Hamburg: Studenten an der Universität am Ende – „Ich weiß gar nicht, was das alles bringen soll“

Robin Grützmacher
Viele Menschen in Hamburg leiden unter fehlenden sozialen Kontakten.
Viele Menschen in Hamburg leiden unter fehlenden sozialen Kontakten.
Foto: IMAGO / Bihlmayerfotografie

So gut wie jeder leidet unter der Corona-Pandemie. Die einen mehr, die anderen weniger. Eine Gruppe, die immer wieder besonders hervorgehoben wird: Kinder, denen die fehlenden sozialen Kontakte durch Schulschließungen oft schwer zu schaffen machen. Aber auch an Hochschulen wie der Universität Hamburg sieht es mitunter duster aus.

Studenten meldeten sich in der Vergangenheit immer wieder zu Wort und klagten ihr Leid, wurden aber kaum gehört. Den Kopf vor den Bildschirmen befanden sie sich, genau wie viele Kinder, im Homelearning. Mit dem Unterschied, dass Universitäten durchgängig dicht hatten, während Schulen immer wieder öffneten. In Hamburg wurde den Studenten jetzt nach 16 Monaten Pandemie endlich Hoffnung gemacht. Ein bisschen zumindest.

Hamburg: Erlösende Nachricht

Es müsste die erlösende Nachricht gewesen sein, auf die viele warteten: Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank äußerte sich diese Woche endlich zu Uni-Öffnungen: Ab dem Wintersemester, das im Oktober beginnt, soll es so weit sein. „Es ist es unser klares Ziel, das Wintersemester an den Hamburger Hochschulen wieder in Präsenz stattfinden zu lassen.“

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Ein Großteil würde mit Sicherheit auch schon jetzt gerne an die Hochschulen zurückkehren. Der Inzidenzwert in Hamburg ist gering, fast alles öffnet unter Auflagen, doch die Impfquote unter jungen Menschen ist noch dürftig.

Viele der Studenten, von denen es 116.000 in der Stadt gibt, haben gelitten in den letzten Monaten. Nun gilt es, nochmal vier weitere Monate durchzuhalten, bis hoffentlich wieder der Universitäts-Alltag da ist, den viele noch nie kennengelernt haben.

Einer, der genau weiß, wie schwer es um viele Studenten bestellt ist, ist Ronald Hoffmann, Referatsleiter der Abteilung „Beratung und Administration“ an der Universität Hamburg, zu der auch die Psychologische Beratung gehört.

Hamburg: Ansturm blieb zunächst aus

Mit dem Beginn des ersten Lockdowns Anfang 2020 hatte man sich dort auf einen Ansturm eingerichtet und neue Videoformate für psychologische Beratung eingeführt. Doch dann das: „Im Frühjahr und Sommer haben wir keinen Effekt wahrnehmen können", sagt Ronald Hoffmann. Die Zahl an Beratungsgesprächen nahm nicht zu.

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Die Probleme, sie kamen erst später so richtig auf. „Im Herbst ging es los mit dem Wintersemester 2020/2021. Da gingen die Zahlen nicht durch die Decke, aber sie gingen nicht mehr runter."

Sonst gab es bei den Beratungsgesprächen zu Prüfungszeiten oder auch an Weihnachtsfeiertagen gerne mal Schwankungen. Nicht aber so im Corona-Winter. „Wir haben seit Oktober gleichbleibend hohe Anmeldezahlen und eine lange Warteliste", so Ronald Hoffmann.

Hamburg: Einsamkeit als Riesen-Problem

Auch die Themen änderten sich: Früher waren die Studenten mit ihrem Studium überfordert, hatten einen Burnout oder kamen nicht so richtig ins Lernen rein. Auch Prüfungsängste waren natürlich ein Klassiker.

Jetzt standen andere Dinge auf der Agenda: „Einsamkeit, der komplette Verlust von Tagesstruktur, Verlust von Schlafrythmus." Dass Studenten nicht mehr ins Lernen kamen, war nach wie vor Thema, doch vor einem anderen Hintergrund: „Ich weiß gar nicht, was das alles bringen soll. Ich wollte eigentlich eine Studentenzeit", hieß es in der Beratung.

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Besonders ein Brief hatte Ronald Hoffmann berührt. Ein Student schrieb, in seiner Familie hätten alle immer mit etwas verschmitztem Lächeln Geschichten aus der Zeit an der Universität erzählt. Und er fragte sich deshalb: Was habe ich später zu erzählen? „Weil er sitzt ja nur vor dem PC."

Manche würden massive depressive Symptome aufzeigen. „Eine Studentin sagte mir, sie wisse, was sie tun müsse, aber sie kriege es einfach nicht hin. Ihre Bewältigungsstrategien funktionierten nicht mehr."

Hamburg: Viele Zweifler, aber nicht mehr Abbrüche

Es gab Frust über geplatzte Ausslandssemester und Studierende, die nicht mehr zuhause bei ihren Eltern wohnen wollten, weil man sich im Lockdown dort gegenseitig auf den Keks ging. Räumliche Enge in WGs sei laut Hoffmann hingegen eher nicht Thema gewesen.

Sehr wohl aber internationale Studenten mit wenig Kontakten, die besonders gelitten haben. Oder Studienanfänger, die überhaupt keine Nähe zur Institution oder Kommilitonen hatten. Bei Flüchtlingen waren dadurch zudem die Deutschkenntnisse auf dem Rückzug.

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Immerhin: Bislang haben die ganzen Probleme nicht zu hohen Abbruchsquoten an der Universität Hamburg geführt. Dort gibt es auch eine Beratung für Menschen, die an ihrem Studium zweifeln. „Bei den Zweiflern gab es Ende März so viele Anmeldungen wie sonst in einem Jahr", erzählt Hoffmann.

Hamburg: Meisten Studenten werden es schnell verarbeiten

Ob diese Zweifel beseitigt sind, wenn es im Oktober wieder so richtig losgeht? Aktuell können sich Studenten immerhin Plätze zum Lernen in der Bibliothek sichern. Präsenz gibt es nur bei Prüfungen sowie Forschungs- und Lehrtätigkeiten in Laboren und Werkstätten, nicht aber bei Vorlesungen oder Kursen.

Ein Uni-Betrieb in Pandemie-Zeiten zu gestalten, ist alles andere als einfach. Die Menschen wechseln häufig die Räume, es gibt viele Begegnungen auf dem Campus und Räume sind nicht für Abstandsregelungen ausgelegt, weil sie schlichtweg zu klein sind. „Der Schneeball-Effekt ist in einer Universität viel größer, als in Schulen und Kindergärten", sagt Hoffmann. Aber: „Alle sehnen sich nach Präsenzunterricht, auch die allermeisten Lehrenden."

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Bleibt zu hoffen, dass diese Sehnsucht spätestens am 1. Oktober befriedigt werden kann. Dass viele Studenten langfristige Schäden von den drei Online-Semestern in Pandemie-Zeiten davontragen, glaubt Hoffmann nicht: „Ich glaube, der größte Teil wird das schnell verarbeiten."

Bei jeder Krise gebe es ja auch die Möglichkeit, gestärkt daraus hervorzugehen. „Damit geschieht auch ein Stück Reifung".