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Hamburg: Mann wegen transphober Gewaltattacke vor Gericht – er zeigt keine Reue

Wegen einer transphoben Gewaltattacke muss sich ein junger Mann vor dem Gericht in Hamburg verantworten. Der Prozess ist gestartet…

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© Daniel Reinhardt/dpa Pool/dpa

Hamburg, meine Perle: Warum die Stadt so einzigartig ist

Mit über 1,8 Mio. Einwohner ist Hamburg die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Außerdem kommen rund sieben Mio. Touristen pro Jahr in die Hansestadt. Doch was macht die Stadt so beliebt und einzigartig?

Das Interesse der Öffentlichkeit war so immens, dass kurzfristig ein größerer Gerichtssaal geöffnet werden musste, um die Zuschauer und die Medien unterzubringen. Sämtliche Tageszeitungen und alle regionalen TV-Sender waren gekommen. Prozess-Auftakt im Hamburger Landgericht wegen einer transphoben Gewaltattacke. MOIN.DE hatte als erster über den Fall berichtet (Az.: 119 Ls 22/22 jug/7101 Js 1213/21). 

Angeklagt wegen Körperverletzung ist der 22 Jahre alte Hamburger Kickboxer Fabio S., der vor eineinhalb Jahren auf dem Kiez die Transfrau Samia Stöcker (35), besser bekannt als Travestie-Künstlerin Sina Valentina, brutal mit einem Schlag gegen den Kopf bewusstlos geschlagen haben soll. Vorausgegangen waren transphobe Beleidigungen einer Gruppe von Südländern, wie es eine Zeugin später beschreibt. Das Opfer fiel ins Koma, erlitt schwere Gehirnverletzungen und wachte erst in der Intensivstation im Krankenhaus wieder auf.

Hamburg: Angeklagter gibt sich unbeeindruckt

Da der Angeklagte zum Tatzeitpunkt noch keine 21 Jahre alt war, greift für ihn das Jugendstrafrecht. Deshalb hatte das Gericht im Vorfeld angekündigt, dass es zum Schutz des Täters zum Ausschluss der Öffentlichkeit kommen könnte. Doch zum Erstaunen der Anwesenden stellte sein Verteidiger diesen Antrag nicht. Überhaupt entsprach das Auftreten von Fabio S., dessen Familie portugiesische Wurzeln hat, nicht dem, was man von anderen Angeklagten kennt.

Anstatt sein Gesicht zu verbergen, machte er in seinem schwarzen Pullover und der zerrissenen Jeans einen selbstbewussten Eindruck, wich keinen Blicken aus und guckte den Pressefotografen und Kameras direkt in die Linsen.

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Hamburg: Der Angeklagte (2.v.l) sitzt vor Prozessbeginn in einem Gerichtssaal im Landgericht neben seinem Verteidiger Christian Lange. Auf Anweisung des Gerichts ist der Angeklagte gepixelt. Foto: Daniel Reinhardt/dpa Pool/dpa

Sein Anwalt gab an, dass sein Mandant zum Tatvorwurf keine Aussage machen werde. Es könnte bei einer Verurteilung eh eng für ihn werden. Denn Fabio S. hatte bereits eine jugendgerichtliche Verurteilung wegen Körperverletzung. Zudem wird ihm zeitgleich noch ein weiterer Prozess gemacht, in dem ihm schwere Körperverletzung und körperliche Misshandlung zur Last gelegt wird. Er soll als Mitglied einer achtköpfigen Gang Stress mit einer anderen Gruppe gehabt haben. Dabei wurde ein Opfer mit einem Messer schwer verletzt.

Hamburg: Opfer ringt um Fassung

Mit diesem ganzen Hintergrundwissen über den mutmaßlichen Täter war es für Samia Stöcker ein schwerer Gang zu ihrer Zeugenaussage. An die Ausführung der Tat selbst konnte sie sich nicht erinnern, da sie ein Schädelhirntrauma erlitten hatte. Als der Anwalt von Fabio S. sie befragte, ob sie denn leicht bekleidet und als „Rampensau“, wie man es von Travestie-Künstlern her kenne, an dem Tatabend unterwegs gewesen sei, rang sie um Fassung. Kurzfristig verließ sie den Gerichtssaal, um sich wieder zu fangen. Seine Andeutungen ließen nämlich vermuten, dass er Samia provokantes Erscheinen und Auftreten unterstellen wollte. 

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„Das war, als wenn man einer vergewaltigten Frau eine Mitschuld an dem Verbrechen gibt, nur weil sie sich sexy kleidet“, meinte ein Prozessbeobachter. Und davon gab es viele. „Ich hatte den Eindruck, dass der Verteidiger des Angeklagten dem Opfer unterstellen wollte, dass sie leicht angeschäkert und auf hohen Schuhen unterwegs war und deshalb selber Schuld daran war, dass sie angegriffen wurde“, sagt Stefanie Hochsprung, eine Transfrau und Bekannte von Samia Stöcker.

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Als Sina Valentina machte sich Samia Stöcker jahrelang in der Travestie-Szene in Hamburg einen Namen. Foto: Enrico Dato

Sie ist auch die Voritzende von LiSL Nord, dem Landesverband der Liberalen Schwulen und Lesben für Schl.-Holst., MeckPom und Hamburg. „Es kann doch nicht sein, dass man aufgrund seines Äußeren angegriffen wird und nicht mit hohen Schuhen über die Reeperbahn gehen kann, ohne in eine Schlägerei verwickelt zu werden.“

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Hamburg: Politiker fordern Konsequenzen

Sogar aus der Politik fanden sich Interessierte ein. „Ich werde mich dafür einsetzen, dass dieser Prozess im Landessportverband Thema wird und der junge Mann, sofern er verurteilt wird, aus seinem Verein ausgeschlossen wird“, sagte Maxim Loboda von der Jungen Union zu MOIN.DE. Er ist auch Vizepräsident des Ringerverbandes Schleswig-Holstein und pflegt auch den Landessportverband, an den sämtliche Sportvereine aus dem Kampfsportbereich angegliedert sind. 

Scharfe Kritik an dem Gerichtsverfahren äußert Prozessbeobachter, Anwalt und FDP-Mitglied Burkhardt Müller-Sönksen mit Blick auf die Befragung von zwei jungen Frauen, die nach der Aussage von Samia Stöcker als Zeuginnen vorgeladen waren. Sie eierten herum, konnten sich nicht mehr richtig erinnern und den Tathergang nur ungenau beschreiben.


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„Dieses Verfahren zeigt, dass Zeugenaussagen nach eineinhalb Jahren nicht mehr viel wert sind und dass solche Verfahren sehr viel schneller vors Gericht gebracht werden müssen“, sagte Müller-Sönksen, der auch Vorsitzender des Rechtsausschusses der Hamburger Bürgerschaft war. „Vielleicht sollte die Justizsenatorin mal schauen, dass sie die Staatsanwaltschaft so ausstattet, dass solche Verfahren schneller bearbeitet werden können.“

Mit einer Urteilsverkündung ist am 31. Januar zu rechnen. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.