Hamburger SV: Dieser HSV-Stürmer schoss fast so viele Tore wie Uwe Seeler – aus gutem Grund wird er geächtet

Uwe Seeler ist der erfolgreichste Torschütze des HSV, allerdings nur ganz knapp.
Uwe Seeler ist der erfolgreichste Torschütze des HSV, allerdings nur ganz knapp.
Foto: imago images / Sven Simon / Strussfoto

Hamburg. Es ist eine unglaubliche Zahl: Etwas mehr als 400 Tore erzielte Uwe Seeler als Profi für den Hamburger SV zwischen 1954 und 1972. Ein Rekord, den wohl nie jemand übertreffen wird. Kaum zu glauben, dass es vor Uwe Seeler jemanden gab, der fast mehr Tore schoss und lange der Rekord-Torschütze des Vereins war.

Der HSV kann froh sein, dass „Uns Uwe“ dem ein Ende setzte und den Ball noch ein paar mal mehr ins Tor schoss, als Otto Harder. Der soll nämlich zwischen 1912 und 1931 insgesamt 387 Tore für den Hamburger SV beziehungsweise einen von dessen Vorgänger-Vereinen geschossen haben.

Hamburger SV: Keine Legende

Trotzdem: „Unter den HSV-Legenden im Museum ist Otto Harder nicht zu finden", sagt Alexander Iwan vom HSV-Museum MOIN.DE. Denn Otto Harder war keine Legende, sondern ein Verbrecher.

Geboren wurde der Braunschweiger 1892, wo er später auch bei der Eintracht spielte. Weil seine Spielweise dort an einen (dunkelhäutigen) Spieler der Tottenham Hotspur erinnerte, gab man ihm den Spitznamen „Tull“. Nach vier Jahren wechselte er zum HFC v. 1888 und spielte im April 1914 das erste Mal für die deutsche Nationalmannschaft.

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Kurz darauf brach der Erste Weltkrieg aus. Schon hier zeigte sich, in welche Kerbe der bullige Mittelstürmer schlug: Er meldete sich freiwillig für den Kriegsdienst, kämpfte an der Westfront und erhielt das Eiserne Kreuz.

HSV: Harder und Halvorsen

Nach dem Krieg gewann Otto „Tull“ Harder (im Foto unten in der Mitte) dann 1923 mit dem HSV die Deutsche Meisterschaft und galt als der erfolgreichste Mittelstürmer Deutschlands. Ein absoluter Star in der damaligen Fußball-Zeit.

Beim HSV schoss er Tore zusammen mit dem Norweger Asbjörn Halvorsen (im Foto zweiter von rechts, oben), der aus beruflichen Gründen nach Hamburg kam und ebenfalls ein gefeierter Star war.

„Harder und Halvorsen galten in Ihrer HSV Zeit als dicke Freunde. Die Kameradschaft und Zusammenhalt in der Mannschaft war damals aber auch enorm hoch", sagt Alexander Iwan.

Otto „Tull“ Harder wechselte schließlich 1931 mit 39 Jahren zum SV Victoria Hamburg, wo er seine Karriere 1934 beendete. Halvorsen spielte noch bis 1933 beim HSV. Dann übernahmen die Nazis die Macht und der Norweger floh in seine Heimat.

HSV: Harder wird zum Vollblut-Nazi

Der Werdegang von Harder in dieser Zeit ist der Grund dafür, weshalb man bei Führungen im HSV-Museum laut Alexander Iwan explizit darauf hinweise, warum er nicht unter den HSV-Legenden zu finden ist. „Über sein Leben und auch seine Karriere im Nationalsozialismus ist inzwischen so gut wie alles lückenlos aufgeklärt, weswegen wir da sehr offen aufklären können."

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Der Mittelstürmer trat im Oktober 1932 der NSDAP und acht Monate später der SS bei, heißt es vom Museum. Im August 1939 erhielt er den Einberufungsbefehl der Waffen-SS und wurde ins KZ Sachsenhausen beordert. Doch Harder soll sich gesträubt haben und wollte lieber an die Front. Wie im ersten Weltkrieg.

Weil er zu alt war, wurde er ins Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg versetzt und war zwischen 1940 und 1944 in der Lagerverwaltung tätig.

Ex-HSV-Freunde im gleichen KZ

Seine ehemaliger HSV-Freund Halvorsen wurde 1942 in Norwegen von der Gestapo festgenommen und in mehrere KZs gesteckt. Unter anderem auch in Neuengamme, wo er 1945 in erbärmlichem Zustand befreit wurde. Harder und er sollen sich dort aber nicht begegnet sein.

Der ehemalige Stürmer wurde 1944 Kommandant des Außenlagers Hannover Ahlem, wo ungefähr 1000 Gefangene interniert waren. Anfangs waren es überwiegend polnische Juden aus Lodz. Die Gefangenen mussten in einer ehemaligen Asphaltgrube arbeiten.

In Folge der schweren Arbeit und der mangelnden Ernährung waren sie körperlich schwer geschädigt. Viele Häftlinge wurden zu Tode geprügelt oder mittels Schikanen in den Selbstmord getrieben.

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Im Mai 1947 wurde Otto „Tull" Harder vor dem britischen Militärgericht wegen Mordes und Misshandlung internierter Bürger angeklagt. Während der Verhandlung verwies er immer wieder auf seinen Sportgeist und seine Freundschaft zu englischen Spielern. Auch sagte er aus, dass er seinen Posten in Ahlem nie gemocht habe und das Gefühl gehabt habe, dass er wegen seiner Gutherzigkeit nicht am rechten Ort gewesen sei.

HSV-Stürmer machte auf unschuldig

Außerdem hätte er sich bei den unabdingbaren Bemühungen Sauberkeit, Ordnung und Disziplin aufrecht zu erhalten stets im Rahmen des menschlichen Anstands bewegt. Die Verpflegung der Häftlinge wäre „gut und ausreichend“ gewesen und diese wären froh gewesen, etwas zu tun zu haben.

„Das Zitat von Harder zu den Haftbedingungen ist natürlich nicht die Realität gewesen. Das können wir inzwischen gut nachweisen", sagt Alexander Iwan vom HSV-Museum. Die Zustände in dem Lager sollen selbst für KZ-Verhältnisse schrecklich gewesen sein.

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Nachdem sein Äußerungen sich als Schutzbehauptungen herausstellten, behauptete Harder, von den Vorgängen nichts gewusst zu haben und sich „bewusst“ nichts zu Schulden kommen haben lassen.

Das Gericht verurteilte den ehemaligen HSVer zu 15 Jahren Haft. Die Strafe wird später auf zehn Jahre reduziert. Im Vergleich zu anderen kommt er glimpflich davon. Zwei seiner Untergebenen werden zum Tode verurteilt.

HSV empfing Harder jubelnd

Der HSV schließt ihn 1947 kurzzeitig aus dem Verein aus. Von seiner Haftstrafe sitzt Otto Harder nur viereinhalb Jahre in Werl ab und kehrt bereits 1951 nach Hamburg zurück. Am alten HSV-Stadion am Rothenbaum wurde er im Februar 1952 vom Publikum begeistert jubelnd empfangen.

Man habe zu seinen Lebzeiten nur das Sportliche gesehen, sagt Iwan. „Ob sich Harder und Halvorden nach dem Krieg noch einmal wiedergesehen haben ist nicht abschließend bekannt." Es habe auf jeden Fall keine Freundschaft mehr gegeben.

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Im HSV-Museum gibt es einen Bereich zur NS-Zeit, in dem die beiden eine eigene Vitrine haben.

Außerdem bringt man in kleinen Kursen Schulkindern die „Täterbiographie von Otto Tull Harder" näher.

Dem Nazi und SS-Verbrecher, dessen Spitznamen nach einem Dunkelhäutigen entstand und der 1956 verstarb. Halvorsen verstarb 1955 vermutlich an den Spätfolgen seiner KZ-Aufenthalte.

HSV Otto Tull Harder