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Hamburg Hafen: Autofahrer werden von jungen Menschen genötigt – was anschließend folgt, ist viel beschämender

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Mit Sekundenkleber machten die Protestierenden im Hafen von Hamburg ihre Hände auf dem Asphalt fest. Dazu verschütteten sie Rapsöl. Foto: picture alliance/dpa | Christian Charisius

Ein Kommentar

Hamburg hat ihn also auch: Den „Aufstand der letzten Generation“. Eine kleine Gruppierung, die gegenüber der Bundesregierung eine Agrarwende und ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung durchsetzen will. Am Montag legte diese den Auto- und Schiffverkehr im Hafen stundenlang lahm (mehr dazu hier).

In Sachen öffentliche Aufmerksamkeit sind die Aktionen ein Riesenerfolg. Eine Gruppe junger Menschen, oft erst Anfang 20 Jahre alt, die sich anmaßt, Pkw und Lkw im Hafen von Hamburg in der Nähe zur A7 zu stoppen – das polarisiert, das lässt Emotionen blitzartig hochkochen und zeigt tiefe Gräben auf.

Hamburg Hafen: Es geht um die Art und Weise

Im Gegensatz zu anderen Themenfeldern wie Corona-Maßnahmen ist der Streitfaktor beim „Aufstand der letzten Generation“ nicht die politische Forderung. Kaum einer bestreitet, dass eine (nachhaltige) Agrarwende und ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung sinnvoll sind. Dennoch können nicht mal viele Grüne dem Protest etwas abgewinnen.

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Der Graben verläuft nämlich ganz woanders: Es geht um die Art und Weise. Sogar eine Sprecherin der Gruppierung sagte gegenüber MOIN.DE, sie könnten den Unmut der Menschen über den Stau völlig verstehen, sähen sich angesichts der Bedrohung durch den Klimawandel aber dennoch gezwungen, zu diesen Mitteln zu greifen.

Und genau dort verläuft der Graben zwischen dem „Aufstand der letzten Generation“, dem Rest der Politik und wohl auch dem Großteil der Menschen: Ist das Blockieren von Straßen, Häfen und Flughäfen ein geeignetes Mittel, um politische Forderungen durchzusetzen, so richtig diese auch sind? Die Antwort ist wie so oft: Jein.

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Hamburg Hafen: Dünne Begründung

Das Problem beim „Aufstand der letzten Generation“ ist, dass die Wut über die Aktionen so groß ist, dass kaum einer die Inhalte dahinter wahrnimmt. Die Politik in Berlin wird sich durch die Aktionen kaum treiben lassen, sie aber wohl dennnoch wahrnehmen – spätestens wenn Flughäfen lahmgelegt werden, was bald passieren soll.

Problematisch ist ebenso die dünne Argumentation der Protestierenden gegen das Sicherheitsproblem der Blockaden: Was ist, wenn Krankenwagen oder ähnliches festgehalten werden? Dann werde eine Rettungsgasse gebildet und das Fahrzeug von der Polizei begleitet, so die Sprecherin der Gruppierung.

Im Ernstfall können dabei aber trotzdem (lebens-) wichtige Minuten draufgehen.

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Daten und Fakten über Hamburg und seinen Hafen:

  • Hamburg ist als Stadtstaat ein Land der Bundesrepublik Deutschland.
  • Hamburg ist mit rund 1,9 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Deutschlands und die drittgrößte im deutschen Sprachraum.
  • Das Stadtgebiet ist in sieben Bezirke und 104 Stadtteile gegliedert, darunter mit dem Stadtteil Neuwerk eine in der Nordsee gelegene Inselgruppe.
  • Der Hamburger Hafen zählt zu den größten Umschlaghäfen weltweit.
  • Die Speicherstadt und das benachbarte Kontorhausviertel sind seit 2015 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes
  • International bekannt sind auch das Vergnügungsviertel St. Pauli mit der Reeperbahn sowie das 2017 eröffnete Konzerthaus Elbphilharmonie.

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Auch neigt der „Aufstand der letzten Generation“ ab und an zur Übertreibung und Überschätzung, die Rechtfertigung der Forderungen hinter den Protesten kann so in Gefahr geraten.

„In Deutschland erwarten wir einen Temperaturanstieg um bis zu 8 Grad“, heißt es. Der Deutsche Wetterdienst verweist in seinem Nationalen Klimareport auf Klimamodelle, die im schlimmsten Fall von 4 Grad ausgehen – zweifelsohne aber auch eine Katastrophe für unser Leben.

Ein Gesetz in Deutschland, das große Supermärkte verpflichtet, noch genießbares Essen zu spenden, dürfte zudem beim Kampf gegen den Welthunger nur geringe Effekte haben. Andererseits: Besser als gar nichts. Irgendetwas muss getan werden und auch in Deutschland selbst gibt es zu viele hungernde, arme Menschen.

Protest im Hafen von Hamburg ist dennoch sympathisch

Auf eine der größten aufkommenden Katastrophen der nächsten Jahrzehnte aufmerksam zu machen – die Bedrohung durch den Klimawandel – macht den Protest vom „Aufstand der letzten Generation“ trotz allem sympathisch.

Mehr als beschämend sind hingegen manche Reaktionen. Die Demonstranten auf der Straße anzugreifen, wie in Berlin geschehen, geht gar nicht. Das Gleiche gilt dafür, diese (trotz Verkehrschaos) als „Chaoten“ zu bezeichnen, so wie es FDPlerin Anna von Treuenfels-Frowein aus Hamburg getan hatte.

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Die starken Ängste von jungen Menschen vor einer Welt, die in nicht mehr all zu ferner Zukunft klimatechnisch aus dem Ruder läuft, sollten ernster genommen werden, als ihnen mit ausufernden und nicht selten arrogant-herablassenden Beleidigungen in sozialen Netzwerken zu entgegnen. Nach Bekanntwerden des Protestes waren solche überall in den Kommentarspalten aufgeploppt.

Eines ist sicher: Auf einem guten Weg, unsere Klimaziele zu erreichen, sind wir nicht. Wir werden sie wohl weit verfehlen. 1,6 Millionen Menschen hierzulande sind zudem auf die Tafeln angewiesen.

Nichtsdestotrotz sollte auch der „Aufstand der letzten Generation“ darüber nachdenken, den Fokus lieber auf eine (legale) Protestform zu legen, die in der verantwortlichen Politik mehr Gehör erfährt und eben nicht für einen Stau sorgt, der vieleicht doch mal einem Krankenwagen oder anderen wichtigen Fahrzeugen lebenswichtige Minuten nimmt.