„Mein Schiff“ und Aida brechen Reisen ab, Kreuzfahrt-Experte spricht jetzt Klartext: „Sehr ernst nehmen“

Kreuzfahrten: Urlaub auf hoher See

Kreuzfahrten: Urlaub auf hoher See

Von Jahr zu Jahr stechen mehr Touristen in See. Kreuzfahrten werden weltweit immer beliebter. Auch immer mehr Deutsche machen Urlaub auf hoher See.

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Seit mehreren Monaten haben die Reedereien Aida und Tui Cruises mit der „Mein Schiff“-Flotte ihren Kreuzfahrt-Betrieb wieder aufgenommen. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen ist das Reisen auf See wieder möglich. Größere Zwischenfälle hatte es seither nicht gegeben.

Seit dem Jahreswechsel jedoch überschlagen sich die Ereignisse. Unter anderem mussten die „Aida Nova“ und die „Mein Schiff 6“ ihre Reisen abbrechen und die Passagiere vorzeitig nach Hause zurückkehren (MOIN.DE berichtete). Immer wieder ziehen Corona-Ausbrüche an Bord eine große Aufmerksamkeit auf sich. Wie es um die aktuelle Lage der Kreuzfahrt-Branche bestellt ist und ob sich die Reedereien von den massiven Einbußen erholen werden, darüber hat MOIN.DE mit dem Wirtschafts- und Kommunikationsberater Thomas P. Illes gesprochen.

Aida und „Mein Schiff“: „Zahlen sind bescheiden“

Seit gut 30 Jahren ist Thomas P. Illes mit der Hochseetouristik verbunden und gilt als einer der international renommiertesten Schifffahrtsanalysten und Kreuzfahrt-Experten. Auch er hat die aktuellen Vorfälle und die Auswirkungen von Omikron verfolgt: „Laut Virologen und Epidemiologen ist diese Virus-Variante um einiges ansteckender. Das zeigen die Zahlen. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn die Kreuzfahrt davon nichts gespürt hätte“, so Illes.

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Dennoch gebe es dabei etwas Wichtiges zu berücksichtigen: „Wenn man jedoch die Positivitätsraten an Land denjenigen auf Schiffen gegenüberstellt, sind die Zahlen an Bord im Moment vergleichsweise bescheiden. Wir müssen Omikron dennoch sehr ernst nehmen.“

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Daten und Fakten zu „Mein Schiff“:

  • Insgesamt sieben Kreuzfahrtdampfer zählen zur „Mein Schiff“-Flotte der Reederei Tui Cruises
  • Die gesamte „Mein Schiff“-Flotte fährt unter der Flagge von Malta, daher gibt es auch keine Umsatzsteuer an Bord
  • Die Reederei hat ihren Firmensitz in Hamburg
  • Bis voraussichtlich 2026 sollen drei neue „Mein-Schiff“-Kreuzer gebaut werden
  • Insgesamt ca. 6.980 Besatzungsmitglieder sind an Bord der Schiffe für Tui Cruises im Einsatz

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Die bisherigen Maßnahmen, die Sicherheits- und Hygieneprotokolle auf den Schiffen, hätten gut funktioniert. Mehrere Hunderttausend Passagiere seien sehr sicher befördert worden. Nun allerdings „wird alles wieder ordentlich durchgeschüttelt, nicht nur die Kreuzfahrt.“

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Trotz der bewährten Konzepte sieht Thomas P. Illes noch Verbessungspotenzial: „Ein Punkt wäre zum Beispiel die Maskenpflicht an Bord noch rigoroser durchzusetzen. Grundsätzlich sind die Reedereien aber bereits auf einem sehr hohen Sicherheitsstandard. An Bord hat man teils ein sichereres Umfeld als in manchen Einrichtungen an Land. Ob man damit auch Omikron in einem vertretbaren Maß standhalten kann, wird sich beweisen müssen.“

Aida und „Mein Schiff“: Kunden klagen über mangelnden Service

Die Reedereien müssen aufgrund der ständigen Änderungen, strengen Vorschriften und vielen Ausfälle hohe administrative Anstrengungen unternehmen. Auch MOIN.DE hat bereits darüber berichtet, dass Passagiere und Kunden die Kommunikation der Unternehmen kritisieren. Informationen etwa über Stornierungen oder Umbuchungen würden teils zu langsam fließen, die Erreichbarkeit des Services wird immer wieder bemängelt. Der Kreuzfahrt-Experte sieht hier Nachholbedarf, betont allerdings auch den enormen Aufwand, den es benötigt.

„Die Kommunikation großer Teile der Kreuzfahrt-Branche war in den letzten Jahren, auch bereits vor Corona, nicht immer mustergültig“, sagt er. „Andererseits muss ich die Reedereien in Schutz nehmen. Wie sollen sie schnell und stets rechtzeitig bis ins kleinste Detail kommunizieren können, wenn sich die Ausgangslage gleichzeitig weltweit andauernd kurzfristig verändert? Das ist fast nicht zu schaffen. In der jetzigen Situation, in der sich stündlich Änderungen ergeben, ist das wahnsinnig aufwendig und anspruchsvoll.“

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Daten und Fakten zu Aida:

  • Aida ging aus der „Deutsche Seereederei“ hervor, einem volkseigenen Betrieb im Feriendienst der DDR
  • 1996 ging das erste Aida-Clubschiff auf Reise, derzeit (Stand 2021) besteht die Flotte aus 13 Schiffen
  • 15.000 Menschen aus 50 Ländern arbeiten für Aida, davon 13.500 an Bord der Schiffe
  • Der Firmensitz von Aida ist in Rostock, die Reederei hat ihren Sitz in Hamburg
  • Die Schiffe fahren unter italienischer Flagge, Aida gehört zum italienischen Unternehmen Costa Crociere

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Seit zwei Jahren schaffe es die Branche dennoch in Fahrt zu bleiben, ihre wirtschaftliche Existenz zu bewahren und Alternativszenarien zu erarbeiten und diese auch durchzuführen.

„Die Kreuzfahrt-Industrie hat sehr viel Symbolkraft. Sobald etwas auf einem Schiff passiert, gibt es mediale Berichterstattung. Da verschiebt sich schnell einmal die Realität. Die Branche wird oft zu Unrecht auf eine Art und Weise verurteilt, die wenig faktenbasiert ist. Die Reedereien haben hier zugegebenermaßen einen schweren Stand.“

Aida und „Mein Schiff“: Wie wird die Zukunft aussehen?

Ein Blick in die Zukunft ist bisher kaum möglich. Wie in anderen Wirtschaftszweigen auch, wird erst die Entwicklung der Pandemie zeigen, wann eine Rückkehr zur Normalität möglich ist. Wie wird es weitergehen?

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„Das hängt sehr vom weiteren Verlauf der Pandemie ab. Es ist nach wie vor aber so, dass Seereisen sehr gefragt sind. Viele Menschen haben zudem entdeckt, dass Kreuzfahrten sehr facettenreich sein können. Das Unterwegssein auf dem Meer berührt sehr viele Menschen. Reedereien erfüllen Träume und Menschen sehnen sich danach, dass diese in Erfüllung gehen.

Wenn wir gleichzeitig das Nachhaltigkeitsproblem noch konsequenter angehen, wozu es mittlerweile vielerorts vielversprechende Lösungsansätze gibt, bin ich überzeugt, dass die Branche langfristig wieder eine Zukunft hat. Deswegen bleiben auch die Investoren.“

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Sobald sie wieder zufriedenstellend ausgelastet sind, hätten die großen Schiffe eine Zukunft. Die Kreuzfahrtbranche habe gelernt, ökologischer und innovativer zu werden, so der Experte. „Zwar gibt es noch viel Verbesserungsbedarf. Aber wenn wir diese Schiffe verbieten würden, wie es einige fordern, würden wir für die Zukunft einer insgesamt nachhaltigeren Seeschifffahrt wohl mehr verlieren als gewinnen“, betont Thomas P. Illes.