Dreifach-Mord in Kiel: Stundenlang hielt die Polizei diesen Mann für den Täter – „Werden wir nie vergessen“

Kiel: Passanten beobachten am vergangenen Mittwoch den SEK und Polizeieinsatz im Brauereiviertel.
Kiel: Passanten beobachten am vergangenen Mittwoch den SEK und Polizeieinsatz im Brauereiviertel.
Foto: picture alliance/dpa

Noch immer laufen die Ermittlungen nach dem Dreifach-Mord in Kiel und Dänischenhagen auf Hochtouren. Aktuell ist der Tatverdächtige, nach Vorführung eines Haftrichters, inhaftiert in einer Justizvollzugsanstalt in Lübeck (MOIN.DE berichtete).

Der Täter war zeitweise flüchtig. Nach Polizeiangaben fanden Beamte in Hamburg-Altona den weißen SUV-Mietwagen mit Euskirchener Kennzeichen, mit dem der 47-Jährige nach der Tat geflüchtet war. In den ersten Stunden der Fahndung hatte die Sichtung eines vergleichbaren Mietwagens ebenfalls mit Euskirchener Zulassung für einen größeren Polizeieinsatz im Kieler Brauereiviertel gesorgt. Nun spricht ein Mann aus Kiel darüber, wieso das Brauerviertel wirklich stundenlang gesperrt war.

Kiel: Falscher Tatverdächtiger steht im Visier der Beamten

Dadurch dass ein ähnlicher Wagen im Brauerviertel in Kiel entdeckt wurde, kam es am vergangenen Mittwoch zu einem Großeinsatz der Polizei. Das Viertel wurde praktisch abgeriegelt und ein Mann stand stundenlang im Tatverdacht.

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Dabei fing der Tag ziemlich harmlos an für Arslan Nasir Baluch, wie er den „Kieler Nachrichten“ (KN) erzählt. Seine Familie und er besuchten zwei Wochen zuvor die große Schwester, die in Mainz lebt. Dafür mieten sie ein Auto an. Einen weißen Volvo V60 Kombi mit Euskirchener Nummernschild, da die Autovermietung dort all ihre Autos zulässt.

Am Mittwoch, den 19. Mai um 14 Uhr sollte der Wagen wieder abgegeben werden. Zwei Stunden zuvor ist Arslan Nasir Baluch noch mit dem Auto unterwegs. Was für ein Zufall. Genau zu diesem Zeitpunkt kam es auch zum Doppelmord in Dänischenhagen. Die Polizeimeldung ist allerdings noch nicht raus.

Tatsächlich hatte die Polizei bereits eine Großraumfahndung ausgesendet – nach einem weißen SUV mit Euskirchener Kennzeichen.

Kiel: Polizei verfolgt Baluch

Als Baluch zurück zu seiner Familienwohnung fährt, wendet ein Polizeiauto und fährt ihm hinterher. Er rechnete laut „KN“ mit einer einfachen Verkehrskontrolle. Doch die Polizei ließ von ihm ab, als er das Viertel erreichte.

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Dann der Schock: SEK-Beamte stürmten schwer bewaffnet das Brauereiviertel. Kurioserweise hielt das Einsatzkommando vor der Nummer 28 inne und richtete das Sturmgewehr auf den ersten Stock. Vor lauter Panik rief die Familie direkt bei der Polizei an.

Die Beamten teilten ihm mit, dass die Familie weg vom Fenster gehen und sich in ein Zimmer zurückziehen solle. Dann zogen die Beamten so schnell wie sie gekommen waren wieder ab und ließen verwirrte Nachbarn im Brauereiviertel zurück.

Kiel: Dramatische Szenen im Brauereiviertel

Die Auflösung soll dann am Folgetag gekommen sein. Die Polizei kontaktierte die Familie Baluch und erklärte ihnen, dass es eine Verwechslung gegeben hätte. Der Vater des 27-Jährigen und er selbst standen im Verdacht für die Morde.

Arslan Nasir Baluch kann es nicht fassen. Nach Medienberichterstattungen erfuhr er schließlich, dass die Suche einem weißen SUV galt. Er fuhr allerdings einen Kombi.

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Auf der einen Seite verstehe er zwar den Einsatz, da die Polizei einer Gefährdung der Allgemeinheit nachging, aber trotzdem bleibt Wut:

„Ich habe mich vom Staat diskriminiert und in meiner Würde verletzt gefühlt. Den Tag werden wir nie vergessen“, verrät er im „KN“-Gespräch. Besonders traurig sei die Tatsache, dass sich niemand für den Einsatz persönlich bei der Familie entschuldigt hätte. Baluch und seine Familie bangten schließlich um ihr Leben.

Auf Nachfrage der „KN“ reagiert ein Polizeisprecher der Kieler Polizei mit den Worten: „Ich sehe nicht, wofür wir uns entschuldigen müssten. Wir haben keinen Fehler gemacht, sondern nur das getan, was wir zu dem Zeitpunkt tun mussten.“ (pag mit dpa)