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Rostock: Filmteam dreht in Lichtenhagen – was ein Junge macht, ist an Dummheit nicht zu übertreffen

Blick auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. Foto: IMAGO / BildFunkMV

Als beschämend hat Rostocks Polizeipräsidentin Anja Hamann das Verhalten eines 13-Jährigen am Rande der Gedenkveranstaltungen zum 30. Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen bezeichnet.

Bei Dreharbeiten zu einem Polizeieinsatz am Donnerstag soll der Junge mit dem Fahrrad ins Bild gefahren sein und dabei den rechten Arm gehoben haben. „Ich bin froh, dass die sofort eingeleiteten Maßnahmen und die Präsenz der Polizei vor Ort dazu geführt haben, den Tatverdächtigen wenig später festzustellen“, sagte Hamann in Rostock.

Rostock: Jugendlicher nicht strafmündig

Journalisten hätten über den Vorfall informiert und Videomaterial bereitgestellt. Der 13-Jährige gelte noch als nicht strafmündig.

Der Staatsschutz der Kriminalpolizeiinspektion Rostock habe Ermittlungen wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen aufgenommen. Dabei würden die Staatsanwaltschaft Rostock sowie auch die Erziehungsberechtigten einbezogen. Es sollten auch mögliche Hintergründe der Tathandlung untersucht werden, sagte Hamann.

Ausschreitungen von Rechtsextremen in Rostock-Lichtenhagen 1992. Foto: IMAGO / Rex Schober

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Im August 1992 hatten Anwohner und Neonazis unter dem Applaus Tausender Schaulustiger die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende und ein Wohnheim für vietnamesische Arbeiter angegriffen und teils in Brand gesetzt.


Das ist Rostock:

  • größte Stadt unter den 84 Städten in Mecklenburg-Vorpommern
  • rund 210.000 Einwohner (Stand 2020)
  • Hafenstadt reizt durch ihre attraktive Lage an der Ostsee
  • Bekannt ist sie außerdem als Universitätsstadt mit der im Jahr 1419 gegründeten Uni
  • nicht nur ein beliebter Urlaubsort, sondern auch Wirtschafts- und Verkehrsknotenpunkt im Norden Deutschlands

Die Ausschreitungen gelten als die bis dahin schlimmsten rassistischen Übergriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnte am Donnerstag bei einer Gedenkveranstaltung in Rostock vor der Gefahr einer neuen Radikalisierung in Deutschland.

Rostock: „Tage der Schande“

Vor 30 Jahren sei das Sonnenblumenhaus ein Ort schlimmster ausländerfeindlicher Übergriffe geworden, sagte Steinmeier am Donnerstag bei seinem Besuch aus Anlass des Jahrestages.

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„Es ist ein Mahnmal, und es erinnert uns an Tage der Schande in unserem Land. Gerade jetzt, in einer Zeit, die uns herausfordert wie keines der letzten Jahrzehnte, einer Zeit, die uns viel abverlangt, in der Gewohntes in Frage steht und Einschränkungen drohen.“

Frank-Walter Steinmeier in Rostock-Lichtenhagen. Foto: IMAGO / Christian Spicker

Eine besonders wichtige Lehre aus Lichtenhagen für die Gegenwart sei: „Wenn eine Gesellschaft unter Veränderungsdruck steht, dann ist der Weg der Radikalisierung noch kürzer, weil er vermeintlich einfache Lösungen anbietet, ich würde sagen, vorgaukelt.“ Die einfachste aller Lösungen sei die Suche nach einem vermeintlich Schuldigen. „Die Konfrontation mit einer ungewissen Zukunft scheint diesen Reflex zu bestärken.“


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Steinmeier hatte dabei offensichtlich die Folgen des Ukraine-Krieges wie stark steigende Energie- und Lebensmittelpreise im Blick, die viele Menschen in Deutschland besorgen und verunsichern. AfD und Linke haben bereits zu Protesten aufgerufen. Die Sicherheitsbehörden warnen vor einer möglichen Unterwanderung durch Rechtsextreme. (dpa)