Hamburg: Menschen stinksauer – wird die Stadt immer hässlicher? „Ehemals schönste Stadt Deutschlands“

Der Fernsehturm bleibt. Aber um ihn herum ändert sich in den nächsten Jahren sehr vieles.
Der Fernsehturm bleibt. Aber um ihn herum ändert sich in den nächsten Jahren sehr vieles.
Foto: imago images/Markus Tischler

Es gibt diese Rankings wie Sand am Meer: Hamburg – die schönste, beliebteste oder lebenswerteste Stadt Deutschlands. Zahllose dieser Listen führt die Hansestadt an, erst kürzlich wieder in einer Befragung von 10.000 Menschen durch die Markenberatung Brandmeyer.

Den Satz „Hamburg ist soo schön“, wird wohl jeder schon mal von einem neidischen Nicht-Hamburger gehört haben. 2017 schaffte es die Stadt in einer Studie von „The Economist“ sogar auf Platz Zehn der lebenswertesten Städte weltweit. Das Ranking gewann damals übrigens Melbourne vor Wien, weil es in den Kategorien Kultur und Umwelt noch etwas besser abschnitt.

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Hamburg und seine Kultur

Kultur und Umwelt, zwei wichtige Merkmale einer lebenswerten Stadt neben anderen Faktoren wie Infrastruktur, Gesundheitswesen, Kriminalitätsrate, Mietpreisen – und dem subjektivem Empfinden der Bewohner über das Leben in ihrer Stadt.

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Doch Kultur und Umwelt sind auch zwei Faktoren, welche eine Stadt zum Pulverfass machen können. Hamburg kann stolz auf seine Kultur sein, doch viele Bürger in der Stadt sehen auch immer wieder Fehltritte und fragwürdige Entscheidungen, die etwas von dem zerstören, was die Schönheit der Hansestadt ausmacht.

Ein aktuelles Beispiel, über das wir kürzlich berichteten, ist die Sternbrücke. Ein über 100 Jahre altes Denkmal mit einer Club-, Konzert- und Kneipenkultur, welches – laut Aussage der Verkehrsbehörde – zugunsten von Umwelt und Infrastruktur sowie aus Kosten- und Bauzeitgründen weichen soll.

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Das ist die Sternbrücke in Hamburg:

  • eine Eisenbahnbrücke zwischen den S-Bahn-Haltestellen Sternschanze und Holstenstraße
  • sie wurde 1893 erbaut und hat seit den 20er-Jahren ihre heutige Form
  • zwei Gleise der S-Bahn und zwei Gleise für Fernzüge trägt die Brücke
  • einer der meistfrequentiertesten innerstädtischen Gleisabschnitte in Deutschland: 900 Züge/Tag
  • etwa 50.000 Fahrzeuge unterqueren die Brücke täglich
  • unter der Sternbrücke kreuzen sich Stresemannstraße und die Max-Brauer-Allee

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Hamburg: Einwohner und Promis machen mobil

Eine Petition zum Erhalt der Sternbrücke erreichte gerade die Schwelle von 10.000 wütenden Unterzeichnern, die es nicht ertragen können, dass dieser Kulturraum verschwinden soll, Demonstrationen sind geplant. Promis wie Jan Delay nennen das kleine Viertel den „souligsten Ort der Stadt“, Star-Regisseur Fatih Akin kann in einem Video der „Initiative Sternbrücke" über den Umgang Hamburgs mit seinen Denkmälern nur den Kopf schütteln und geht die Stadt hart an:

„Mich als Filmemacher zwingt es dazu, Hamburg als Drehort immer weiter zu vernachlässigen und andere Alternativen zu suchen. Länder und Kulturen, die einfach mehr Wert geben auf ihre Bauwerke. In dieser Betonstadt, wo alles nur wegen kurzfristigen Profits abgerissen wird, hat man diesen Sinn für Kultur, Zeitzeugen und Denkmalschutz leider verloren.“

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Auch die SPD in Altona stellt sich gegen das Vorhaben der eigenen Partei, wie das „Hamburger Abendblatt" berichtet.

In Leserbriefen an MOIN.DE wird Hamburg schon „ehemals schönste Stadt Deutschlands" genannt. Die Hamburgische Architektenkammer appellierte, bei Entscheidungen doch bitte auch städtebauliche, freiräumliche und architektonische Kriterien heranzuziehen.

Dass es solche deutliche Reaktionen von Einwohnern und Prominenten gibt, hat viele Gründe.

Hamburg: Alte Bahnhofsflächen mussten weichen

Denn Hamburg besitzt mehrere Orte, die Kritik einstecken müssen. Dazu gehört auch die „Neue Mitte Altona“ an der Hartkortstraße. Für die Wohnhäuser in bester Lage, welche die Stadt wegen der hohen Nachfrage dringend benötigt, mussten alte Bahnhofsflächen weichen, die natürlich einen eher geringen kulturellen Wert haben.

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Doch Kritiker stören sich trotzdem an dem Viertel. Denn: es sind meist schnöde Einheitsbauten, die zwar sehr energieeffizient sind, aber so auch in jeder anderen Stadt entstehen. Es ist genau das, was Fatih Akin als „Betonstadt" bezeichnet. Da kann auch eine große Grünfläche schwer drüber hinwegtäuschen.

Zudem wurde in Altona sehr eng gebaut, damit möglichst viele Menschen hier Platz finden. Es ist oft schattig, dem Gegenüber auf den Balkon zu spucken, ist teilweise kein Ding der Unmöglichkeit. Viele Bürger finden die „Neue Mitte“ alles andere als schön – und teuer. Das ist sie fernab der Sozial- und Genossenschaftswohnungen natürlich auch, genau wie das hochpreisige, nebenan gelegene Riesen-Studentenwohnheim „The Fizz“.

Allerdings wurde in Altona auch Wert auf Altes gelegt: Hallen und Hofflächen eines Verladehofes wurden saniert, der Architekten- und Ingenieurverein Hamburg zeichnete die „Kranbauten" mit den länglichen Balkonen überhalb der denkmalgeschützten Osthalle kürzlich als „Bauwerk des Jahres 2019“ aus.

Hamburg: Herzstück des Stadtteils

Das Ende der Fahnenstange ist im Stadtteil längst nicht erreicht. Mit der geplanten Verlegung des Fernbahnhofes Altona nach Diebsteich soll die „Neue Mitte Altona“ dort weiterwachsen, wo jetzt Gleise und Bahnsteige stehen.

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Kaum ein Hamburger maßt sich an, den Bahnhof Altona „schön" zu nennen, die Ästhetik ließe sich wohl klar verbessern. Doch er ist das Herzstück des Stadtteils, hat eine angrenzende Einkaufsmeile und einen Busbahnhof, das alles fehlt am eher „toten" Diebsteich (mehr dazu >>> hier).

Die „Initiative Prellbock" kämpft für den Erhalt und die Modernisierung des Altonaer Bahnhofes bei gleichzeitiger Neuordnung des Gleisfeldes für die „Neue Mitte Altona“. Der Neubau am Diebsteich hat sowohl viele Kritiker als auch Fans.

Hamburg und der Elbtower

Ein weiterer Zankapfel in der Stadt ist der riesige, 245 Meter hohe Büroturm „Elbtower" an den Elbbrücken, der von einem Investor gebaut wird. Er soll der erste Wolkenkratzer der Stadt und eines der höchsten Gebäude Deutschlands werden.

„Passt nicht zu Hamburg", heißt es oft. Eine Frau fragt bei Facebook: „Höher, schneller, weiter und dann?". An der lauten, unbewohnbaren Verkehrsachse Elbbrücken nimmt der Neubau des Elbtowers keinen alteingesessenen Strukturen etwas weg – doch es ist genau jenes „höher, schneller, weiter", das neben vielen Fürsprechern auch einige für übertrieben halten.

Beim Referendum zur Hamburger Olympia-Bewerbung hatte ein großer Teil der Bevölkerung schon mal deutlich gemacht, dass er wenig vom Gigantismus hält. Der Elbtower wird das neue Aushängeschild der Hafencity, die ohnehin schon seit Jahrzehnten umstritten ist.

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Hamburg: Immer größer

„Höher, schneller, weiter“ gibt es in Hamburg auch im etwas Kleineren. Der Bunker an der Feldstraße, auch ein Kulturort, wird bereits aufgestockt, bekommt unter anderem eine grüne Dachterrasse. Die Befürworter finden das schöner anzusehen als den grauen Klotz, dazu gibt es noch eine Sport- und Eventhalle.

Kritiker ärgern sich auch hier über Überdimensionalität durch die deutliche Aufstockung und die damit verbundene teilweise Verschattung der Wohnhäuser daneben. Auch, dass wieder mal ein Hotel entsteht, gefällt einigen nicht.

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Ein paar Meter weiter gibt es das nächste Dilemma: Wo ein kleines Restaurant für den nächsten Büro-Riesenbau in einem alternativen Viertel weichen muss, das „Paulihaus" (mehr dazu >>> hier).

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Hamburg und das „Moloch“

Hamburgs beliebtester Club war einst das „Moloch“, das zwei Mal mit dem „Hamburg Club-Award“ ausgezeichnet wurde. Der ehemalige Technoschuppen und gleichzeitig Kulturzentrum am Oberhafen hatte einen großen Außenbereich, der fiel dem Voranschreiten der Hafencity nach nur wenigen Jahren zum Opfer, das „Moloch“ war außerdem zu laut.

Auch hier fand sich nie eine wirklich zufriedenstellende Lösung für den Club, der sich später aber aus anderen Gründen auflöste.

Das historische Gängeviertel in der Innenstadt wurde einst an einen Investor verkauft, gammelte jahrelang vor sich hin und hätte seine ursprüngliche Struktur fast für Büro-Neubauten hergeben müssen. Dann wurde das Viertel von Aktivisten und Künstlern besetzt, die Stadt kaufte es 2009 zurück. Heute ist es einer der vielfältigsten künstlerischen Orte der Stadt. So geht es nämlich auch in Hamburg.

Hamburg hat es selbst in der Hand

Über den Wandel auf der Reeperbahn von den Tanzenden Türmen über das Esso-Areal, sämtliche Hotelneubauten, die neue Kiosk-Kultur oder die Schließung von alteingesessenen Läden ließe sich ein ganzes Buch schreiben.

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Die Stadt Hamburg hat es selbst in der Hand gehabt, die meisten Projekte sind besiegelt und werden Hamburg trotz des Kampfes der Kritiker entscheidend verändern.

Natürlich gibt es auch weniger im Fokus stehende und vielgelobte Beispiele wie das geplante Sonninquartier in Hammerbrook mit seinen vielen Sozialwohnungen.

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Über Geschmack lässt sich bekanntlich ohnehin streiten, alle Pläne haben Gegener und Befürworter. Eines ist aber sicher: Mit einer neuen Riesen-Sternbrücke, der Neuen Mitte Altona, dem Elbtower, dem Bürokomplex Paulihaus sowie der Bunker-Aufstockung und dem neuen Bahnhof Diebsteich geht es in Hamburg vor allem immer „höher, schneller, weiter".