Schleswig-Holstein: Mutter von sieben Kindern mit fiesen Kommentaren konfrontiert – ihre Reaktion ist stark

Nadine Mehrländer aus Schleswig-Holstein hat sieben Kinder.
Nadine Mehrländer aus Schleswig-Holstein hat sieben Kinder.
Foto: picture alliance / David Inderlied/Kirchner-Media & privat

Lange habe sie nicht gewusst, ob sie überhaupt Kinder will, sagt Nadine Mehrländer. „Aber das ist ja meistens eine Frage des richtigen Partners.“ Und der kam. Heute haben Nadine Mehrländer, 38, und ihr Mann Kai Florian, 46, sieben Kinder. Die Familie lebt in der Nähe von Barmstedt in Schleswig-Holstein.

Wie sieht das Leben mit sieben Kindern in der Pandemie aus? „Es ist anstrengend, aber machbar“, sagt Nadine Mehrländer. MOIN.DE hat mit der siebenfachen Mutter aus Schleswig-Holstein über dieses Leben gesprochen.

Schleswig-Holstein: Das älteste Tochter ist elf

„Es ist alles eine Frage von Regeln und Struktur“, sagt Nadine Mehrländer. „Ohne Struktur ist das Leben mit sieben Kindern aber auch ohne Pandemie nicht zu schaffen.“

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Zu den Regeln der Familie gehört, dass die Kleinen in der Küche spielen, wenn die Älteste in ihrem Zimmer Online-Unterricht hat. Die Älteste ist mit elf Jahren Emma. Sie besucht seit dem Herbst das Gymnasium. „So ein Schulwechsel in Corona-Zeiten ist natürlich schwierig.“

Damit Emma den Anschluss nicht ganz verliert, kann sie sich als Einzige in der Familie weiterhin mit einer Freundin treffen. „Bei neun Leuten kann nicht jeder einen Kontakt haben. Das geht einfach nicht.“

Für die Kinder sei das schwer, klar. „Die bekommen mit, dass sich ihre Freunde nachmittags zum Spielen treffen. Ist bei denen kein Corona?, fragen sie dann.“ Und ihre Mutter antwortet: „Die machen es anders und wir machen das so.“

Schleswig-Holstein: Der Weg hin zu sieben Kindern war einer mit Umwegen

Die Familie nimmt die Gefahren von Corona sehr ernst. Kai Florian Mehrländer ist Hausarzt in Barmstedt. Nadine Mehrländer ist gelernte Physiotherapeutin. Er arbeitet in der Praxis, sie betreut die Kinder.

„Bei unseren Jobs war schnell klar, wer von uns beiden das Geld verdienen würde. Wir wollten das aber ohnehin beide so“, sagt Nadine Mehrländer. „Keiner musste einen Kompromiss eingehen.“ Zweimal die Woche hilft ihr eine Haushaltshilfe beim Waschen und Putzen.

Der Weg hin zu sieben Kindern war für das Paar einer mit Umwegen. Bei der zweiten Schwangerschaft wurden aus zwei Kindern drei. Sam und Lotta sind Zwillinge. Dann kam Maya. Vier Kinder schienen genug. Nadine Mehrländer ließ sich sterilisieren – ein Schritt, den sie später bereute.

Die Familie aus Schleswig-Holstein fand in Hamburg Hilfe

„Ich konnte an keinem Kinderwagen mehr vorbeigehen, ohne zu heulen. So dringend wollte ich nochmal ein Baby“, erinnert sich die 38-Jährige an diese Zeit zurück. Aber ein Kind bekommen, das ging jetzt nicht mehr einfach so. Dafür musste die Sterilisation rückgängig gemacht werden. Refertilisierung nennt sich diese Art von Operation, bei der die Eileiterfunktion wiederhergestellt wird.

Die Familie suchte einen Arzt, der das konnte. Und stellte fest: „Das ist in Deutschland ziemlich schwierig.“ Am Ende musste das Paar aus dem Kreis Pinneberg aber gar nicht weit fahren. Es fand seinen Spezialisten in Hamburg.

So wurden aus vier Kindern sechs: nochmals Zwillinge, Tom und Emil. Heute sind die beiden vier Jahre alt und ihre Mutter beschreibt sie als unzertrennlich. Sie teilen sich ein Zimmer, genauso wie die älteren Zwillinge.

Im November wäre für die beiden Vierjährigen der Kindergarten losgegangen. Zu einer Zeit, als die Infektionszahlen wieder in die Höhe schossen. „Es wäre Quatsch gewesen, sie hinzuschicken. Ich bin ja ohnehin daheim. Also haben wir das verschoben.“ Bei ihren drei Grundschulkindern hat die Familie schon vom Recht Gebrauch gemacht, die Kinder im Fernunterricht zu lassen. Die Gesundheit gehe da einfach vor.

Schleswig-Holstein: „Haben Sie keine Hobbys“

Vor einem Jahr kam Oskar auf die Welt, der Jüngste. „Oskar war ungeplant, aber nicht ungewollt. Unser krönender Abschluss.“

Mit sieben Kindern zählt Familie Mehrländer zu den kinderreichen Familien. Um als kinderreich zu gelten, reichen in Deutschland drei oder mehr Kinder aus. In Deutschland trifft das aktuell auf 1,4 Millionen Familien zu. Ihre Anteil ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gesunken.

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„Wir sind mit sieben Kindern Exoten. Und das kriegen wir auch zu spüren“, sagt Nadine Mehrländer. Mit Sätzen wie: „Haben Sie keine Hobbys?“ „Die sind aber nicht alle vom gleichen Mann?“ oder: „Das sind aber nicht alles Ihre!“ Ihr Glück sei, dass ihr Mann Arzt ist. „Man bekommt ja sonst gleich den Asozial-Stempel aufgedrückt. Das ist fürchterlich. Das darf einfach nicht sein.“

Im Supermarkt werde sie gerade regelmäßig blöd angemacht, weil Leute denken, sie mache Hamsterkäufe. „Die Kassierer kennen mich und verteidigen mich dann.“ Und sie selbst hat auch ihre Strategien entwickelt. Wenn ihr jemand einen dummen Kommentar reindrücke, dann sage sie auch mal: „Ihr spielt nicht in meiner Liga.“

In der Gesellschaft Exoten, von der Politik vergessen – so fühlt sich Nadine Mehrländer. Und nennt als ein Beispiel Familienautos, die fast ausschließlich auf zwei Kinder ausgerichtet sind. Die Mehrländers haben sich einen Transporter umbauen lassen. Neun Personen, die ganze Familie, haben darin Platz.

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Das ist Schleswig-Holstein:

  • Schleswig-Holstein ist Deutschlands nördlichstes Bundesland
  • Die Landeshauptstadt Kiel ist mit rund 247.000 Einwohnern auch die größte Stadt in Schleswig-Holstein
  • Schleswig-Holstein zählt rund drei Millionen Einwohner
  • Fehmarn ist die einzige Ostsee-Insel Schleswig-Holsteins und die größte des Bundeslandes
  • Deutschlands einzige Hochseeinsel Helgoland gehört zu Schleswig-Holstein
  • Mit knapp 100 Kilometern Länge durchquert der Nord-Ostsee-Kanal ganz Schleswig-Holstein

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In der Corona-Politik würden kinderreiche Familien vergessen. „Als zu Weihnachten zehn Personen zusammenkommen durften und Schleswig-Holstein erst auch Kinder unter 14 Jahren mitzählen wollte, hätten wir gerade noch eine Oma oder einen Opa einladen können.“ Oder die Idee einer Osterruhe: „Wir hätten dann am Karsamstag unbedingt einkaufen müssen. Ich kann nicht Essen für fünf Tage lagern. Dafür haben wir gar nicht den Platz.“

Wogegen sich Mehrländer vehement ausspricht, ist die Abschaffung des Ehegatten-Splittings. „Das ist ja als Anreiz gedacht, dass beide Elternteile arbeiten gehen. Wie sollen wir das denn machen mit sieben Kindern?“

Verband in Schleswig-Holstein fordert bessere Bedingungen

Mit ihren Problemen und Forderungen ist die Familie nicht allein. Sie ist Mitglied im Verband kinderreicher Familien, der deutschlandweit aktiv ist. Der Landesverband Schleswig-Holstein wurde zwar erst vor rund einem halben Jahr gegründet, zählt aber bereits 250 Mitglieder.

„Wir sind ziemlich schnell gewachsen“ sagt die Landesvorsitzende Antje Charlotte Gerbener. Der Landesverband könnte noch um einige weitere Mitglieder anwachsen. In Schleswig-Holstein haben insgesamt 40.000 Familien drei oder mehr Kinder. Das sind elf Prozent der Eltern.

Das Hauptanliegen des Lobbyverbandes formuliert Gerbener im Gespräch mit MOIN.DE so: „Wir möchten als kinderreiche Familien ein Gehör finden und als Lebensmodell wahrgenommen werden.“ Von der Politik erwartet sie bessere Unterstützung. Ein drittes Kind zu bekommen, sei wahnsinnig teuer. „Das darf einfach nicht sein.“ Größere Wohnungen müssten für Familien erschwinglich sein, die Kinderbetreuung ab dem dritten Kind keine Belastung mehr sein, fordert der Verband.

Schleswig-Holstein: Andere entscheiden sich ganz bewusst gegen Kinder

Die Entwicklung ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur hin zu weniger Kindern gegangen, sondern teilweise auch hin zu gar keinen Kindern. Aus Angst vor der Zukunft. „Birthstrike“, Gebärstreik, nennt sich die Bewegung. Wer diese Anschauung teilt, entscheidet sich aus aus Sorge um den Klimawandel und aus Umweltschutzgründen bewusst gegen eigene Kinder.

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Was sagt Nadine Mehrländer dazu, die sieben Kinder auf die Welt gebracht hat? „Ich sehe da überhaupt keinen Widerspruch drin. Wir achten auf unsere Ernährung, essen kaum Fleisch, fliegen nie. Wir erziehen unsere Kinder sehr umweltbewusst.“

Die Familie lebt in einem Haus auf dem Land mit Garten und mehreren Tieren. Einsamkeit, unter der in der Pandemie viele leiden, gibt es hier nicht. Irgendjemand zum Spielen ist immer da.