Ostsee: Immer wieder kommt es zu lebensbedrohlichen Vorfällen! Experte warnt –„Niemals allein unterwegs sein“

Beim Kitesurfen auf der Ostsee kommt es immer wieder zu brenzligen Vorfällen.
Beim Kitesurfen auf der Ostsee kommt es immer wieder zu brenzligen Vorfällen.
Foto: imago images/Hartenfelser

Es war einer von diesen Fällen, von denen man immer wieder liest: Am Wochenende gab es einen dramatischen Vorfall auf der Ostsee. Beteiligt: ein Kitesurfer. Wie so oft. Der 24-jährige Sportler wollte eigentlich etwas sehr ehrenwertes tun: ein abgetriebenes Surfsegel, das vermutlich jemand anderes verloren hatte, aus dem Wasser ziehen (MOIN.DE berichtete).

Doch dabei geriet der junge Mann auf der Ostsee selbst in Not. Er fiel ins Wasser und konnte sich nicht mehr auf sein Brett retten. Eine halbe Stunde lang trieb er im vier Grad kalten Wasser umher, dann fanden ihn Seenotretter. Nicht auszumachen, was ihm in dieser Zeit durch den Kopf gegangen sein muss.

Ostsee: Regelmäßig Einsätze wegen Kitesurfern

Das Ganze ist längst kein Einzelfall. Für die Helfer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) gibt es regelmäßig Einsätze auf der Nord- und Ostsee, die durch Kitesurfer ausgelöst werden.

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„Von Januar bis einschließlich Oktober 2020 sind Rettungseinheiten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger 71 mal an Nord- und Ostsee für Kitesurfer in Not im Einsatz gewesen“, sagt DGzRS-Sprecher Patrick Testa-Kreitz auf Anfrage von MOIN.DE. Auf das Jahr hochgerechnet sind das ungefähr 1,5 Einsätze pro Woche, wenngleich im Winter natürlich deutlich weniger Sportler unterwegs sind.

Böse Kitesurfer also, die mit ihrem Hobby sich selbst in Gefahr bringen und Rettungskräfte belasten? Zur Erinnerung: die DGzRS finanziert sich komplett aus freiwilligen Spenden.

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Nur bei Hilfeleistungen ohne Gefahr, zum Beispiel bei Motorausfall mit einem Boot, bitten die Retter um eine Kostenbeteiligung von 200 Euro für die erste Stunde des Einsatzes und 400 Euro maximal für einen längeren Einsatz.

Ostsee: Kein Groll der Retter gegen Kitesurfer

Doch Groll hegt man bei der DGzRS nicht gegen die Kiter, ebensowenig gegen alle anderen, die in Not geraten. Ob selbstverschuldet oder nicht.

„Grundsätzlich gilt: Wir retten seit 155 Jahren ohne Ansehen der Person und Ursache. Auf See wie an Land passieren Fehler. Es kommt vor, dass Menschen Situationen falsch einschätzen. Die große Mehrheit aber ist umsichtig unterwegs. Und nicht zuletzt: Trotz bester Vorbereitung kann immer etwas passieren. Ursachenforschung ist jedoch nicht Aufgabe der DGzRS“, sagt Patrick Testa-Kreitz.

Kiten ist seit jeher ein gefährliches Unterfangen. Die Sportler hängen an einem Schirm, der vom Wind abhängig ist, Böen können trotz aller Vorsicht und Erfahrung unvorhersehbar sein, genau wie gefährliche Hindernisse, die sich unter der Wasseroberfläche verstecken.

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Das ist die Ostsee:

  • auch Baltisches Meer genannt
  • die Ostsee ist das zweitgrößte Brackwassermeer der Erde
  • die Fläche beträgt 412.500 Quadratkilometer
  • sie ist bis zu 459 Meter tief

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Ostsee: Immer wieder Todesfälle

In der Ostsee vor Pelzerhaken, wo auch der Vorfall um den jungen Mann am Wochenende geschah, verlor 2019 ein Kitesurfer sein Leben. In Österreich sind 2018 die Leinen zum Lenken eines Schirms einem Mann zum Verhängnis geworden. Sie hatten sich um dessen Fuß gewickelt, er wurde unkontrolliert seinem Schirm nachgezogen und ertrank.

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Auf Sizilien wurde ein 65-Jähriger Deutscher dieses Jahr von einer Windböe gepackt und gegen ein parkendes Auto geschmettert. Er verstarb. Im Juni wurde in der Nordsee ein Kitesurfer, der sein Brett verlor, von Strömung und Wind immer weiter auf das Meer hinausgetrieben und musste von der DGzRS gerettet werden. Ebenfalls in der Nordsee verloren 2020 fünf Sportler bei heftigem Wind und Strömung vor der niederländischen Küste ihr Leben.

2002 verstarb einst sogar Deutschlands damals beste Kitesurferin und Deutsche Meisterin, Silke Gorldt, in der Ostsee vor Zingst, weil sie auf wellenbrechende Zäune geschleudert und tödlich verletzt wurde. Ihr Schirm und der eines anderen Profis hatten sich ineinander verfangen. Im Gegensatz zu ihrem Kollegen konnte Gorldt ihre Leinen nicht mehr trennen und wurde von beiden Drachen unkontrolliert über das Wasser gezogen.

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Ostsee: Nie alleine aufs Wasser

Um Risiken zu minimieren, empfiehlt der Sprecher: „Kitesurfer sollten niemals allein auf dem Wasser unterwegs sein – ein Partner sollte von Land aus den Surfer stets im Blick behalten, um Notlagen rasch erkennen und melden zu können. Eine solide und umfassende Ausbildung ist nötig, um die eigenen Fähigkeiten – in Bezug auf Revier- und Witterungsbedingungen – richtig einzuschätzen."

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Und noch etwas empfehlen die Retter: Material, das verloren gehen kann wie Bretter oder Segel, sollte unbedingt mit Telefonnummern versehen werden. Wird dieses auf See oder an Land gefunden, kann Kontakt zum Besitzer aufgenommen und leichter ermittelt werden, ob tatsächlich eine Notlage vorliegt. „Das erspart Zeit und unnötige Suchen", sagt Patrick Testa-Kreitz MOIN.DE

Ostsee: Anruf erspart Arbeit

Denn ebenfalls am letzten Wochenende waren mehrere Rettungsschiffe und ein Hubschrauber der Marine auf die Ostsee ausgerückt, weil angeblich eine Person im Wasser gesehen wurde. Das bestätigte sich nicht, allerdings wurde ein Kite-Segel gefunden. Mit Telefonnummer.

Der Besitzer konnte angerufen werden. Er befand sich sicher an Land und war in keiner Notlage gewesen. Die aufwendige Suche konnte durch den Anruf beendet werden.

Ein weiterer Vorteil der Telefonnummern: Gefundenes Material lässt sich schnell seinem Besitzer zuordnen.

  • Wer sein Material verloren hat und zurück an Land ist, sollte unbedingt die SEENOTLEITUNG BREMEN (0421 53 68 70) kontaktieren und das eigene verlorene Material beschreiben. Unnötige Suchen nach Menschen können so vermieden werden. Die DGzRS führt zudem eine „Lost & Found“-Liste. Sticker können kostenlos bestellt werden unter: https://sicher-auf-see.de/sportarten/kiter/kitesticker/
  • Wenn verloren gegangenes Material, das sich nicht direkt zuordnen lässt, bei den Seenotrettern nicht abgeholt wird, übergeben sie es an die Wasserschutzpolizei oder lokale Fundbüros.