Ostsee: Was hier vor der Küste versenkt wurde, versetzt Experten in große Sorge – „Horror-Szenario“

Ostsee: Vor den Stränden der Lübecker Bucht verbirgt sich eine große Gefahr am Meeresboden.
Ostsee: Vor den Stränden der Lübecker Bucht verbirgt sich eine große Gefahr am Meeresboden.
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Die Orte an der Ostsee-Küste befinden sich momentan im Winterschlaf. Seitdem Deutschland den zweiten Lockdown verhängt hat, sind touristische Reisen nicht mehr gestattet.

Im Sommer könnte sich das jedoch ändern und die Strände der Ostsee – wie bereits in der vergangenen Saison – aus allen Nähten platzen. Doch die wenigsten Strandbesuchern dürfte von der großen Gefahr wissen, die in unmittelbarer Nähe zur Küste auf dem Meeresboden schlummert.

Ostsee: Munition im Meer

Auf dem Grund der Nord- und Ostsee lagert eine gewaltige Menge von rund 1,6 Millionen Tonnen Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Nach Ende des Krieges wollten die Siegermächte die deutschen Kampfmittel möglichst rasch beseitigen.

Die effizienteste Lösung: Versenken im Meer. Dabei galt der Hafen von Lübeck als einer der bedeutendsten Umschlagplätze. Mehrmals pro Woche sind dort Schiffe mit hochgefährlicher Munition beladen worden, die anschließend bei Haffkrug über Bord gekippt wurde.

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Doch das ist noch längst nicht alles: Meeresbiologe Stefan Nehring, der das Thema seit rund 15 Jahren erforscht, betont: „Es sind neben konventioneller Munition auch große Mengen chemischer Kampfstoffe in deutschen Küstengewässern versenkt worden.“

Gefahr direkt vor den Ostsee-Stränden

Konventionelle Munition zeichnet sich durch Sprengstoffe oder Brandmittel aus und entfaltet ihre Wirkung mittels Detonation oder Inbrandsetzung. Chemische Kampfmittel hingegen sollen mithilfe verschiedener Gifte den Gegner außer Gefecht setzen.

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Und diese hochbrisante Munition liegt teilweise direkt vor den Stränden! Riesige Mengen chemischer Giftstoffe sind unter anderem in der Lübecker Bucht versenkt worden – gerade einmal 1,5 Kilometer von der Küste entfernt.

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Das ist die Ostsee:

  • auch Baltisches Meer genannt
  • die Ostsee ist das zweitgrößte Brackwassermeer der Erde
  • die Fläche beträgt 412.500 Quadratkilometer
  • sie ist bis zu 459 Meter tief

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Als „Horror-Szenario“ beschreibt Stefan Nehring die Situation. „Die Kampfstoffe befinden sich direkt vor den Badestränden“, betont der Experte im Gespräch mit MOIN.DE.

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Diese Erkenntnis geht aus dem Kriegstagebuch der britischen Spezialeinheit „21. Regional Port Control Team“ hervor. Der Eintrag vom 19. Oktober 1945 ist eindeutig formuliert.

Erfolgreiche Versenkung in der Ostsee

„Hauptmann L. J. Hoppe begleitete an Bord des Schleppers ‚Travemünde‘ eine mit feindlicher chemischer Kampfstoffmunition beladene Klappschute zur Versenkungsstelle in der Lübecker Bucht. Der Versenkungsversuch mit der Klappschute wurde erfolgreich durchgeführt.“

Der Meeresbiologe geht davon aus, dass bei diesem Ereignis 100 Tonnen – die durchschnittliche Beladung einer Klappschute – in der Ostsee versenkt worden sind.

Darunter befinden sich Bomben, Granaten und Kanister, die mit den schädlichen Chemikalien gefüllt sind. Arsenhaltige Kampfstoffe, Phosgen und Senfgas vermutet der Experte in der Munition.

Munition kann an Ostsee-Küste gespült werden

„Die Altlasten lagern gerade einmal in zehn bis zwölf Meter Tiefe“, erklärt Nehring. Deshalb sind die Kampfstoffe deutlich mobiler als Altlasten, die in größerer Entfernung zur Küste versenkt wurden.

„Durch Sandaufspülungen, die Strömung der Ostsee oder bei starkem Wind kann Munition ganz einfach an den Strand gespült werden“, so der Experte. Im Laufe der Zeit verlieren die Gifte kaum an Wirksamkeit.

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Senfgas beispielsweise – der von den Nazis am häufigsten produzierten Kampfstoff – ist sehr stabil und ist auch nach Jahren noch brandgefährlich. Besonders heikel: Gerade im Sommer, wenn die Strände voller Badegäste sind, erreicht das Gas seine höchste Wirksamkeit.

Ostsee: Grausame Verletzungen

Dabei kann es zu grausamen Unfällen kommen. Bei Kontakt mit einem Senfgasklumpen „reagiert die Haut sofort“, warnt Stefen Nehring. „Es bilden sich Brandblasen und die Haut wird großflächig verätzt“, führt er aus.

Auch bei Bornholm ist nach dem Zweiten Weltkrieg Giftgas versenkt worden. Sowjetische Truppen kippten im Jahr 1947 rund 11.000 Tonnen chemischer Kampfmittel in die Ostsee.

Hier hat sich das Gefahrenpotential der Altlasten bereits gezeigt: Im Laufe der Zeit sind Fischern immer wieder mit Senfgas gefüllte Granaten ins Netz gegangen, wobei nicht Wenige schmerzhafte Verletzungen davontrugen.

Schädliche Gase an der Ostsee

Aber Senfgas ist längst nicht der einzige Stoff, der Strandbesuchern gefährlich werden kann. Nerven- oder Lungenkampfstoffe können bereits beim Einatmen Schäden anrichten.

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Ein gewaltiges Problem, denn viele Munitionskörper rosten und zersetzen sich im Laufe der Zeit, sodass die schädlichen Gase ungehindert austreten können.

„Solche Stoffe können das Nervensystem schädigen oder die Lunge verätzen“, erklärt der Experte im Gespräch mit MOIN.DE. Schlimmstenfalls könnte es sogar zum Tod kommen. „Die Kampfmittel sind ja gemacht, um den Gegner auszuschalten“, stellt der Meeresbiologe klar.

Kampfstoffe spurlos in der Ostsee verschwunden

„Eine massive Gesundheitsgefährdung“, fasst Nehring zusammen. Und das ist noch längst nicht alles: 1961 versenkte die Hansestadt Lübeck mit Zustimmung der Bundesbehörden erneut chemische Kampfstoffe im Meer.

Dabei handelte es sich um 15 Flaschen Giftgas. Bis heute gibt es keinen konkreten Hinweis darauf, wo die Schadstoffe liegen – sie scheinen spurlos im Meer verschwunden. Aufgrund der akuten Gefahrenlage fordert Stefen Nehring ein sofortiges Handeln.

Experte hat klare Forderungen für Ostsee-Küste

„Die Versenkungsgebiete sollten sofort gesperrt werden“, sagt der Experte. Anschließend sollte eine flächendeckende Munitionssuche durchgeführt und die am meisten belasteten Gebiete schnellstmöglich saniert werden.

„Die Gefahren durch Senfgas und Co. lassen kein Zögern mehr zu“, betont der Meeresbiologe. Leider haben seine Vorschläge bisher kein Gehör gefunden.

Ostsee: „Anfangsverdacht konnte zerstreut werden“

Im Juni vergangenen Jahres erst erklärte das Kieler Umweltministerium, zwar von den Geschehnissen in der Lübecker Bucht zu wissen. Nachprüfung der Unterlagen hätten den Verdacht aber nicht erhärten können.

„Der Anfangsverdacht konnte zerstreut werden“, heißt es auch von der Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage, die die Fraktion der FDP im Juli 2020 gestellt hatte.

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Angesichts der Faktenlage völlig unverständliche Reaktionen für Stefan Nehring. „Chemische Kampfstoffe direkt vor den Stränden haben ein enormes und bis heute konsequent ignoriertes Gefahrenpotenzial“, macht er noch einmal klar.