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Hamburg: So steht es um die Mafia-Strukturen in der Stadt – Expertin mit düsterem Urteil

Die anerkannte Mafia-Expertin Petra Reski hat eine düstere Einschätzung zu den Mafia-Strukturen in Hamburg abgegeben.

Petra Reski ist eine anerkannte Mafia-Expertin und sprach in Hamburg über die Strukturen italienischer, krimineller Clans. Foto: Paul Schirnhofer

Sie ist eine der mutigsten Frauen, die es jemals gewagt haben, sich gegen die Mafia aufzulehnen. Das macht Petra Reski sehr erfolgreich, indem sie seit vielen Jahren aufklärende Sachbücher und Romane über die italienischen Kartelle schreibt. Mehrfach ist die Mafia-Expertin schon mit dem Tod bedroht worden. Trotzdem ist sie nicht leise. Jetzt war die Autorin, die ihre Karriere an einer Hamburger Journalistenschule startete und seit 1991 in Venedig lebt, im Italienischen Kulturinstitut in Harvestehude. Dort präsentierte sie ihr Buch „Venezia, atto finale“/„Als ich einmal in den Canale Grande fiel“. Eine wehmütige Hommage an ihre Lieblingsstadt, die immer mehr dem Massentourismus zum Opfer fällt. Ein sehr persönlich geschriebenes Buch über die Veränderungen des italienischen Kultur-Hotspots. Bei der Gelegenheit sprach MOIN.DE mit Petra Reski auch über die Mafia-Strukturen in Hamburg.

„Bin ganz massiv auf einer Lesung bedroht worden“

Bei Ihren letzten Büchern „Bei aller Liebe“, „Die Gesichter der Toten“ und „Palermo Connection“ handelt es sich um Mafia-Krimis und nicht mehr um Sachbücher. Warum?

Sie sind sehr wohl inspiriert von wahren Begebenheiten, aber indem ich die Fakten in Romane kleide, schütze ich mich vor Klagen. Aber es ist nicht so, dass ich damit aufgehört hätte, auch in Sachbuchform über die Mafia zu schreiben. Nach den Romanen habe ich noch ein Buch mit dem Grundlagenwissen zur Mafia in Deutschland veröffentlicht: „100 Seiten Mafia“.

Wie sind Sie denn bedroht worden?

Einmal im Gerichtssaal in München, als mir vom Kläger gesagt wurde: „Fahr’ zurück nach Venedig, wir wissen, wo du wohnst.“ Da hatte die Richterin Polizeischutz für die Verhandlung angeordnet, was ungewöhnlich für einen Zivilprozess ist. Am Ende der Verhandlung sagte der „erfolgreiche, italienische Unternehmer“ dann noch zu meinem Anwalt, ich solle das nächste Mal mit sechs Polizisten kommen und nicht mit zwei. Er war der Annahme, dass die Polizisten für mich da gewesen wären. In Erfurt bin ich ganz massiv auf einer Lesung bedroht worden, das war eine präzis orchestrierte Angelegenheit. Hinterher fand ich heraus, in welchem Zusammenhang diese Leute zu bestimmten Mafiosi in Erfurt standen.

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Hamburg ist beliebt bei italienischer Mafia

Was können Sie zu Mafia-Strukturen in Hamburg sagen?

Ganz Deutschland ist das gelobte Land der italienischen Mafia. Hamburg ist da keine Ausnahme. Überall, wo viel Geld ist, versucht die Mafia, ihr Geld zu waschen. Es ist inzwischen nicht mehr so, dass sie nur auf bestimmte Regionen reduziert ist. Die deutsche Gesetzgebung macht es der Mafia sehr leicht, ihre Geschäfte zu betreiben. Es gibt leider keinen Paragrafen, der die Mafia-Zugehörigkeit bestraft und beim Paragrafen über kriminelle Vereinigungen muss konkret nachgewiesen werden, dass derjenige eine Straftat vorbereitet oder ausführt. In Italien dagegen ist allein die Zugehörigkeit zur Mafia schon ein Straftatbestand. Die deutsche Gesetzgebung macht es zu leicht, Geld zu waschen, da es keine Beweislastumkehr gibt. Der Ermittler muss nachweisen, dass das Geld aus schmutzigen Quellen stammt, nicht der Investor. Sogenannte „anlassunabhängige“ Finanzermittlungen sind nicht möglich. Mafiosi schöpfen diese Möglichkeiten exzessiv seit Jahrzehnten aus.

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In Berlin gibt’s eine große Clan-Kriminalität. Gibt es in Hamburg vergleichbare Familien italienischer Herkunft?

Nein, das ist eine folkloristische Vorstellung von der Mafia. Die funktioniert auch nicht wie die Clan-Kriminalität. Die Clans zu bekämpfen, dahinter verbirgt sich oft auch politisches Kalkül. Es ist einfacher, etwas als bedrohlich zu empfinden, wenn zum Beispiel bärtige Libanesen in dicken Autos herumfahren und ins Auge fallen. Die italienische Mafia hingegen ist hier seit den 1960er Jahren ansässig und besteht keineswegs nur aus Italienern. Mit der Mafia arbeiten auch deutsche Rechtsanwälte, deutsche Geschäftspartner und deutsche Ehefrauen zusammen. Hier wird Geldwäsche im großen Stil betrieben, mit Großprojekten. Diesem Treiben auf die Spur zu kommen, ist viel schwieriger, als Clan-Kriminalität zu jagen. 

Hamburg: „Nicht alle Pizzerien unter Generalverdacht stellen“

Was ist da dran, dass besonders Pizzerien von der Mafia unterwandert sein sollen?

Ich würde nicht alle unter Generalverdacht stellen, aber Pizzerien sind nach wie vor eine Nahtstelle, weil man dort nicht nur Geld waschen und Drogen verkaufen kann. Viel wichtiger ist, dass man dort leicht die besten Kontakte knüpfen kann, nämlich auf eine lockere, lässige Art. Wenn Bürgermeister oder Baudezernenten, dorthin zum Essen gehen, kommt man mit ihnen in Kontakt. Und kann ihm etwa Sonderkonditionen für das Catering einer Parteiveranstaltung anbieten. Von diesen guten Kontakten lebt die Mafia.


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Neben den Pizzerien gibt es in Hamburg auch viele italienische Weinhändler. Wie funktioniert das Geschäft da? Zahlen die Schutzgeld? 

In Deutschland wird schon lange kein Schutzgeld mehr verlangt, die italienischen Gastronomen werden viel mehr gezwungen, bestimmte Produkte abzunehmen. Das kann eine Restaurant-Einrichtung sein, oder sie müssen bestimmte Weine in ihrem Sortiment aufnehmen. Durch den Feinkostgroßhandel können italienische Restaurants kontrolliert werden. So kam bei Ermittlungen in Stuttgart zum Beispiel heraus, dass der gesamte Fischmarkt in der Hand der ’Ndrangheta aus Kalabrien lag, ein Monopol des Clans Farao. 

Hamburger Fischmarkt ist für die Mafia sehr interessant

Und was ist mit dem Hamburger Fischmarkt? Ohne mich auf Ermittlungen zu stützen, kann ich zu dem Hamburger Fischmarkt nichts sagen. Aber Hamburg ist natürlich für die Mafia sehr interessant wegen des Hafens. Der ist nicht nur ein Hotspot der Globalisierung und der deutschen Exportwirtschaft, Nummer drei in Europa nach Rotterdam und Antwerpen, sondern auch eine wichtige Drehscheibe für den Drogenhandel der ‚Ndrangheta oder der albanischen Mafia. Kokain in Bananendampfern, in Mandeln aus Afghanistan oder Kokain-Pakete