Kiel: Mann berichtet von Arbeit mit Drogenabhängigen, dabei beobachtet er Erschreckendes – „Am lebendigen Leibe verfault“

Oliver Carell arbeitet seit zehn Jahren in Kiel mit drogenabhängigen Menschen.
Oliver Carell arbeitet seit zehn Jahren in Kiel mit drogenabhängigen Menschen.
Foto: imago images/tommaso79 & privat

Wenn Oliver Carell seinen Arbeitstag im „Claro“ in Kiel beginnt, sind außer ihm noch eine Handvoll weitere Mitarbeiter dort. Sie setzen Kaffee auf, lesen E-Mails, kochen Essen. Die Ruhe vor dem Sturm. Wenn der Laden um zehn Uhr öffnet, „geht der Wahnsinn auch schon los“.

Rund 50 bis 70 Drogenkranke suchen den Kontaktladen in Kiel jeden Tag auf. Manche von ihnen leiden bereits seit Jahrzehnten an schwerster Abhängigkeit. Oliver Carell, der dort seit zehn Jahren arbeitet, hat mit der Zeit erschreckende Entwicklungen beobachtet.

Kiel: „Dass es nicht noch schlimmer wird“

In der Einrichtung finden Drogenkonsumenten unkomplizierte und direkte Hilfe bei alltäglichen Dingen. Als „die allernötigsten Lebenserhaltungsmaßnamen“, fasst Oliver Carell es zusammen.

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Die Menschen können im „Claro“ essen, trinken, duschen, Wäsche waschen und werden in bürokratischen Angelegenheiten unterstützt. Außerdem erhalten die Besucher dort „alle Utensilien, die man zum Drogenkonsum benötigt“, etwa saubere Spritzen oder spezielle Folie zum Rauchen.

„Es geht nicht in erster Linie darum, Menschen ein drogenfreies Leben zu bescheren“, stellt der Kieler klar. Das sei bei vielen Abhängigen aufgrund der jahrelangen, schweren Sucht kaum noch möglich. Aufgabe der Hilfeeinrichtung sei es, „dafür zu sorgen, dass es nicht noch schlimmer wird.“

Heroin und Kokain besonders verbreitet in Kiel

Der Drogenkonsum selbst ist aber auf dem Gelände des „Claro“ und im Kontaktladen strikt verboten. Besonders verbreitetet unter den Abhängigen in Kiel seien Heroin und Kokain. Letzteres auch in Form von Crack.

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Das ist Kiel:

  • Kiel ist Landeshauptstadt und auch bevölkerungsreichste Stadt von Schleswig-Holstein
  • Hier leben rund 246.300 Menschen
  • Die Stadt ist ein bedeutender Stützpunkt der Marine
  • Kiel ist bekannt für den Handballverein THW Kiel und den Fußballclub Holstein Kiel
  • Jährlich lockt die Kieler Woche viele Besucher an

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Zuletzt habe sich auch Lyrica in Kiel verbreitet. Ein Arzneimittel mit einer sedierenden Wirkung, ähnlich wie Benzodiazepine. „Letztlich konsumieren die Leute aber alles, was ihnen in die Finger kommt“, sagt Oliver Carell – und das ist ein gewaltiges Problem.

Polytoxer Konsum in Kiel nimmt zu

Der 35-Jährige hat während seiner Zeit im „Claro“ eine beängstigende Entwicklung mit angesehen. „Seit einigen Jahren hat sich polytoxer Konsum etabliert“, berichtet er im Gespräch mit MOIN.DE. Heißt, die Abhängigen nehmen alle möglichen Drogen wild durcheinander.

„Was uns dabei auffällt, ist der geistige Zustand einige Besucher“, erzählt der Kieler. Innerhalb weniger Monaten bauen die Menschen geistig rapide ab. „Wie schnell und stark“ der mentale Verfall voranschreite, könne man hautnah beobachten.

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Damit geht auch oft körperliche Verwahrlosung einher. „Das ist ganz gruselig“, sagt Oliver Carell. Die Situation sei vor zehn Jahren bei Weitem nicht so krass gewesen. Die Betroffenen werden immer jünger und konsumieren immer massiver.

Kiel: Mann am „lebendigen Leibe verfault“

Ein Besucher hat sich ihm besonders in Gedächtnis gebrannt: „Wenn du einem Menschen dabei zuschaust, wie er am lebendigen Leibe verfault und das über viele Jahre, das ist schon sehr prägend“, erzählt der 35-Jährige. Am Ende seien dem Mann beide Beine amputiert worden. Dass er heute noch lebt, grenze an ein Wunder.

Die Stimmung im Kontaktladen beschreibt er trotzdem als „überwiegend gut“. Ab und an müssen die Mitarbeiter den Notruf wählen, weil die Besucher stark überdosiert haben – eine lebensgefährliche Situation. „Wir hatten bisher Glück, dass hier im Laden keiner verstorben ist“, sagt der Kieler.

Krasse Schicksale in Kiel

Wer den Kontaktladen betritt, kann frei entscheiden, ob er anonym bleiben oder seine Geschichte teilen möchte. Die Mehrheit entscheidet sich für Letzteres. „Wir arbeiten sehr eng mit unseren Besuchern“, erzählt Oliver Carell. Für viele von ihnen sei es eine Erleichterung, ihre Sorgen und Probleme teilen zu können, ohne Ablehnung zu erfahren.

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„Uns kannst du halt auch nicht mehr schocken“, sagt der Kieler über das Team im „Claro“. Sowohl er als auch seine Kollegen hätten im Laufe der Jahre viele krasse Schicksale gehört, sodass sie mittlerweile objektiv zuhören können. Zwar mit Einfühlsvermögen, aber ohne dabei selbst zu betroffen zu wirken.

Zwar komme mit der Zeit eine gewisse Routine in den Job, trotzdem „darf man nicht vergessen, dass man mit Menschen arbeitet“, so Oliver Carell. Auch Todesfälle gehören zu seinem Arbeitsalltag. Viele ältere aber auch jüngere Stammgäste versterben mit der Zeit. „Das trifft einen natürlich“, sagt der 35-Jährige.

Vorurteile gegen Arbeit des Kontaktladens in Kiel

Abseits der Arbeit sieht er sich oft mit Vorurteilen konfrontiert. Besonders wenn Leute erfahren, dass im „Claro“ die Utensilien zum Konsum herausgegeben werden. Der Kieler muss sich dann anhören, „dass unsere Arbeit dafür sorgen könnte, dass die noch mehr konsumieren“.

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Was den Wenigsten bewusst ist: Damit werden die Gesundheitssysteme entlastet. Die Wahrscheinlichkeit, an Hepatitis C zu erkranken, ist für die Drogenkonsumenten deutlich geringer, wenn sie eine saubere statt einer benutzten Spritze verwenden.

Mit der Ausgabe von sauberen Utensilien verhindern Oliver Carell und seine Kollegen solche Infektionen, wodurch die Krankenkassen mehrere tausend Euro einsparen können. „Ein Dienst fürs Allgemeinwohl“, so der 35-Jährige.

Ablehnung und Ekel in Kiel

Auch den Drogenabhängigen selbst begegnen viele Menschen mit Ablehnung oder Ekel. Der Kieler erklärt sich das folgendermaßen: „Unsere Klienten befinden sich am Rande der Gesellschaft, wo niemand gerne hinguckt.“

Weitverbreitet sei auch die Ansicht, Suchtkranke seien selbst schuld. „Abhängig will kein Mensch sein und das muss man immer wieder betonen“, stellt er klar. Ebenso wie bei Alkoholikern beginnen viele Abhängige laut Oliver Carell mit gelegentlichem Konsum und verlieren nach und nach die Kontrolle.

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Aus dem jahrelangen Kontakt mit Drogenabhängigen weiß der 35-Jährigen genau, wie die meisten von ihnen sich fühlen. Er beschreibt es als die „absolute Hölle“. Der Entzug sei zu vergleichen mit einer sehr starken Grippe.

Flucht aus dem Drogenalltag in Kiel

Gliederschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Schüttelfrost – „und das alles gleichzeitig“, zählt der Kieler auf. Hinzu kommt noch die Sucht, also das unstillbare Verlangen nach dem Stoff. Einzig der kann in dem Moment das Elend beenden. Deshalb sei es für viele so schwer, davon wegzukommen.

Und auch wenn das gar nicht die Aufgabe des „Claro“-Teams ist, so freut Oliver Carell sich doch, wenn er die Besucher „mal ein paar Stunden aus ihrem Drogenalltag holen kann“. Den Suchtkranken ein Lächeln ins Gesicht zaubern und ihnen eine kurze Pause vom Elend bieten.

„Das ist für mich immer der größte Erfolg hier“, sagt der 35-Jährige. Die Not und das Leid für einen Moment verschwinden zu lassen, „das ist ein schönes Gefühl“.