Nordsee: Urlauberin erzählt von traurigem Erlebnis auf Sylt – „Wie ein Fremdkörper“

Wibke Seifert auf dem Leuchtturm von Hörnum auf Sylt an der Nordsee.
Wibke Seifert auf dem Leuchtturm von Hörnum auf Sylt an der Nordsee.
Foto: Wibke Seifert

Es habe sich angefühlt wie bei einer Robbe aus der Nordsee, die Wasser aus ihrem Fell schüttelt, sagt Urlauberin Wibke Seifert. So ähnlich habe die Insel Sylt zu Beginn des Corona-Lockdowns ihre Gäste abgeschüttelt, findet sie. Mitte März war das. Die Pandemie nahm damals hierzulande Fahrt auf – und zwar so richtig.

Zu dieser Jahreszeit war die Nordsee-Insel Sylt noch leer. Nicht so gedrängt wie im Sommer, wo die Massen an die Strände strömen, die Promenade in Westerland oder die Einkaufspassage Friedrichstraße bevölkern, eng an eng in der Musikmuschel sitzen und Konzerte der „Holiday Party Band“ hören.

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Nordsee: Eine der wenigen Urlauber auf Sylt

„Der Strand war leer, wie es zu dieser Jahreszeit normal war, als die Nordsee ihre raueste Seite zeigte. Kilometerlang keine Seele“, schreibt Wibke Seifert über jenen März in ihrer erfolgreichen Kurzgeschichte „Empty Space“ in der Sammlung „Lockdown Number One: A Collection of Twenty Winning Short Stories“.

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Sie gehörte zu den wenigen Urlaubern, die damals auf Sylt weilten. Denn sie liebt es, „wenn die Strände leergefegt sind und die Insel außerhalb von Karneval, Biike, Ostern, Pfingsten oder Ferien zur Ruhe kommt.“

Nordsee: Sylt-Urlaub muss abgebrochen werden

Geboren wurde die 51-Jährige in Gevelsberg und wuchs in Nordrhein-Westfalen auf. Seit 1995 wohnt sie auf Malta, zwei bis drei Mal im Jahr ist Sylt ihre „Zuflucht und Zuversicht“, die sie „aufatmen lässt und neue Kraft gibt.“

Und dann kam der Tag im März, als das gesetzliche Oberhaupt dieser Insel, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther (CDU), sich per Videobotschaft an die Touristen im Bundesland wendete und sie aufforderte, ihren Urlaub abzubrechen. Ein Erlebnis, das sich wohl kein Urlauber jemals so hätte vorstellen können.

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Wibke Seifert erzählt MOIN.DE, sie habe stündlich die aktuellen Corona-Situationen auf Malta, in Deutschland und auf Sylt verfolgt und sich erst Essensvorräte angelegt, um die Zeit auf der Insel auszusitzen. „Eine Rückreise nach Malta hätte mich mehr Risiko ausgesetzt, als ein Verbleiben in Hörnum mit Selbstversorgung“, sagt sie. „Außerdem hätte mein Mann in Quarantäne gemusst.“

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Das ist die Nordsee:

  • die Nordsee ist ein Randmeer des Atlantischen Ozeans
  • die Nordsee ist ein wichtiger Handelsweg und dient als Weg Mittel- und Nordeuropas zu den Weltmärkten
  • die Fläche beträgt 570.000 Quadratkilometer
  • sie ist bis zu 700 Meter tief

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Nordsee: Zuschauerin des Pandemiespektakels

Durch die eigene Wohnung fühlte sie sich anfangs während der Zuspitzung noch als „nichtbetroffene Zuschauerin des Pandemiespektakels“, wie Wibke Seifert erzählt.

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Dann jedoch wurde die Schlinge „Tag um Tag enger“, angefangen mit einfachen Aufrufen im Radio, bitte nach Hause zu fahren, bis hin zum „Denunzieren fremder Autokennzeichen überall in Schleswig-Holstein“. Plötzlich waren sie und andere Urlauber nicht mehr erwünscht auf der Insel, die viele mit so viel Liebe verbinden. Ein unglaubliches Szenario.

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„Auch im Dorf und ein, zwei Lokalitäten auf der ganzen Insel, wo ich noch einkehrte, fiel auf, dass sich die Wahrnehmung der Sylter von uns Zugereisten änderte. Dass das Wörtchen Gast allmählich verblasste und die Insel uns als das wahrnahm, was wir waren: Fremdkörper. Jedem Moin stand plötzlich in den Blick geschrieben: `Was machst du noch hier?`“

Bewohner hatten plötzlich Angst vor den Touristen, Sorge um die wenigen Intensivbetten auf der Insel machte sich breit.

Nordsee: Rathaus-Mitarbeiterin besteht auf Rückflug

Auch sie habe sich dann gefragt, was wohl passieren würde, wenn sie – völlig allein – selbst an dem Virus erkranke. „Wem würde ich meine Pflege zumuten können?“, sagt Wibke Seifert.

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Das ist Sylt:

  • Sylt ist die größte nordfriesische Insel und liegt in der Nordsee
  • Nach Rügen, Usedom und Fehmarn ist Sylt die viertgrößte Insel Deutschlands
  • Die Insel Sylt ist vor allem für ihre Kurorte Westerland, Kampen, Wenningstedt und den ca. 40 Kilometer langen Sandstrand im Westen bekannt
  • Die Insel erreicht man mit dem Auto vom Festland mit dem Sylt-Shuttle der DB und dem Autozug, dazu verkehren Nahverkehrszüge und Inter City Züge der DB.
  • Auch über den Flughafen Sylt ist die Insel per Linien- und Charterverbindungen zu erreichen

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Sie habe dann mit einer Mitarbeiterin aus dem Rathaus gesprochen, die auf einen der Rückführungsflüge bestand. Als Gast fühlte die 51-Jährige sich deswegen erst beleidigt.

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Doch sie hielt sich daran und verließ den Ort, den sie so sehr liebt, an dem ihre Eltern seit Jahrzehnten ein Wohnung haben und die Sommermonate verbringen. Der Ort in der Nordsee, an dem sie zu jedem Geburtstag ihres Vaters mit ihm alleine am Zweiertisch auf der Adler IV sitzt und sich niemand dazusetzen darf.

Nordsee: Entschleunigung auf Sylt

Sie fahre bei ihren zahlreichen Sylt-Urlauben immer am liebsten ganz allein auf die Insel und wohne in der kleinen Wohnung ihrer Eltern, erzählt Wibke Seifert. Dann würde sie weder kochen noch waschen, putzen oder arbeiten.

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Sie suche sich jeden Tag bei Wind und Wetter irgendeine Strecke auf der Insel, die zu Fuß zu irgendeinem Restaurant führe, das in „zugigster Nebensaison überhaupt auf hat.“ Eine Auto miete sie nie, der Bus sei Entschleunigung, am liebsten gehe sie zu Fuß.

Rückweg von der Nordsee nach Malta

Als Sylt seine Besucher dann „abschüttelte“, wie Wibke Seifert es nennt, habe sie sich mit dem Zug auf zum Flughafen in Hamburg gemacht. Fast alleine habe sie dann dort gesessen. Draußen seien weder Flugzeuge gestartet noch gelandet. Kein Busse oder Gepäckwagen waren zu sehen. Die Läden in der Halle des Flughafens waren geschlossen worden, ihre Lichter aber trotzdem angeschaltet.

Zurück auf Malta musste die 51-Jährige in Quarantäne und war zwei Wochen alleine im Haus. Ihr Mann ging ins Hotel, damit er weiter arbeiten konnte. Sie begann in dieser Zeit zu malen. So viel zu malen, bis sich ihr Gatte sorgte, als sie auch Küchenmöbel und Wände anmalte.

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Er drückte ihr nach seiner Rückkehr einen Zeitungsausschnitt der „Times of Malta“ in die Hand. Dort stand etwas über einen Schreibwettbewerb über Geschichten zum Lockdown.

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Sie habe sich keine Chancen ausgerechnet, erzählt Wibke Seifert. Doch letztlich gewann sie mit ihrer Kurzgeschichte „Empty Space“, die neben 20 weiteren in der Kollektion „Lockdown Number One: A Collection of Twenty Winning Short Stories“ abgedruckt wurde. Darin habe sie unter ihre eigenen Erlebnisse eine „Prise Spannung, ein gesundes Maß an Übertreibung und eine Handvoll Phantasie“ gemischt, wie sie zusammenfasst.

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Im Nachhinein findet Wibke Seifert es richtig, dass sie im März die Insel verlassen musste: „Beim kurz darauffolgenden Lockdown gehörte jeder in sein eigenes Haus, und meins war eben in Malta.“