Hamburg: St. Pauli am Ende – „Hier sind viele Tränen geflossen“

Kaum etwas los auf dem Kiez in Hamburg.
Kaum etwas los auf dem Kiez in Hamburg.
Foto: picture alliance/dpa

Alkoholverkaufsverbot, Sperrstunde, Lockdown – die Einschränkungen im Zuge der Pandemie-Bekämpfung haben St. Pauli, dem wohl lebhaftesten Viertel von Hamburg, ordentlich zugesetzt. Und das nicht nur auf der schillernden Reeperbahn.

Abseits der bekannten, „sündigen Meile“ von Hamburg wird die Wohngegend auf dem Kiez von den Anwohnern als entspannt und dörflich beschrieben. Doch auch hier steht für viele Menschen alles auf dem Spiel.

Hamburg setzt auf 2G Plus

Einer von ihnen ist Ole Bauer, der das Restaurant „Krug“ in der Paul-Roosen-Straße betreibt. Das Team des NDR hat im Zuge der „Nordreportage“ ihm und einigen Leidensgenossen einen Besuch abgestattet.

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Der Wirt führt für sein Lokal lange vor der Hansestadt selbst die 2G Plus-Regelung ein. Heißt: Nur geimpfte und genesene Gäste mit einem zusätzlichen, negativen Test durften bei ihm speisen. Erfolge hatte das Konzept nicht. Eher im Gegenteil.

Unter der Woche sind kaum noch Gäste gekommen. „Vor eine Woche den ersten Tag in 13 Jahren, an dem kein Gast kam“, erzählt er. „Man wird langsam mürbe“, sagt er über die 20 Monate, die er bereits mit den Folgen der Pandemie leben muss.

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Daten und Fakten zur Reeperbahn:

  • Die Reeperbahn verläuft vom Millerntor in Richtung Westen bis zum Nobistor und ist 930 Meter lang
  • Die Reeperbahn erhielt ihren Namen von Taumachern und Seilern, den so genannten Reepschlägern, die für die Herstellung von Schiffstauen verantwortlich waren
  • Heute reihen sich zahlreiche Diskotheken, Bars, Strip-Clubs, Theater und Hotels auf der Reeperbahn aneinander
  • Auch bekannt als Hamburger Kiez ist die Reeperbahn die Anlaufstelle, wenn es um Vergnügung und Partyspaß geht
  • Weltweit ist die Reeperbahn auch als das Rotlichtviertel schlechthin bekannt und wird daher als „die sündigste Meile der Welt“ bezeichnet
  • Im Sommer zieht die Reeperbahn bis zu 50.000 Besucher am Wochenende an
  • Insgesamt besuchen rund 30 Millionen Menschen pro Jahr die Reeperbahn und ihre Seitenstraßen

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Er fühle sich als sei er auf einem zugefrorenen See bei Nebel und Sturm, er sehe die eigene Hand vor Augen nicht und wisse nur, dass er ans Ufer kommen muss. Man wisse aber weder, in welche Richtung man gehen müsse noch an welcher Stelle das Eis dünn werde.

„Viele Tränen geflossen“ in Hamburg

Seit Montag gilt nun stadtweit die 2G Plus-Regelung. Ob das dem „Krug“ mehr Gäste beschert, ist zu Bezweifeln. In der Nachbarschaft mussten zahlreiche kleine Läden bereits für immer den Betrieb aufgeben. Doris Terheyde, die Obst und Gemüse verkauft, gehört nicht zu ihnen.

Trotzdem erlebt sie das Leid hautnah mit. „Hier sind viele Tränen geflossen“, berichtet sie. Die Verkäuferin lebt von ihren Stammkunden, kennt sie alle beim Vornamen und hat zu ihnen eine vertrauensvolle Beziehung. Auch Schausteller des Hamburger Dom oder Bar-Besitzer sind unter ihnen.

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„Hier sind natürlich viele existenziell am Boden“, sagt sie. Und das Schlimmste sei noch nicht überstanden, fügt sie hinzu. Wie das aussehen kann, zeigt Jürgen Gaartz vom Getränkemarkt „Blitz“. Mitten auf St. Pauli gelegen, hat er eigentlich die perfekte Location.

Kampf ums Überleben in Hamburg

Doch heute wartet der Inhaber manchmal stundelang auf Kunden. 75 Prozent seines Umsatzes hat er während der Pandemie eingebußt. „Ich hab den Eindruck, das auf dem Friedhof heute mehr los ist als hier“, murmelt er in der „Nordreportage“.

Eigentlich wollte er bald in Rente gehen, doch das ist nicht mehr so einfach. Seine ganzen Rücklagen sind aufgebraucht. „Wir kämpfen ums Überleben, das ist kein Spaziergang“, macht er klar. Und auch mit der staatlichen Hilfe sei es immer noch knapp.

Kleine Läden und Gesichter, ohne die Atmosphäre auf dem Kiez sicher nicht mehr dieselbe wäre. Für sie alle ist zu hoffen, dass der Spuk bald ein Ende hat.

Die komplette „Nordreportage“ kannst du dir >>> hier in der NDR-Mediathek anschauen. (lh)