Ostsee: Retter erinnert sich noch heute an diese Katastrophe – „Ins Gedächtnis eingebrannt“

Winterliche Aufnahmen von der Insel Rügen erinnern an den Schneewinter 1978/79.
Winterliche Aufnahmen von der Insel Rügen erinnern an den Schneewinter 1978/79.
Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Der Norden erlebt dieser Tage eisige Kälte und teilweise ungewöhnlich viel Schnee. Die Küsten von Nord- und Ostsee zeigen sich vielerorts in ungewohntem Gewand (MOIN.DE berichtete)

Doch letztendlich ist der aktuelle Winter kaum vergleichbar mit der Schneekatastrophe vor 40 Jahren. Durch haushohe Verwehungen waren 1978/79 viele Dörfer an der Ostsee in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern von der Umwelt abgeschnitten.

Ostsee: Schneekatastrophe von 1978/79 brachte alles zum Erliegen

In Schleswig-Holstein starben damals sechs Menschen, Hunderte Tiere verendeten. „Die Schneekatastrophe hat sich in das kollektive Gedächtnis der Schleswig-Holsteiner eingebrannt“, sagt Miriam Hoffmann, Leiterin des Kreismuseums Itzehoe.

+++ Ostsee: Für diese Geister-Insel gab es große Pläne – jetzt könnte alles vorbei sein +++

---------------

Das ist die Ostsee:

  • auch Baltisches Meer genannt
  • die Ostsee ist das zweitgrößte Brackwassermeer der Erde
  • die Fläche beträgt 412.500 Quadratkilometer
  • sie ist bis zu 459 Meter tief

---------------

„Damals gab es zu viel Schnee an zu vielen Stellen“, erinnert sich der damalige Bundeswehrpilot Ulrich Cramer. In jenem Winter war der heute 75-Jährige mit seinem Hubschrauber vor allem im östlichen Schleswig-Holstein im Raum Angeln für die Eingeschneiten der Retter aus der Luft. „Wir sind relativ viele Einsätze geflogen“, sagt er.

+++ „Rote Rosen“: Zuschauer haben es satt – „Das hält man ja nicht aus“ +++

Von Hilfe konnten damals auf Rügen die Menschen, darunter rund 3000 Urlauber, nur träumen. Eine Woche lang ruhte das öffentliche Leben. Straßen waren unpassierbar, rund 40 Dörfer nicht mehr erreichbar, unter den Schneemassen brachen Telefon- und Stromleitungen. Schneeverwehungen erreichten Höhen von bis zu sieben Metern. Zeitzeugen berichten, dass die DDR-Führung das Ausmaß der Katastrophe nicht erkannte. Es dauerte eine Woche, bis Panzer auf die Insel kamen und den Menschen in ihrer Not halfen.

+++ Rügen: Elfjährige auf TikTok unterwegs – was ihr dann Schreckliches passiert, macht fassungslos +++

Bundeswehr brachte Futtersäcke, Windeln, Medikamente und Lebensmittel

Cramer gehörte von 1969 bis 1994 zum Marinefliegergeschwader 5 Kiel-Holtenau. „Wir hatten gerade die Sea-King-Hubschrauber bekommen: Für den Seenotrettungsbereich das Beste, was man damals haben konnte. Natürlich mit dem großen Nachteil, dass er sehr groß ist.“ Mit einer Länge von über 22 Metern und knapp 18 Metern Rotordurchmesser passte er nicht auf jeden Landeplatz.

Die Größe sei aber bei den Einsätzen während der Schneekatastrophe vor 40 Jahren kein Problem gewesen. Die Bundeswehr-Hubschrauber warfen Futtersäcke über Bauernhöfen ab, brachten Windeln für Babys, Medikamente und Lebensmittel. Kranke, Schwangere, und Dialyse-Patienten wurden in Krankenhäuser geflogen. „Mit unserem Funk konnten wir auch die Meldungen der Feuerwehr und der Polizei hören“, erinnert sich Cramer.

+++ Schleswig-Holstein: Corona-Massenausbruch – hier sind mehr als hundert Menschen auf einmal infiziert +++

Hubschrauberpiloten landeten auf gefrorenen Feldern

Wenn Schneewehen Straßen blockierten, kamen die Hubschrauber zum Einsatz. Cramers Einsatzgebiet war der Großraum Geltinger Bucht, „Fliegerisch war das für uns kein Problem. Es war klare Luft, sehr gute Sicht, keine tiefen Wolken, kein Niederschlag.“ Gelandet sei er meist irgendwo auf einem gefrorenen Acker oder Feld außerhalb der Schneeverwehungen.

+++ Ostsee: Heimisches Tier erhält eine Auszeichnung – doch das ist kein Anlass zur Freude +++

„Die Ortsfeuerwehren mussten dann richtig hart arbeiten. Sie mussten den Weg zum Hubschrauber frei räumen und die Patienten an die Landeplätze bringen. Manchmal kamen sie mit einem Trecker oder Tieflader, einmal hatten sie eine Schwangere auf einer Palette vorn drauf“, erinnert sich Cramer. „Zwei bis drei Frauen habe ich zur Entbindung geflogen.“ Wie vielen Menschen er damals geholfen hat, weiß er nicht mehr.

Durch Schneewehen zu Häusern vorgekämpft

Denn immer wieder kamen Leute auf ihn zu mit der Bitte um Hilfe. „In der Gegend Steinbergkirche sorgte sich ein Arzt um drei alte Damen, von denen er zu lange nichts mehr gehört hatte.“ Cramer sollte ihn zu ihrem Gehöft fliegen.

+++ Nordsee: Im Meer gibt es immer weniger DAVON – Experten warnen: „Alarmierender Zustand“ +++

„Wir waren noch keine zehn Meter hoch, da verlor der Arzt die Orientierung. "Können Sie mal so fliegen, wie ich mit dem Auto dahin fahren würde", bat er. Da sind wir zurück zu seinem Haus, und haben uns über die Garage gestellt. Erst mal auf die Straße, dann zweite Abbiegung links, und dann das dritte Haus. Da sind wir wirklich so geflogen wie er sich das vom Auto hier vorstellt.“ Der Arzt habe sich dann gemeinsam mit dem Bordmechaniker durch die Schneewehen zum Gebäude gekämpft. Den Frauen ging es glücklicherweise gut.

--------------

Mehr News von der Ostsee:

--------------

Ein anderes Mal kam die Anfrage von Bäckern, die Hefe zum Backen brauchten. „Wir haben dann irgendwo 20 oder 50 Kilogramm Hefe geholt, um sie in den Dörfern an die Bäckereien verteilen. Irgendwann hatten wir noch zehn Kilo Hefe und drei Bäckereien. Einer wollte nur 500 Gramm. Dem haben wir gesagt: Entweder du nimmst zwei Kilo oder du kriegst gar nix.“ (dpa/mik)