Hamburg: Musical-Darsteller ein Jahr ohne Auftritt – was er dazu sagt, überrascht

Carl van Wegberg (43) macht bei „Pretty Woman“ in Hamburg mit – dann kam Corona.
Carl van Wegberg (43) macht bei „Pretty Woman“ in Hamburg mit – dann kam Corona.
Foto: imago images / Travel-Stock-Image, privat (Montage MOIN.DE)

Hamburg ist DIE deutsche Stadt, wenn es um Musicals geht. Jahrelang hat die Hansestadt Tausende Menschen mit Musicals wie „Marry Poppins“, „Aladdin“ oder dem All-Zeit-Liebling „Der König der Löwen“, begeistert.

Auch 2020 sollte es in Hamburg mit „Tina“ und „Pretty Woman“ heiß hergehen. Doch dann kam Corona. Im MOIN.DE-Interview erzählt ein Musical-Darsteller von „Pretty Woman“, wie er das Corona-Jahr erlebt hat und gibt uns Einblicke und Hintergrundinfos der Welt eines Musical-Darstellers.

Hamburg: Carl van Wegberg spielt bei „Pretty Woman“ mit

Bei „Pretty Woman“ fungiert der Niederländer Carl van Wegberg (43) als Principle Swing für Edward Lewis und Philipp Stuckey.

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MOIN.DE: Wie kommt man eigentlich zur Musicalwelt?
Carl van Wegberg: Meine Eltern haben immer in Amateurchören gesungen und Operetten aufgeführt. Ich selbst habe schon als Kind in einem Kinderchor gesungen, außerdem Piano und Klarinette gespielt. Später sang ich in einer Band. Meine erste Begegnung mit der Musicalwelt war als Zuschauer bei „Phantom der Oper“. Ich war einfach nur begeistert. Ab meinem 16. Lebensjahr habe ich dann Gesangsunterricht genommen.

Über Umwege hatte ich dann einen Platz bei der „Fontys Tanzakademie Tilburg“ und immer wieder Auftritte mit dem Niederländischen Musical Ensemble. Dort hatte ich auch zahlreiche Workshops. Nach Deutschland bin ich durch einen Job bei „Tanz der Vampire“ gekommen und seitdem bin ich hier.

Viele Theater haben nach dem ersten Lockdown wieder geöffnet. Wieso war das für die Musicals wie „Pretty Woman“ keine Option?
Das Problem liegt damals wie heute an der Größe der Musicals. Trotz der Ausarbeitung geeigneter Hygienekonzepte hätte es sich einfach nicht gelohnt. Die „Stage Entertainment“, die auch „Pretty Woman“ ausrichtet, wird nicht subventioniert. Die Hygienekonzepte hätten zu einer drastischen Reduktion der zulässigen Besucheranzahl geführt, was sich einfach nicht gerechnet hätte.

Man muss auch bedenken, dass man pro Aufführung Lizenzgebühren zahlen muss, um überhaupt auftreten zu dürfen. Durch die Gebühren und die laufenden Kosten braucht man eine bestimmte Anzahl an Besuchern, um den „Break-Even“ zu erreichen.

War das Corona-Jahr finanziell schwierig?
Zum Glück habe ich Kurzarbeitergeld bekommen, weil ich in einem Angestelltenverhältnis bin für die Laufzeit des Musicals. Alle, die bei „Stage Entertainment“, angestellt sind, erhalten seit Anfang des ersten Lockdowns Kurzarbeitergeld.

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Gab es auch Vorteile am Corona-Jahr für dich?
Klar gibt es positive Aspekte. Zeit für sich zu haben, besser für sich zu sorgen, gesund essen, was bei dem Alltagsstress manchmal auf der Strecke bleibt. Man kann mal durchatmen, weil die ganze Welt stillsteht und nichts erwartet wird von einem. Und Zeit zu haben, um sich weiter zu entwickeln, zu trainieren und Gesangsunterricht zu nehmen.

Was war im Jahr 2020 besser als alle Jahre zuvor?
Mehr Zeit zu haben wegen dem Berufsverbot. Und weil ich in Kurzarbeit bin, bin ich finanziell abgesichert. Viele Kollegen und Selbstständige hatten dieses Glück nicht.

Weißt du, wie sich Kollegen und andere Selbständige geholfen haben?
Zunächst einmal konnte man eine finanzielle Unterstützung bei „Rockcity Hamburg e.V.“ beantragen. Diese Soforthilfe-Fonds wurden speziell für Freiberufler ausgeschüttet. Angestellte konnten sich dafür natürlich nicht bewerben. Und um die Aufmerksamkeit ein wenig zu verbreiten, aber auch um Leute etwas zu bespaßen, gab es Online-Konzerte. Roun Zieverink hat diese unter der Headline „Kitchen Concerts“ organisiert. Diese waren für die Zuschauer kostenlos, aber natürlich wurden die Leute dadurch auch zum Spenden angeregt. Eine Klasse Aktion für die Musiker.

Hast du schon einen Plan B, wenn Musicals erstmal nicht mehr aufgeführt werden können?
Ich war schon vor der Krise am Rumschauen, um mich weiterzuentwickeln. Ich habe angefangen eine Ganzheitliche Behandelmethode zu lernen, was ich gerne zusätzlich machen möchte und ich mache gerade Workshops, um selbst Gesangsunterricht geben zu können. Aber viele Kollegen und Freunde haben sich was anderes gesucht und kehren der Musicalwelt erstmal den Rücken.

Da alles auf Eis gelegt worden ist, sind die meiste Produktionen verschoben worden und werden mit der schon bestehenden Besetzung hoffentlich im nächsten Jahr aufgeführt. Daher werden auch nicht viele Jobs frei für nächstes Jahr.

Was würdest du aktuell zu jungen Menschen sagen, die den Traum haben, Musical-Darsteller zu werden?
Auch wenn es kitschig klingt, aber: „Folge deinem Traum“. Ich war schon immer optimistisch eingestellt. Aber an der Schwierigkeit des Jobs hat sich auch durch die Pandemie nichts geändert. Es ist und bleibt ein sauschwieriger Beruf. Und wie heißt es so schön: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“

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Siehst du eine Zukunft für Musicals?
Musicals bleiben, auch nach der Corona-Zeit. Sie sind Teil einer großen Unterhaltungsbranche. Es ist nur die Frage, inwiefern sie weiter existieren. Bei „Stage Entertainment“ werden jetzt Mitarbeiter entlassen, um Geld zu sparen. Da „Stage Entertainment“ eine private Gesellschaft ist, bekommt sie, außer Kurzarbeitergeld, keine weitere Unterstützung von der Stadt.

Stadt- und Staatstheater wird es weiterhin geben und sie werden, wenn es nötig ist, coronakonform, inszenieren. Aber das heißt: kleinere Produktionen, weniger Menschen auf der Bühne, also weniger Arbeit in der Branche. Ich hoffe nur, dass die Unterhaltungsbrache und Veranstaltungsbranche mehr Unterstützung bekommen werden.

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Was ist deine Perspektive im Musicalbereich für 2021?
Das weiß ich nicht. Meine Anstellung bei „Pretty Woman“ geht nur noch bis Juni 2021. Gerade gehe ich sehr stark davon aus, dass ich ab da an arbeitslos bin, da ich bislang noch keinen Anschlussjob habe. Aber ich bleib' optimistisch! Es wird bestimmt was Gutes um die Ecke kommen.