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Hamburg: Kiez-Botschafterin mit ungewöhnlicher Mission – „Bis ich nicht mehr kann“

Schrill und schlagfertig: So beschreibt man „Veuve Noire“. Als Olivia-Jones-Botschafterin gibt sie in Hamburg Nachhilfe in Toleranz, Vielfalt und Respekt.

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Als sich „Veuve Noire“ (40) vor elf Jahren bei Drag-Ikone Olivia Jones auf dem Kiez als Mitarbeiterin bewarb, hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie in der Olivia-Jones-Family mal so eine große Nummer wird.

Mit anderen Interessenvertretern St. Paulis lädt „Veuve Noire“ unter dem Motto „Unanständig sauber“ am Karfreitag zum großen Frühjahrsputz, zum „ploggen“, bei ihrer Kult-Kieztour auf den Kiez. Anlass genug, die Dame im Interview mit MOIN.DE mal näher vorzustellen.

Hamburg: Das ist „ploggen“

Heute lebt und arbeitet die gebürtige Wismarerin auf dem Kiez. Dort ist sie Botschafterin der Family, Kult-Kieztour-Guide und betreut das Projekt „Olivia macht Schule“. Für das geht sie in Kitas, an Schulen und in Betriebe, um für Toleranz, Respekt und Vielfalt zu werben.

Ihr Credo: „Einfalt ist dämlich, Vielfalt natürlich.“ „Veuve Noire“ ist sehr vielseitig. Sie kann nämlich auch gut „ploggen“. Der Begriff bedeutet Joggen und dabei Müll aufsammeln. Er setzt sich aus den schwedischen Wörtern „plocka“ (aufheben) und „jogga“ (joggen) zusammen. Treffpunkt zum „ploggen“ ist um 16 Uhr auf dem Spielbudenplatz und um 18 Uhr bei der „Olivia Jones Bar“.

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Hamburg: „Mit dem Interesse für Männer bin ich aufgewachsen“

Eigentlich bist Du ein Mann, oder?

Ich bin eine heterosexuelle Frau im Körper eines schwulen Mannes. Biologisch ein Mann, aber im Kopf eine Frau. Ich kleide mich als Drag, trage Frauenkleider bei der Arbeit, wenn ich ausgehe und oft auch in der Freizeit. Privat schminke ich mich, aber auf mein komplettes Styling verzichte ich dann, weil das immer drei Stunden dauert, bis ich fertig bin.

Hast Du schon mal mit einer Frau geschlafen?

Nein, tatsächlich noch nie. Ich bin quasi ein Schwuler mit Sternchen. Das war mir schon früh bewusst. Mit dem Interesse für Männer bin ich aufgewachsen. Spätestens seit meiner Pubertät war es mir dann bewusst, dass ich schwul bin. Ein klarer Fall. 

Wie bist Du als gelernte „Fachkraft für Dialog-Marketing“ bei Olivia Jones gelandet?

Als ich das erste Mal als Besucherin in der „Olivia Jones Bar“ war, war ich aufgebretzelt und hab’ Halligalli gemacht. Weil den Mitarbeitern mein extrovertiertes Verhalten gefiel, baten sie mich, zu einem Casting von Olivia zu gehen. Sie brauchte neue Krawallschachteln für ihre Olivia-Jones-Family. Ich hab’ mich beworben und war schwuppdiwupp gleich Mitglied ihrer Familie. Und bis heute sehr glücklich!

Hamburg: Projekt „Olivia macht Schule“

Du bist Botschafterin von Olivias Projekt „Olivia macht Schule“. Was ist dort Deine Aufgabe?

Wir haben das Ziel, Kinder gegen Hass zu impfen. Wir sind auch Mutmacher und Kraftgeber und möchten homophobes Verhalten minimieren und Kindern Kraft geben, sie selbst zu sein. Wenn der kleine Paul sich in der Ecke gern sein kleines Tütü anziehen möchte, dann darf der das natürlich machen. Gerade bei den Kita-Kids geht’s darum, dass sie diese Thematik wie selbstverständlich mal kennenlernen. Ich lese dann aus Olivias Buch „Keine Angst in Andersrum“ vor und beschäftige mich mit den Kindern. Und die mögen das sehr.

„Veuve Noire“ setzt sich bei Kindern gegen homophobes Verhalten ein. Foto: Kult-Kieztouren, Gildo Cassimo

Verstehst Du Kritiker, die der Ansicht sind, dass die Kids in ihrer sexuellen Entwicklung verunsichert werden könnten?

Nein, denn wir reden bei unserer Aufklärungsarbeit nie über das Thema Sex. Es geht darum, dass die Kinder die Vielfalt der menschlichen Kultur und Natur mal kennenlernen und dass sie ganz selbstverständlich Berührungspunkte zu einem offen lebenden, schwulen, geschminkten Mann haben. Weil es ja ganz selbstverständlich ist.

Hast Du deshalb schon mal Stress mit Eltern bekommen?

Nein, aber manche Eltern sind selbst verunsichert, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen. Die nehmen dann eher ihr Kind aus der jeweiligen Institution an dem Termin heraus. Aus diesem Grund möchten wir gern, dass auch Elternabende veranstaltet werden, damit wir auch die Eltern abholen können. Auch hier ist Aufklärung sehr wichtig.


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Wo geht denn Deine Reise hin?

Ich werde noch so lange aufklären, bis es auch der Letzte begriffen hat, oder bis ich nicht mehr kann. Mein Job ist es, die Welt etwas vielfältiger zu machen. Jeder darf sein Leben leben, wie er es gern möchte. Ich werde sicherlich irgendwann mit dem Rollator über die Reeperbahn pesen und zu den Aufklärungsaktionen fahren. Mein Herz wird immer auf St. Pauli bleiben.