfer waren über 30 Jahre alt, darunter ein Surflehrer und ein international zertifizierter Lebensretter.

Sie arbeiteten lange Zeit vor Ort und kannten den Strand von Scheveningen, die Winde und die Störmungen. Die anderen drei waren Sportler in ihren Zwanzigern.

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Katha Philippart, Meeresbiologin am niederländischen Meeresforschungsinstitut NIOZ erinnert sich zurück. „Die Tragödie kam total überraschend. Niemand kannte die potenzielle Gefahr. Soweit wir wissen, ist so etwas nie zuvor passiert“, erzählt sie im „Spiegel“-Interview.

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Das ist die Nordsee:

  • die Nordsee ist ein Randmeer des Atlantischen Ozeans
  • die Nordsee ist ein wichtiger Handelsweg und dient als Weg Mittel- und Nordeuropas zu den Weltmärkten
  • die Fläche beträgt 570.000 Quadratkilometer
  • sie ist bis zu 700 Meter tief

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Daraufhin stellte sie ein internationale Forschungsteam zusammen, die Daten und Erdbeobachtungssatelliten namens „Sentinel“ auswerteten. Ihr Untersuchungsbericht umfasst 52 Seiten und zeichnet genau nach, wie eine Verkettung von ungewöhnlicher Umstände zu dem Unglück führte.

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Nordsee: Algenart spielt die Hauptrolle in dem Drama

Dabei spielt in dem Drama die Algenart „Phaeocystis globosa“ die Hauptrolle. Diese Meeresorganismen sind zwar nur acht Mikrometer klein, aber sehr wichtig für die ganze Welt. Sie binden jährlich rund vier Milliarden Tonnen Kohlenstoff und machen damit in etwa zehn Prozent der primären Biomasseproduktion der Meere aus.

In der Nordsee hat die Algenart von den 1970er- bis in die 2000er-Jahre stark zugenommen, unter anderem aufgrund des reichhaltigen Nährstoffeintrags aus Seine, Humber, Rhein und Elbe. Dort werden riesige Mengen Stickstoff und Phosphat ins Meer gespült – vor allem eine Folge der Düngung der Felder durch die Landwirtschaft.

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Dazu kommt der Klimawandel: Zwischen 1988 und 2014 hat die Oberflächentemperatur der Nordsee um 1,6 Grad Celsius zugenommen, was ebenfalls Algenblüten begünstigt.

Nordsee: Beobachter berichten von „Schaumlawine“

Zu dem Zeitpunkt des Unglücks herrschten ideale Bedingungen für „Phaeocystis“. Aus riesigen Kolonien bildeten die Einzeller mehr als 10.000 Organismen, die durch eine schleimige Hülle aus Polysacchariden, langkettige Kohlenhydrate geschützt sind.

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Mit einer Dichte von teils über 38 Millionen Zellen pro Liter Meerwasser trieben die Algenkolonien vor der niederländischen Küste, auf Satellitenaufnahmen gut erkennbar. Dann schlug das Wetter um, es kam zum Kollaps.

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Beobachter berichteten von einer „Schaumlawine, die bis zu zwei Meter dick war“. Olaf Tompot von der niederländischen Seenotrettungsorganisation KNRM schränkt erklärt, dass es handfeste Vermutungen zu dem Tod der Surfer gebe.

Nordsee: „Erfahrene Schimmer geraten in so einer Situation in Panik“

„Nach einem Szenario verloren die Surfer die Orientierung und wurden an die Felsen gedrückt“, erklärt der Niederländer gegenüber dem „Spiegel“. Denkbar sei auch, dass der Schaum ihnen das Luftholen erschwert habe.

„Selbst erfahrene Schwimmer können in so einer Situation in Panik geraten“, sagt Simon Witt von der Umweltorganisation Surfrider, der Teil der Surfszene von Scheveningen ist und sich viel mit dem Unglück beschäftigt hat. Was auch immer der genaue Wirkmechanismus war, der Effekt blieb derselbe: Die Schwimmer ertranken.

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Da sich das Unglück wiederholen könnte, schlägt Phillppart ein Frühwarnsystem vor, das Wetterdaten und biologische Messstationen miteinander vernetzen könnte.

Nordsee: Unglück kann sich wiederholen

„Wir werden dieses Jahr versuchen, Schaumansammlungen mit Satellitenhilfe rechtzeitig zu erkennen“, sagt auch Dimity Van der Zande vom Belgischen Institut für Naturwissenschaften, der mit der dortigen Küstenwache zusammenarbeitet im „Spiegel“.

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Allerdings kann der Aufbau eines umfassenden Schaumwarnsystems noch dauern. „Es dürfte vorerst sicherer sein, sich auf Beobachter vor Ort zu verlassen“, sagt Meeresbiologin Philippart: „Wir hoffen, dass unser Report dazu beiträgt, dass Küstenwache, Surfer und Wassersportschulen künftig auf die Gefahrensignale achten.“

Da die Zeit der Algenblüte dazu neigt, immer früher einzusetzen, könnte es schon wieder im April wieder Schaumbäder geben, die gefährlich wie Treibsand sind. Seenotretter Olaf Tompot rät: „Vermeidet einfach den dicken Schaum – und sucht euch einen anderen Ort zum Surfen!“. (oa)

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