Camping: Zahlreiche Wohnmobil-Besitzer erleben Schock – „Ein Stück Freiheit geklaut“

Camping: Die Diebstähle von Wohnwagen sind in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Jahr drastisch nach oben gegangen (Symbolbild).
Camping: Die Diebstähle von Wohnwagen sind in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Jahr drastisch nach oben gegangen (Symbolbild).
Foto: imago images/Kickner

Hans Tanz hatte die Gasflaschen gefüllt, die Klamotten eingepackt – sein Wohmobil war quasi urlaubsfertig. Dann parkte der Stralsunder Kameramann sein Camping-Mobil „mitten in der Altstadt“, vor der eigenen Firma nahe des Hafens der Hansestadt.

Als er aber Ende August zu Fuß zur Arbeit ging, der Schock für den Camping-Fan: „Ja, dann war er weg.“ Für Tanz war das nicht einfach der Verlust eines Fahrzeugs. „Die haben mir kein Auto geklaut. Die haben mir ein Stück Freiheit geklaut.“ Er sei damit dienstlich viel unterwegs gewesen und habe darin halb gewohnt, weil er Hotels mit der Zeit überdrüssig geworden sei.

Camping: Diebe richten 992.000 Euro Schaden an

So ähnlich wie Tanz dürfte es in diesem Jahr besonders vielen Menschen gegangen sein. Das Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern registrierte im abgelaufenen Jahr einen deutlichen Anstieg bei der Zahl der Diebstähle. Den Angaben zufolge wurden bis Mitte Dezember 31 Diebstähle oder versuchte Diebstähle von Wohnwagen, aber vor allem Wohnmobilen im Nordosten registriert.

Demnach waren es im Jahr zuvor 8, 2019 22 und 2018 6 entsprechende Diebstähle. Der Raum Stralsund sei neben Rostock und Greifswald ein Schwerpunkt.

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„Es ist sehr ärgerlich, wenn unseren Kunden die Fahrzeuge gestohlen werden“, sagt Jan-Uwe Dahnke vom Caravan-Center Dahnke in Stralsund. Es sei nicht schön, weinende Kunden im Büro sitzen zu haben, weil ihnen ein Fahrzeug im Wert von 50.000 oder 70.000 Euro geklaut wurde. Die Schadenssumme für das abgelaufene Jahr gibt das LKA mit 992.000 Euro an. Im Jahr davor waren es demnach 646.900 Euro. „Es ist nicht immer sicher, ob man alles von der Versicherung wiederbekommt“, sagt Dahnke.

Die Diebstähle seien durchaus geschäftsschädigend. „Für uns ist das Problem, dass viele Kunden dann sagen, ja, sie wollen überhaupt gar nicht mehr dem Hobby nachgehen.“

Camping: Steigende Nachfrage nach Wohnmobilen

Tanz will sich wieder ein Wohnmobil besorgen. Hoffnung, seinen gestohlenen Camper wiederzusehen, hat er nicht mehr. Einmal habe ihn die Polizei angerufen, weil in Polen ein Fahrzeug aufgetaucht sei. „Nach der zweiten Frage war schon klar, dass er das nicht ist.“

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Der Camper sei fünf Jahre alt und gerade eingefahren gewesen. Selbst wenn er den Kaufpreis von 41.000 Euro von der Versicherung erstattet bekommt, werde es schwierig. „Der Markt ist komplett leer und vor allem gerade völlig überteuert.“

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Camping-Urlaub angesagt wie nie – das steckt dahinter:

  • Der Begriff Camping umfasst eine sehr breite Spanne von Aktivitäten. Ihnen allen ist gemeinsam, nicht in Gebäuden zu übernachten, sondern in der Natur.
  • Die Urlauber schlafen in Zelten, Hängematten, Wohnwagen oder Wohnmobilen, in Dachzelten oder ausgebauten Vans. Wird in Zelten gecampt, so spricht man auch von Zelten.
  • Camping wurde Anfang des 20. Jahrhunderts populär und ist mittlerweile eine weitverbreitete Urlaubs- und Reiseform.
  • In den meisten Ländern Europas ist Camping außerhalb dafür vorgesehener Einrichtungen (wildes Campen) nicht erlaubt oder nur unter strengen Auflagen gestattet.
  • Über zehn Millionen Deutsche betreiben ab und zu Camping oder Caraving, fast zwei Millionen sogar häufig.
  • Besonders beliebt bei den Deutschen für einem Campingurlaub ist das eigene Land, gefolgt von den wärmeren Mittelmeerländern Italien und Frankreich.
  • 2020 gab es in Deutschland 2.862 Campingplätze mit einer Anzahl von etwa 209.000 Stellplätzen.
  • Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden auf deutschen Campingplätzen etwa 34 Millionen Übernachtungen gezählt.
  • Davon waren etwa 2,2 Millionen Übernachtungen von ausländischen Gästen. Die Hälfte dieser Übernachtungen wurde dabei von Niederländern getätigt, gefolgt von Gästen aus der Schweiz und aus Belgien.
  • Etwa sieben Prozent der Ausländer wählen bei einem Besuch in Deutschland einen Campingplatz als Unterkunftsform.

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Das LKA geht davon aus, dass die gewachsene Nachfrage nach Wohnmobilen in der Corona-Pandemie und die entsprechende Marktsituation eine Rolle beim Trend zu mehr Diebstählen spielen.

Für Vorpommern wurden die Ermittlungen in der Kriminalpolizeiinspektion Anklam gebündelt. Laut zuständigem Polizeipräsidium Neubrandenburg werden die Wohnmobile überwiegend nachts gestohlen. „Fast immer sind es die Wohnmobile von Einheimischen.“

Camping: Verschiedene Möglichkeiten der Diebstahlsicherung

Es gebe den Verdacht, dass es Diebstähle von professionellen Banden seien. Die Täter gingen vermutlich gezielt und mit entsprechender Technik vor. Laut LKA werden viele Fahrzeuge wahrscheinlich unmittelbar nach dem Diebstahl zunächst nach Osteuropa, überwiegend Polen, verschoben.

Eine Sprecherin des Polizeipräsidiums in Neubrandenburg erklärte: „Die gestohlenen Wohnmobile werden sehr wahrscheinlich mit gefälschten Papieren und leichten Veränderungen wiederverkauft“ - zum Beispiel im Internet. Käufer müssten daher damit rechnen, dass ihr Wohnmobil eingezogen wird, auch wenn sie nichts von einem Diebstahl wissen. Man rate davon ab, Fahrzeuge „auf der grünen Wiese“ womöglich noch per Handschlag zu kaufen.

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Sein Wohnmobil komplett vor Diebstahl zu sichern, sei schwierig. „Es gibt nicht den ultimativen Weg“, heißt es vom Polizeipräsidium. Wenn möglich, sollte das Fahrzeug auch während der Saison auf einem abgeschlossenen Parkplatz oder in einer Garage abgestellt werden.

Dahnke kennt weitere Möglichkeiten, um einen erfolgreichen Diebstahl zu erschweren: Ortungssender, Lenkrad- und Radkrallen, Totschalter, Alarmanlagen zusätzlich zu den ab Werk verbauten. „Es sind schon mehr Kunden, die dann gesagt haben, bau uns das ein.“ Aber auch da werde es schon schwierig. Wegen Lieferengpässen sei es mitunter gar nicht möglich entsprechende Teile zu besorgen.

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Man hoffe, dass sich der Trend nicht fortsetzt. Das LKA ist allerdings mit Blick auf die gestiegene Nachfrage und die aktuelle Marktsituation pessimistisch: „Basierend auf diesen Umständen ist auch im kommenden Jahr mit steigenden Fallzahlen in diesem Deliktsbereich zu rechnen.“ (dpa/mik)