Barth: Ihre Corona-Erkrankung war schrecklich – heute besucht sie Querdenker-Demos mit diesem Schild

Karoline Preisler aus Barth in Mecklenburg-Vorpommern war an Covid-19 erkrankt. Heute sucht sie am Rande von Corona-Demonstrationen das Gespräch.
Karoline Preisler aus Barth in Mecklenburg-Vorpommern war an Covid-19 erkrankt. Heute sucht sie am Rande von Corona-Demonstrationen das Gespräch.
Foto: IMAGO / opokupix

Am Freitag kann sie wieder Sport machen. Mehr als Reha-Sport. Das erste Mal seit 16 Monaten. „Cardio und Pilates mit meiner Fitnesstrainerin“, sagt Karoline Preisler aus Barth, einer kleinen Stadt im Norden von Mecklenburg-Vorpommern (MV). Im März 2020 war die heute 50-Jährige an Corona erkrankt. Heute kann sie sagen: „Mir geht es gut. Ich bin fit und gesund.“ Doch auch bald anderthalb Jahre nach der Infektion bleiben gesundheitliche Folgen.

„Weil ich keine Spitzensportlerin bin, merke ich das nicht. Aber Bilder meiner Lunge zeigen Narben und Ergüsse.“ Covid-19 hat ihren Körper gezeichnet. Für Karoline Preisler bleibt die Krankheit auch auf anderen Ebenen präsent. Zum Beispiel, wenn sie am 1. August wieder von Barth nach Berlin fahren wird, um eine Querdenker-Demo zu besuchen.

Barth: „Ich hatte Covid-19 und ich mache mir Sorgen um euch“

Die Juristin und FDP-Politikerin aus MV sucht den Dialog, sie will reden. Sie war bei Demonstrationen in Leipzig, in Hannover und Berlin und im Oktober sogar am anderen Ende von Deutschland in Konstanz am Bodensee. Mit dabei ist immer ihr Schild mit der Aufschrift: „Ich hatte Covid-19 und ich mache mir Sorgen um euch.“ Damit steht Preisler am Rande der Demonstrationen.

Sie hat sich von ihren Töchtern Stifte und Glitzer geliehen und das Schild gebastelt. Lassen sich Querdenker, unter ihnen Rechtsextreme, Antisemiten und Verschwörungstheoretiker, von Sorgen, Glitzer und Aufklärung beeindrucken, geschweige denn überzeugen?

Preisler sagt, bei den Hardcore-Querdenkern könne sie damit nichts erreichen, bei den überzeugten Homöopathen oder Rechtsextremen. „Aber am Rande der Demos stehen viele Menschen, die ganz berechtigte Sorgen haben. Eltern, die den Alltag nicht mehr stemmen konnten wegen der Kita-Schließungen, Menschen mit Existenzsorgen.“

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Mit ihnen spricht Karoline Preisler über die Folgen einer Covid-Erkrankung und Infektionsschutz. „Als Juristin weiß ich: Meine Freiheit geht so weit, bis sie die der anderen einschränkt. Niemand darf anderen eine schlimme Krankheit zumuten.“ Sie hat auf den Demos auch jeweils die Nummer von Ansprechpartnern in den Bundesländern, von Bürgerbeauftragten und Ministerien dabei. „Die Menschen sollen ihre Fragen und Ängste äußern können. Am besten direkt vor Ort. Und sie müssen Antworten erhalten.“

Familie aus Barth startet Corona-Tagebuch bei Twitter

Karoline Preisler hat viel mediale Aufmerksamkeit erfahren. Vielen Zeitungen und Sendern hat sie vergangenes Jahr Interviews gegeben, sie war zu Gast bei Markus Lanz. Bei Twitter hat sie mit ihrem #coronatagebuch eine große Reichweite erlangt. Ein Hashtag, so neuartig wie die Krankheit selbst im März 2020. Karoline Preisler und ihr Mann Hagen Reinhold, Bundestagesabgeordneter der FDP für den Wahlkreis Rostock, gehörten zu den ersten Personen in Deutschland, die sich mit Corona infizierten.

Sie googelten „Corona Isolation Familie“ und fanden – nichts. Wer das heute googelt, landet direkt bei einem Flyer des Robert Koch-Instituts mit Infos für Patienten und Angehörige. Aber im März 2020, da „war ja alles neu“, erinnert sich Preisler. „Also füllten wir diese Informationslücke.“

Sie hatte sich am 8. März unbemerkt bei ihrem Mann angesteckt. Hagen Reinhold erhielt am 11. März 2020 die Corona-Diagnose. Die gesamte Familie musste in Quarantäne. Er in Berlin, Karoline Preisler mit den drei Kindern daheim in Barth. „Am 12. März wurde mir klar, dass ich mich angesteckt hatte. Es ging mir schlecht. Ich wusste, dass der Corona-Test positiv ausfallen würde.“

Barth: „Dieses Gefühl keine Luft zu bekommen, ist schrecklich“

Karoline Preisler beschreibt schweren Husten, Halsschmerzen und vor allem: Atemnot. „Dieses Gefühl keine Luft zu bekommen, ist schrecklich. Als wäre man unter Wasser und muss dringend Luft holen.“ Am Vormittag schaffte sie es noch, den Kindern Essen zuzubereiten. Weil sie in Quarantäne waren, durfte niemand in die Wohnung. Dann verschlimmerten sich die Symptome. „Ich dachte nur, du darfst jetzt nicht sterben. Ich kann doch nicht vor den Augen meiner kleinen Kinder eingehen.“

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Es folgten viele Gespräche und Verhandlungen mit den Gesundheitsämtern in Berlin und MV. Die machten schließlich eine Ausnahme: Hagen Reinhold, dessen Krankheitsverlauf zum Glück mild war, durfte von Berlin nach Barth kommen, mit dem Auto, ohne Zwischenstopp. Karoline Preisler kam ins Krankenhaus. „Mein Mann und ich verabschiedeten uns. Wir wussten nicht, ob wir uns wiedersehen würden.“

Sechs Tage blieb Preisler im Krankenhaus. Sie kam auf die Isolierstation und erhielt Sauerstoff. „Endlich. Ich konnte endlich wieder atmen.“ Innerhalb weniger Tage nahm sie acht Kilo ab. Doch ihr Zustand verbesserte sich schon bald deutlich. Wieder daheim, hielten sie für einige Tage die Bereiche zwischen Kranken und Gesunden in der Wohnung strikt aufrecht.

„Ich trug immer Maske, außer allein in meinem Zimmer, wir aßen nicht zusammen. Nachdem ich in der Küche gewesen war, desinfizierte ich alles. Ich habe intuitiv vieles richtig gemacht. Damals wusste man ja noch sehr wenig über die Krankheit.“

Bis heute twittert Karoline Preisler immer wieder zu #coronatagebuch. „Das wird auch noch eine Weile weitergehen. Denn Corona werden wir alle so schnell nicht mehr wieder los.“

Karoline Preisler aus Barth litt an Sprachstörungen

Für sie war Covid-19 nach dem Krankenhausaufenthalt noch lange nicht vorbei. Zwei, drei Wochen nach der Infektion sei sie wieder voller Tatendrang gewesen, erinnert sich Preisler. „Ich war zwar immer noch erschöpft, dachte aber, das käme von der Zeit im Krankenhaus und diesen anstrengenden Wochen. Doch ich freute mich, wieder voll am Leben teilzuhaben.“ Doch ihr Leben war nicht mehr wie vorher. „Ich war ständig müde, brauchte viele Pausen. Mein Mann und ich hatten hinten im Auto ein Bett eingebaut. Wenn wir länger unterwegs waren, mussten wir Pausen machen und ich eine Runde schlafen.“

Auch arbeiten konnte sie nicht mehr im gleichen Rhythmus. Wie viele andere Long-Covid-Patienten hatte Karoline Preisler ihren Geruchssinn verloren. Doch die schlimmste Folge von Long Covid sollte erst noch kommen. Die Sprachstörungen. Covid-19 greift auch das Gehirn an.

Karoline Preisler dachte, die Sprachstörungen hätten im Juli 2020 begonnen, doch bereits Videoaufnahmen aus dem März würden „diese hölzerne Sprache“ zeigen, wie sie es nennt. „Ich unterhielt mich mit meinem Mann. Ich wollte das Wort ,Verfassungsschwerde' sagen. Stattdessen sagte ich ,Brandenburg'. Jedes Mal. Brandenburg, Brandenburg, Brandenburg.“ Sie habe gehört, wie sie „Brandenburg“ sagte, habe es aber nicht korrigieren können. Zwei Tage später war es nicht mehr „Brandenburg“, sondern „Zähneputzen“.

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„Ich wollte etwas ganz anderes sagen, doch stattdessen kam immer nur Zähneputzen heraus. Schrecklich“, sagt Preisler. Sie ist Juristin, Politikerin, Autorin. Sie lebt mit Sprache und von Sprache. „Ich wusste: Wenn das so weitergeht, werde ich mich aus meinem Beruf und dem öffentlichen Leben, das ich führe, zurückziehen müssen. Ich habe meinen Mann darum gebeten, mir zu sagen, wenn ich aufhören muss, wenn ich eine zu große Zumutung werde. Ich liebe meine Arbeit zu sehr, um von alleine aufzuhören. Ich hätte das von mir aus nicht geschafft.“

Die Situation für die Familie aus Barth besserte sie nach und nach

Glücklicherweise mussten ihr Mann und sie dieses Gespräch nie führen. Karoline Preisler ist bis heute Juristin und politisch aktiv, meldet sich zu Wort. Sie sagt zwar bei unserem Telefongespräch, dass sie sich manchmal noch „etwas hölzern“ ausdrücke, davon ist jedoch überhaupt nichts zu merken. Die Sprachstörungen hat sie seit September 2020 nicht mehr beobachtet. Seit diesem Frühjahr riecht sie wieder perfekt und auch die Erschöpfung hat sie überwunden.

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Das ist Barth:

  • Barth ist eine kleine Stadt im Landkreis Vorpommern-Rügen in Mecklenburg-Vorpommern (MV).
  • Barth zählt rund 8.600 Einwohner.
  • Die Stadt liegt am südlichen Ufer des Barther Boddens.
  • Barth bezeichnet sich auch als Vinetastadt – hier soll man die Glocken der in der Ostsee versunkenen sagenhaften Stadt Vineta hören.

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„Zwei Tage nach meiner Impfung am 7. Mai bin ich aufgewacht und die Erschöpfung war weg.“ Sie habe schon von mehreren Long-Covid-Patienten gehört, deren Symptome nach der Impfung verschwunden seien. Gesicherte wissenschaftliche Ergebnisse zu einem Zusammenhang gibt es nicht. Studien mit Long Covid-Patienten laufen.

Die gesundheitlichen Folgen sind und waren das eine. Die sozialen und gesellschaftlichen das andere. Karoline Preisler und ihr Mann gehörten zu den ersten Covid-Patienten in Deutschland. „Wir wurden extrem angefeindet. Eine Frau hat mich im Supermarkt als Hexe beschimpft. Ich hätte die Seuche in die Stadt gebracht. Im Netz war der Hass riesig. Ein Mann forderte, mich zu erschießen.“

Die Familie aus Barth erlebte viel Hass

Wie gingen Karoline Preisler und ihre Familie damit um? „Es war sehr schwierig für uns. Aber ich habe mit der Zeit etwas Wichtiges gelernt: Es geht gar nicht um mich. Viele Menschen sind mit ihrem Leben unzufrieden, sie haben Angst und sind wütend. Und sie haben mit mir eine Zielscheibe gefunden.“

Sie fing an, Nachrichten zu schreiben. „Ich habe ganz vielen Menschen bei Facebook und Twitter geantwortet. Und es entstanden dann teilweise gute Gespräche. Die Menschen haben mir von ihren Nöten erzählt oder geschrieben, dass sie einfach einen schlechten Tag hatten und sich entschuldigt. „Der Mann, der mich erschießen lassen wollte, hat sich auch entschuldigt.“

Als FDP-Mitglied gehört Karoline Preisler einer Partei an, der die Corona-Maßnahmen häufig zu weit gingen und die teils scharfe Kritik daran übte. Sie sagt dazu: „Ich finde es wichtig, dass die FDP immer wieder auf die Notwendigkeit der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen hingewiesen hat. Wir hatten in den einzelnen Bundesländern teilweise ganz unterschiedliche Situationen. Die Maßnahmen hätten in die Parlamente gehört.“

Als weiteres Thema nennt sie das Beherbergungsverbot im Tourismus, das insbesondere im Urlaubsland MV auf heftige Kritik gestoßen war. „In Hotels kann das Frühstück sogar auf dem Zimmer eingenommen werden. Es gibt inzwischen gute Hygienekonzepte. Warum wurde der Inlandstourismus nicht schon viel früher wieder hochgefahren? Jetzt bringen uns deutsche Reisende aus anderen Urlaubsländern deutlich gefährlichere Corona-Mutationen ins Land. Infektionsschutz ist absolut wichtig, aber wir müssen ihn vernünftig gestalten.“

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Politisch und persönlich hat Karoline Preisler auch anderthalb Jahre nach ihrer Corona-Infektion viel zur Pandemie und unserem Umgang damit zu sagen. Auf Gesprächspartner hofft sie insbesondere am 1. August, wenn sie in Berlin einmal mehr am Rande der Querdenker-Demo stehen wird.