Hamburg: Annalena Baerbock kassiert Pfiffe am Jungfernstieg – und hat sofort eine Antwort parat

Annalena Baerbock am Jungfernstieg in Hamburg.
Annalena Baerbock am Jungfernstieg in Hamburg.
Foto: imago images/Chris Emil Janßen

Hamburg hat Annalena Baerbock bei schönstem Schietwetter begrüßt. Sie kenne das, fast so schön wie zu ihren Studienzeiten in Hamburg sei das Wetter heute, sagt sie auf der Bühne am Jungfernstieg mit Rundumblick in die Menge aus Menschen und Regenschirmen. Ihr kann der Nieselregen nichts anhaben. Sie steht unter dem Pavillondach mit der Wahlslogan-Aufschrift: „Hier, weil ihr es seid“.

Annalena Baerbock ist am Mittwoch hier, in Hamburg, um Wahlkampf zu machen. Sie hat einige Botschaften mitgebracht. Viele Menschen sind gekommen, die gerne hören, was die Kanzlerkandidatin der Grünen zu sagen hat. Trotz Schietwetter. Aber da steht auch die pöbelnde Gruppe am Rand.

Hamburg: „Abschiebungen nach Afghanistan stoppen“

Annalena Baerbock sagt, sie stehe noch unter dem Eindruck der heutigen Debatte im Bundestag. Sie bringt ihr Entsetzen darüber zum Ausdruck, wie falsch die Lage in Afghanistan eingeschätzt worden war. Für sie ist klar: „Wir brauchen einen Untersuchungsausschuss und wir müssen Abschiebungen nach Afghanistan stoppen.“ Lauter Applaus. Es ist der erste von vielen an diesem Abend.

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Den wohl lautesten erhält Baerbock für ihre Forderung einer 35-Stunden-Woche in der Pflege. Es gelte, den Pflegekräften endlich den Rücken zu stärken mit einer vernünftigen Bezahlung. Die falle aber nicht einfach vom Himmel. „Dafür müssen wir Geld in die Hand nehmen. Deshalb wollen wir eine Vermögensbesteuerung wieder einführen.“ Da kommen: laute Pfiffe.

Annalena Baerbock reagiert prompt und sagt höflich in Richtung der pöbelnden Gruppe am Rand der Veranstaltung: „Sie können gerne Ihre Namen und Fragen auf Karten schreiben und dann können wir später gemeinsam darüber sprechen.“

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Pfiffe, Buh- und Zwischenrufe hört sie an diesem Abend noch öfters. Sie gehen von einer kleinen Gruppe von rund 30 Leuten aus. Eine Frau hat ein Mädchen im Grundschulalter dabei und beide eine Trillerpfeife.

Drei Menschen halten Sonnenblumen in den Händen, doch es sind keine blühenenden, wie die der Grünen, sondern verwelkte. Polizisten stehen bei der Gruppe, sprechen immer wieder einzelne Mitglieder an.

Hamburg: Sie bringt den neuen Wahlwerbespot auf

Währendessen wirbt Annalena Baerbock für „ein klimaneutrales Industrieland, das wir gemeinsam schaffen können“. Für einen Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro. Dafür, dass Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt gerückt werden – und erhält dafür viel Applaus von den Menschen rund um den Pavillon.

Sie wird ihn gerne hören. Die Beliebtheitswerte der Grünen sinken. Sie sind laut Umfragen zwar weiterhin stabil auf dem dritten Platz, haben zuletzt aber einen Prozentpunkt verloren und kommen nach einem anfänglichen Höhenflug inzwischen auf 17 Prozent. In Hamburg kommen die Grünen bei der Bundestagswahl gemäß einer aktuellen Umfrage auf 19 Prozent.

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Mehr über Annalena Baerbock:

  • Annalena Baerbock wurde am 15. Dezember 1980 in Hannover geboren
  • Die 40-jährige ist die erste Kanzlerkandidatin der Grünen.
  • Baerbock ist seit 2018 mit Robert Habeck Co-Vorsitzende der Partei.
  • Während ihrer Jugend betrieb sie Trampolinturnen als Leistungssport.

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Bei ihrem Wahlkampfauftritt in der Hansestadt zeigt sich Annalena Baerbock selbstbewusst und auch selbstironisch. Sie erspare den Anwesenden jetzt, dass sie singe und spielt damit auf den neuen Wahlwerbespot ihrer Partei an. In dem etwa einminütigen Clip mit dem Titel „Ein schöner Land“ beschwören die Grünen gemeinsame Werte und einen Aufbruch.

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Für diese umgedichtete Version des Volkslieds „Kein schöner Land“ gab es im Netz viel Häme. Das weiß Baerbock natürlich und sagt: „Unser Musikgeschmack ist ja bekanntlich nicht der von allen im Netz.“ Sie sei sich aber sicher, dass es da ein paar Lieder gebe, die so gut wie alle manchmal daheim vor sich hin singen würden oder ihren Kindern vorsingen. „Alle Vögel sind schon da“, zum Beispiel.

Nur müsse man den Kindern eben bald vorsingen: „Alle Vögel sind schon nicht mehr da“. Weil es immer weniger Singvögel gebe.

Über dem Pavillon kreisen ein paar Möwen. Womöglich sind sie auf die Nüsschen aus, die ein Mann nahe der Alsterarkaden isst. Wahlkampf als Abendunterhaltung. Der Nüsschen-Mann ist einer der wenigen ohne Maske. Viele der Mund-Nasen-Bedeckungen an diesem Abend sind Grün mit Sonnenblume darauf. Das Grün sticht unter dem grauen Himmel ebenso heraus wie Baerbocks rote Jacke.

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Sie spricht in ihrer Rede alle Altersgruppen an, erwähnt Integrations-, Klima-, Steuer- und Rentenpolitik. Da soll für jeden etwas dabei sein. Für Annalena Baerbock sind diese Auftritte inzwischen Routine. Mittwoch Hamburg, Donnerstag Kiel. Es ist Endspurt. In vier Wochen ist Wahl.

Hamburg: „Selig“-Sänger greift zum Superlativ

Während Baerbock viele Themen erwähnt, setzen ihre Vorredner einen klaren Fokus auf den Klimawandel. Die Hamburger Spitzenkandidatin Katharina Beck und der Direktkandidat für Hamburg-Mitte Manuel Muja – und „Selig“. Die Hamburger Band spielt, bevor Baerbock die Bühne betritt, und Sänger Jan Plewka greift gleich mal zum Superlativ: „Es wird die wichtigste Wahl in unserem Leben. Wir gestalten die Zukunft und sie sieht gut aus.“

Fragen aus dem Publikum am Ende kreisen unter anderem um Pflege und Windräder. Der Ton ist freundlich – die Pöbler scheinen Baerbocks Angebot nicht angenommen zu haben. Auf Dialog ist diese Gruppe auch ganz sicher nicht aus.

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Zum Abschluss dann nochmals Musik. Nicht live, sondern aus Lautsprechern. Gesungen von Nicht-Profis. Der Wahlwerbesong: „Ein schöner Land“. Ob sie ihn mögen oder nicht: Annalena Baerbock schenkt ihren Zuhörerinnen und Zuhörern zum Abschied aus Hamburg einen Ohrwurm für den Heimweg.