Rügen: Die Urlaubsinsel kämpft mit einem Riesen-Problem – „Sich selbst überlassen“

Vom florierenden Tourismus profitieren auf Rügen längst nicht alle.
Vom florierenden Tourismus profitieren auf Rügen längst nicht alle.
Foto: imago images/Leo

Es sind zwei Statistiken, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Seit 1995 hat sich die Zahl der Übernachtungen auf Rügen laut der Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern von etwa drei Millionen auf fast sechs Millionen nahezu verdoppelt. Die größte Insel Deutschlands ist, wie viele andere Urlaubsinseln auch, unheimlich beliebt, besonders im Pandemie-Jahr 2020. Die Urlauber fahren hin, haben Spaß und geben ihr Geld dort aus.

Gleichzeitig aber schwelt bei der Ostsee-Insel auch etwas Trauriges mit. Denn der Landkreis Vorpommern-Rügen, zu dem die Insel gehört, hat mit einem starken Bevölkerungsrückgang zu kämpfen und ist der viertärmste Deutschlands. Wer das nächste Mal auf der Insel Urlaub macht, sollte das bei der Frage nach dem Trinkgeld im Restaurant auf den Promenaden vielleicht bedenken.

+++ Sylt-Fan stellt einfache Frage – da platzt einigen der Kragen +++

Rügen: Ländliche Gebiete sich selbst überlassen

Doch wie kann das sein? Tourismus-Boom bei gleichzeitig grassierender Armut. Die Insel ist zwar nur ein Teil des gesamten Landkreises, doch das ist nicht ausschlaggebend, denn auch Rügen steht schlecht da. „Die ländlichen Gebiete – auf der Insel und dem Festland – sind zu großen Teilen sich selbst überlassen", sagt Manfred Halle vom Sozialverband Rügen zu MOIN.DE. Stattdessen würde vor allem Stralsund davon profitieren, dass sich Institutionen und Daseinsfürsorge dort konzentrierten.

+++ Rügen: Gesundheitsamt völlig überlastet – dann kommt auch noch ausgerechnet diese alarmierende Nachricht! +++

„In der Folge verlassen die meisten jungen Leute nach Schule und Ausbildung gezwungermaßen die Region. Wer nicht gehen kann, lebt zumeist in Armut oder armutsgefährdet in Arbeitslosigkeit oder prekärer Beschäftigung", sagt Manfred Halle.

Und prekäre Beschäftigung, davon soll es im Landkreis und auf der Insel viel geben. Oft sei nur ein Leben am Existenzminimum möglich. Das wahre Leben fernab von den schicken Urlaubsorten wie Binz, Sellin oder Göhren, in die die Massen strömen, ist oft ein anderes.

+++ Ostsee: Mann geht mitten in der Nacht alleine an den Strand – und macht nach langer Suche den Fund seines Lebens +++

Rügen hat kaum Industrie

Im Landkreis generell gebe es laut Halle seit der Wende kaum Industrie und verarbeitendes Gewerbe mehr, dafür aber umso mehr weniger gut bezahlte Arbeit in der Agrar- und Tourismuswirtschaft.

Auch Dirk Ewert vom CDU Kreisverband Vorpommern-Rügen verweist darauf, dass es so gut wie keine Industrieplätze im Kreis gebe. „Auch sind in unserem Landkreis wenig Landes- und Bundesbehörden angesiedelt. Schon allein aus diesen Gründen ist das Lohnniveau im Vergleich zu anderen Regionen automatisch geringer."

---------------

Das ist Rügen:

  • Insel vor der Ostseeküste Vorpommerns
  • Flächengrößte und bevölkerungsreichste Insel Deutschlands
  • Etwa 77.000 Menschen leben hier
  • Rügen ist zehnmal größer als Sylt
  • Auf der Insel gibt es 100 Sonnenstunden pro Jahr mehr als in München
  • Neben Stränden gibt es auf Rügen auch viele Naturschutzgebiete

---------------

+++ Sylt: Unfassbar! Mann parkt sein Auto vor einem Hotel – am nächsten Tag traut er seinen Augen nicht +++

„Die Beliebtheit Rügens als touristische Destination hat keinen Einfluss auf die Armut der alteingesessenen Bevölkerung. Natürlich werden mit dem Tourismus gigantische Einnahmen generiert. Diese bleiben aber nicht auf der Insel, sondern fließen zu nahezu 100 Prozent wieder ab an die Eigentümer", meint Manfred Halle vom Sozialverband.

+++ Rügen: Frau mach Foto – und entfacht damit eine heftige Diskussion! „Ganz furchtbar +++

CDU-Mann Ewert hingegen sieht nur einige „schwarze Schafe“ im Tourismus, die niedrige Löhnen zahlen würden. „Aber von den wenigen darf man nicht auf alle schließen."

Rügen: Löhne und Saisonarbeit sind die großen Probleme

Löhne sind ein großes Problem in der Tourismusbranche. In Deutschland gilt der gesetzliche Mindestlohn von aktuell 9,35 Euro pro Stunde. Bis zum 1. Juni 2022 soll er auf 10,45 Euro angehoben werden. Wie sagt man doch so schön: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. In vielen Branchen gibt es Tarifbindungen, die höhere Löhne als den Mindestlohn festlegen.

Wolfgang Weiß, Abgeordneter der Linkspartei im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und stellvertretender Kreisvorsitzender in Vorpommern-Rügen, sieht auf Anfrage von MOIN.DE jedoch zwei Probleme: „Zum einen die sehr schwache Tarifbindung in der Tourismusbranche und zum anderen die erheblichen saisonalen Schwankungen." Auch Manfred Halle nennt die mangelnde Tarifbindung als großes Problem.

Mit „saisonalen Schwankungen" ist gemeint, dass die Beschäftigten in der Tourismusbranche auf Rügen den Sommer über viel zu tun haben, im Winter dann aber oft arbeitslos sind. „Wer vom Leben mehr erwartet als mit ständigen, unbezahlten Überstunden gerade so überleben zu können und im Winter zum Jobcenter geschickt zu werden, der geht", sagt Halle mit Blick auf die Abwanderung der Bevölkerung.

+++ Sylt: Hotel macht traurige Ansage – „Wir sind sprachlos!“ +++

Wer oft Saisonarbeit macht und immer wieder arbeitslos ist und in diesem Zeitraum keine Beiträge zahlt, kann auch keine hohe Rente erwarten. „Wenn viele Einheimische der Insel weiterhin den Rücken kehren, dann wird es in Zukunft schwer, einen hochwertigen Tourismus anzubieten“, meint Wolfgang Weiß.

CDUler Dirk Ewert meint, dass mittlerweile „sehr viele Angestellte ganzjährig beschäftigt werden und nicht wie früher nur über die Saison." Wegen des Fachkräftemangels hätten die Arbeitgeber in der Tourismusbranche verstanden, dass die Menschen sich ihre Arbeitsplatz aussuchen könnten und sie eine angemessene Entlohnung und Zulagen bieten müssten.

Rügen: Coronakrise verschärft Lage weiter

Die Corona-Pandemie verschlimmert die Lage auf Rügen und bedroht Existenzen aktuell. Viele Menschen im Tourismus auf der Insel arbeiten laut Sozialverband als Solo-Selbstständige oder Vermieter von kleinen Pensionen. Dort würden die Einnahmen oft sogar unterhalb des Mindestlohns liegen. Das Problem von bürokratischen Hürden oder nicht-ankommenden Corona-Hilfszahlungen gibt es hier wie überall in Deutschland.

Mit dem 2. November ist schließlich auch der Lockdown auf Rügen eingetreten, Touristen mussten spätestens bis zum 5. November die Insel verlassen. Das schmerzt natürlich ebenfalls, auch wenn mittlerweile Nebensaison ist. Gerade im Pandemie-Jahr machten sich auch zur kalten Jahreszeit noch viele Menschen auf in die Urlaubsorte. Der Drang, etwas aus dem Frühjahr nachzuholen, war oft da.

+++ Schleswig-Holstein: Mann teilt Foto und löst heftige Diskussion aus – „Habe dieses ständige Gemeckere satt“ +++

Rügen: Wie könnte sich die Lage bessern?

Wie könnte sich die Lage also bessern? Klar ist es nett, wenn sich Touristen spendabler beim Trinkgeld zeigen. Doch das kann nicht die Lösung sein.

-----------

Mehr News von der Ostsee:

-----------

Laut Linken-Politiker Wolfgang Weiß habe der Hotel und Gaststättenverband (Dehoga) erkannt, „dass es höchste Eisenbahn für höhere Löhne und eine höhere Ausbildungsvergütung ist. Das haben die erheblichen Steigerungen im letzten Tarifabschluss bewiesen. Wegen der schwachen Tarifbindung wirken die Steigerungen aber nur für einen Bruchteil der Unternehmen im Tourismus. Das ist ein unhaltbarer Zustand."

Er plädiert dafür, die Tarifbindung zu stärken und würde gerne einen Saisonzuschuss einführen, der Unternehmen über einige Jahre hinweg unterstützen soll, die Saison so zu verlängern, dass alle Beschäftigten gehalten werden können.

Rügen: CDU setzt auf Eigenverantwortung

Auch Dirk Ewert von der CDU verweist auf die deutlichen Lohnsteigerungen des Tarifvertrages, der bis zum 31. März 2024 gilt. Viel Grund zu mehr Regulierung sieht man im Gegensatz zur Linkspartei aber nicht und zeigt sich auch zufrieden mit dem Mindestlohn.

„Wir setzen als CDU auf Tarifautonomie. Wir legen Wert auf die Eigen– und Sozialverantwortung der Arbeitgeber gegenüber den Arbeitnehmern." Bei denjenigen, die sich dem Tarifvertrag nicht unterordnen, „wird in der Regel über Mindestlohn gezahlt". Man leiste Überzeugungsarbeit bei den Unternehmern, die bisher noch keinen Tariflohn zahlen, sich dem mehr anzupassen.

„Außerdem möchte ich sagen, dass ich selbst einige Freunde habe, die in der Gastronomie arbeiten. Ein befreundetes Pärchen, beide im Angestelltenverhältnis in der Gastronomie mit zwei Kindern, hat sich sogar vor einigen Jahren den Traum eines Eigenheims auf Rügen erfüllen können."