Nordsee: Dieser neue Plan gegen Russland sorgt für Aufsehen – doch die Kritik daran ist knallhart

Robin Grützmacher
Ob Wladimir Putin schon mal was von Brunsbüttel gehört hat? Bald bestimmt, denn der Ort an der Nordsee soll ein wichtiger Baustein werden, um sich von ihm loszulösen.
Ob Wladimir Putin schon mal was von Brunsbüttel gehört hat? Bald bestimmt, denn der Ort an der Nordsee soll ein wichtiger Baustein werden, um sich von ihm loszulösen.
Foto: IMAGO / blickwinkel / ITAR-TASS

Eigentlich ist das Problem schnell erklärt: Weil Russland die Ukraine überfallen hat, will Deutschland am liebsten gar kein Gas von dort mehr beziehen. Der nächste Winter bricht allerdings schon in ein paar Monaten an. Die schnellste Lösung ist, das Russen-Gas mit Flüssigerdgas (LNG) zu ersetzen, das an der Nordsee angelandet werden soll.

Bislang gibt es dort allerdings keine passenden Terminals, jedenfalls in Deutschland nicht. Stationäre LNG-Terminals am Festland an der Nordsee zu bauen dauert außerdem ewig. Schneller geht es da mit schwimmenden Terminals. Wirtschaftsminister Robert Habeck will den Ausbau per LNG-Gesetz massiv beschleunigen.

Nordsee: Es könnte so einfach sein

So weit, so gut? Schiffe transportieren bald das LNG aus aller Welt über die Nordsee vor unsere Häfen, wo die schwimmenden Terminals es aufnehmen und in „normales“ Gas umwandeln, laut Ministerpräsident Daniel Günther könnte solch eine Anlage schon Anfang 2023 in Brunsbüttel fertig sein. Die Häuser sind dann weiter warm, die Fabriken laufen wie gewohnt, Putin kann sein Gas behalten.

Und während das alles passiert, geht der (milliardenteure) Bau von LNG-Terminals in Nordsee-Orten wie Brunsbüttel voran und die schwimmenden Zwischenlösungen können eines Tages durch sie ersetzt werden.

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Doch so einfach ist es nicht.

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Umweltschützer und manch politische Partei laufen Sturm gegen Habecks schnell-schnell-LNG-Pläne. Aus mehreren Gründen: Einerseits, weil LNG keine umweltfreundliche Alternative ist, da es oft durch Fracking gewonnen wird. Und andererseits, weil sie sagen: Es gibt doch schon LNG-Terminals in Europa, es braucht keine weiteren in Deutschland, weder schwimmend noch stationär.

Der SSW-Bundestagsabgeordnete Stefan Seidler sagte kürzlich im Interview mit MOIN.DE: „Wir sind gegen den unsinnigen Bau von LNG Terminals mit umweltschädlichen gefrackten Gas in Schleswig-Holstein. An unserer Westküste produzieren wir überschüssige Windenergie, die wir wunderbar für die Produktion von sauberem Wasserstoff nutzen können. Das macht für Umwelt, Innovation und Jobs in unserem Land viel mehr Sinn.“

Auch Susanne Spethmann von der Linkspartei im hohen Norden äußerte sich ähnlich. Nur: mal eben die regenerativen Energien noch massiver ausbauen und mit Wasserstoff das viele Gas aus Russland für ganz Deutschland ersetzten, ist innerhalb von ein paar Monaten unmöglich.

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Das ist die Nordsee:

  • die Nordsee ist ein Randmeer des Atlantischen Ozeans
  • die Nordsee ist ein wichtiger Handelsweg und dient als Weg Mittel- und Nordeuropas zu den Weltmärkten
  • die Fläche beträgt 570.000 Quadratkilometer
  • sie ist bis zu 700 Meter tief

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Nordsee: Das sagt das Wirtschaftsministerium

Dass LNG nicht umweltfreundlich ist, weiß auch der grüne Robert Habeck. Doch er nimmt es in Kauf, weil die Unabhängigkeit von den Kriegstreibern aus Moskau über allem steht. „Wir wollen uns nicht mehr der Willkür eines Staates ausliefern, der seinen Nachbarn überfällt und in den Krieg stürzt", sagt ein Sprecher aus dem Wirtschaftsministerium zu MOIN.DE. Aber was ist mit dem zweiten Kritikpunkt?

Reinhard Knof, Sprecher des „Klimabündnisses gegen LNG", sagt zu unserer Redaktion: „Deutschland kann über die LNG-Terminals in Rotterdam, Zeebrügge und Dünkirchen mit LNG versorgt werden. Das reicht für den kurzfristigen Bedarf vollkommen aus. Es gibt keinen Bedarf an LNG-Terminals, auch nicht an schwimmenden Einheiten.“

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Er verweist auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die seine These bekräftigt. Allerdings unter Voraussetzungen, denn dort heißt es: „Wenn die Energie-Einsparpotenziale maximal genutzt und gleichzeitig die Lieferungen aus anderen Erdgaslieferländern so weit wie technisch möglich ausgeweitet werden, ist die deutsche Versorgung mit Erdgas auch ohne russische Importe im laufenden Jahr und im kommenden Winter 2022/23 gesichert."

Laut des DIW könnten Rotterdam, Zeebrügge und Dünkirchen mit ihren LNG-Terminals ein Viertel dessen ersetzen, was aus Russland importiert wird. Der Rest müsse über Einsparungen und andere Gas-Importe erfolgen, beispielweise auch aus Algerien oder Libyen.

Dem Wirtschaftsministerium ist ein Viertel zu wenig, oder zu riskant. MOIN.DE hat dort nachgefragt: „Insgesamt genügen die Kapazitäten nicht, um ausreichend Vorsorge in Deutschland zu sichern", heißt es in einer Antwort.

Braucht es die Nordsee-Terminals wirklich?

Die Niederlande, Frankreich, Belgien und Polen stellten laut einer Sprecherin eine Regasifizierungskapazität von 40 Milliarden Kubikmetern im Jahr dar, Deutschland brauche 90 Milliarden. Und die Bundesrepublik ist längst nicht das einzige Land in Europa, das seine Fühler an die bestehende LNG-Infrastruktur in Rotterdam, Zeebrügge und Dünkirchen ausstreckt.

„Die Anlandekapazitäten reichen bei hoher Nachfrage aus den Niederlanden, Frankreich, Belgien und Polen nicht aus, um zusätzliche, für Deutschland bestimmte Mengen anzulanden. Noch dazu wollen ja auch andere Länder verstärkt Gas hierüber beziehen. Deshalb sind eigene Anlandekapazitäten notwendig", so das Wirtschaftsministerium.

Was laut Wirtschaftsministerium noch hinzukommt: Auch Deutschland sei Mittelland, das anderen EU-Staaten Gasmengen zur Verfügung stelle. „Die LNG-Infrastruktur, die jetzt aufgebaut wird, soll anderen EU-Staaten bei Bedarf, zum Beispiel der Tschechischen Republik, ebenfalls zur Verfügung stehen. Die Investitionen in die LNG-Terminals tragen also dazu bei, sowohl Deutschland als auch die EU insgesamt unabhängiger von russischen Gaslieferungen zu machen."

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Was bleibt, ist die langfristige Investition in eine klimaschädliche Energiealternative. Reinhard Knof vom „Klimabündnis gegen LNG" sagt: „Es ist nicht möglich, umweltfreundlich mit Gas zu versorgen, da sauberes Gas eine dreckige Lüge ist. Alleine der Verlust an Methan macht Gas zum Klimakiller Nummer 2, inzwischen fast auf dem Niveau von Co2. Eine saubere Wärmeversorgung kann nur mit regenerativ erzeugter Energie erfolgen. Für die Industrie muss der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur erfolgen."

Stattdessen solle jetzt die Abhängigkeit von LNG für mindestens 20 Jahre festgeschrieben werden. Damit werde die Klimaneutralität von Deutschland im Jahr 2043 aufgegeben, glaubt der Umweltschützer.

Nordsee: Ein langer Weg

Das viel beschworene Allheilmittel Wasserstoff braucht massive Kapazitäten an grüner Energie. Die werden in Schleswig-Holstein bereits kräftig ausgebaut, andere Bundesländer aber hinken noch stark hinterher, der Ausbau der Windkraft hinkt insgesamt. Und auch Elektroautos und Co. wollen in Zukunft immer mehr mit grüner Energie gefüttert werden.

Es muss also noch einiges passieren im Ausbau von Solar, Windenergie und Co., um sowohl vom Putin-Gas als auch vom LNG unabhängig werden zu können.