Ostsee: Was hier entstehen soll, löst große Sorgen aus – „Katastrophale Folgen nicht auszumalen“

Nordsee vs. Ostsee: Das unterscheidet beide voneinander

Nordsee vs. Ostsee: Das unterscheidet beide voneinander

Was sind die Unterschiede zwischen Nord- und Ostsee?

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Weite Strände, viel Natur und die Ostsee im Blick: Rund um die polnische Gemeinde Choczewo zieht es auch deutsche Besucher an die Küste. Hier suchen sie eine Auszeit und entziehen sich dem Trubel der deutschen Urlaubsorte.

Doch was in der Nähe des Ortes Lubiatów geplant ist und sich allmählich konkretisiert, löst in der Umgebung sowie an der deutschen Ostsee, große Sorgen aus. Denn die polnische Regierung plant hier den Bau eines Atomkraftwerks.

Ostsee: Viele offene Fragen an der Küste

Seit Jahren bereits hält Polen an seinen Atom-Projekten fest. Geplant sind bis zu sechs Werke über das ganze Land verteilt. Das erste Kernkraftwerk des Nachbarstaates ist direkt an der Ostsee geplant. Die Baumaterialien und die benötigte technische Ausrüstung sollen per Schiff angeliefert werden, die Kühlung der Reaktoren soll durch das Meerwasser erfolgen.

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Von der Anlage, die frühestens 2033 den Betrieb aufnehmen wird, verspricht sich die Regierung eine Alternative zum immer teurer werdenen Kohlestrom. Mehr als ein Gigawatt Leistung soll das neue AKW dann produzieren. Viele andere Punkte sind allerdings noch unklar. Unter anderem haben sich Frankreich, Südkorea und die USA beworben, um die benötigte Technik zu liefern. Eine Entscheidung darüber wird in diesem Jahr erwartet.

Auch ein Umweltverträglichkeitsbericht wurde noch nicht erstellt. Ebenso unklar ist, was mit dem gefährlichen Atommüll passieren wird. Ein Endlager gibt es noch nicht. Zudem muss die Infrastruktur massiv ausgebaut werden, um die enormen Strommengen zu übertragen.

Ostsee: Enorme Auswirkungen für Bürger in Deutschland

Zwar hat die polnische Regierung in der Vergangenheit angegeben, dass die Pläne keinerlei Auswirkungen auf Nachbarstaaten hätte, ein von den Grünen beauftragtes Gutachten mehrerer Umwelt- und Nuklearexperten, stellt jedoch anderes fest. Darin kommen die Ersteller zu dem Schluss, dass bei drei Viertel aller möglichen Wetterbedingungen die Nachbarländer bei einem Super-GAU stärker von radioaktiver Strahlung betroffen wären als Polen selbst.

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Mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent sind auch die anliegenden deutschen Regionen betroffen. Im schlimmsten Fall müssten demnach bis zu 1,8 Millionen Menschen evakuiert werden. Betroffen wären Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin aber auch Hamburg und Schleswig-Holstein.

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Das ist die Ostsee:

  • auch Baltisches Meer genannt
  • die Ostsee ist das größte Brackwassermeer der Erde
  • die Fläche beträgt 412.500 Quadratkilometer
  • sie ist bis zu 459 Meter tief

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Ein Anwohner, der die Entwicklungen mit Sorge betrachtet, ist Dietmar König* (*Name geändert) aus Ueckermünde bei Usedom. „Ein AKW direkt an der Ostsee-Küste ist an sich schon ein Super-GAU“, berichtet er im Gespräch mit MOIN.DE. König fürchtet den fehlenden Informationsfluss und die möglichen Folgen eines Zwischenfalls für die Ostsee. „Die Ostsee ist ein hochsensibles Ökosystem. Bei einem Unfall, wären die katastrophalen Folgen für Mensch und Natur nicht auszumalen“, sagt er.

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Bisher gibt es in Deutschland kaum sichtbare Proteste gegen die polnischen Pläne. Im Nachbarland allerdings regt sich seit langer Zeit Widerstand gegen das AKW-Projekt. Während die polnische Regierung beteuert, dass 74 Prozent der Bürger für den Bau der Kraftwerke sind, konnte eine offizielle Studie des polnischen Meinungsforschungsinsituts CBOS nur 39 Prozent ausmachen. Die Organisation „Nie dla Atomu w Lubiatowie“ („Nein zum Atom in Lubiatów“) macht beispielsweise mobil und informiert Anwohner über die Auswirkungen eines Kernkraftwerkes in der Nachbarschaft.

Ostsee: Kritik an polnischen Plänen

Auch die deutsche Anti-Atom-Organisation „.ausgestrahlt“ verurteilt die Pläne. „Sollte es wirklich zu solchen Projekten kommen, wird die Bauzeit am Ende vielleicht bei 15 bis 20 Jahren liegen. Unser CO2-Budget ist allerdings in siebeneinhalb Jahren aufgebraucht. Wir brauchen schnelle Lösungen. Jeder Euro, der in ein Atomkraftwerksprojekt fließt, ist ein verlorener für den Klimaschutz. Wir müssen viel mehr auf erneuerbare Energien setzen“, sagt Jochen Stay von „.ausgestrahlt“.

Er kritisiert auch die Bestrebungen, dass Atomenergie auf der EU-Ebene zu einer nachhaltigen Energieform erklärt wird. „Da hätte die Bundesregierung deutlich mehr Einfluss nehmen können als sie es getan hat.“

„Das hätte auch Folgen für das polnische Programm gehabt, denn Atomenergie ist mittlerweile die teuerste Form, Strom zu erzeugen. Solche Projekte scheitern daher oft an der Finanzierung. Wenn es in Zukunft allerdings als nachhaltiges Investment gilt, Atomkraftwerke zu bauen – was ziemlich absurd ist angesichts der möglichen Folgen – kann es sein, dass die polnischen Pläne wahrscheinlicher werden.“

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10 Tipps für Urlaub an der Ostsee:

  • Rügen
  • Bornholm
  • Usedom
  • Hiddensee
  • Fischland-Darß-Zingst
  • Poel
  • Heiligendamm
  • Timmendorfer Strand
  • Fehmarn
  • Hohwachter Bucht

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Ostsee: Aufklärung über mögliche Auswirkungen

Gleichzeitig zweifelt Stay, ob es wirklich zum Bau kommen wird. Aktuelle Projekte aus Finnland und Frankreich würden zeigen, dass Atomenergie mittlerweile kaum noch zu finanzieren sei. In den Ländern belaufen sich die Baukosten für einzelne Werke auf bis zu 19 Milliarden Euro. „Auch die polnischen Pläne sind so teuer, dass es dafür erst mal eine Finanzierung geben muss. Das ist noch offen.“

Stay weiß von Sorgen und Kritik aus der deutschen Region. „In Polen gibt es ebenfalls aktive Anti-Atom-Gruppen und viele kritische Stimmen aus der Bevölkerung. Das wird sich sicher vermehren, wenn die Neubaupläne konkreter werden. Das sind sie aus meiner Sicht bisher allerdings nicht“, sagt der Experte.

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Auch Dietmar König hofft, dass der Bau an der Finanzierung scheiert. Gleichzeitig bangt er, dass möglicherweise andere Standorte entlang der Ostsee realisiert werden. In Zukunft will er in seiner Region daher auf die Pläne und die Gefahren durch Atomkraftwerke aufmerksam machen.