Ostsee: Dramatisches Tiersterben an der Küste – „Die Sterbesaison hat gerade erst begonnen“

Ein toter Schweinswal liegt am Strand. Fischerei, Speedboote, die Verschmutzung und Parasiten machen den Meeressäugern zu schaffen.
Ein toter Schweinswal liegt am Strand. Fischerei, Speedboote, die Verschmutzung und Parasiten machen den Meeressäugern zu schaffen.
Foto: IMAGO / imagebroker

Wenn an den Ostsee-Stränden in Schleswig-Holstein ein totes oder verletztes Tier gefunden wird, wird meist er gerufen: Seehundjäger Eckhard Kasten eilt seit mehr als 20 Jahren zur Hilfe.

Neben seinem Beruf als Wasserschutzpolizist auf der Insel Fehmarn arbeitet Kasten ehrenamtlich als Seehundjäger und ist an der Ostsee für das Gebiet zwischen Kiel und der mecklenburgischen Grenze zuständig. Doch Jagd macht er nicht auf die Meeressäuger. Ganz im Gegenteil: Seine Aufgabe ist es, verletzte Tiere zu retten. Oder tote Seehunde, Schweinswale und Kegelrobben zu bergen und an die Forschung zu übergeben. Im Interview mit MOIN.DE spricht Eckhard Kasten über seinen Alltag, die Gefahren und die vermehrten Schweinswalfunde an der Küste.

Ostsee: Seehundjagd erst vor 50 Jahren eingestellt

Bis Anfang der 70er Jahre sind Seehunde in Schleswig-Holstein noch aktiv bejagt worden. „Damals gab es Jagdaufseher, die sogenannten Seehundjäger“, so der Seehundjäger. Doch nach einem dramatischen Rückgang des Bestandes wurde die Jagd eingestellt. „1988 gab es eine große Staupe-Epidemie und die Strände waren voller Leichen. Da hat man die Seehundjäger wieder aktiviert.“

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Um das Amt auszuführen, muss ein Anwärter in Schleswig-Holstein von zwei erfahrenen Seehundjägern vorgeschlagen werden. Zudem benötigt man einen Jagdschein und muss entsprechende Lehrgänge absolvieren. Als Kasten von der Schutzpolizei zur Wasserschutzpolizei wechselte, war er vorübergehend auf Helgoland stationiert. Dort erfuhr sein Dienststellenleiter, dass Kasten den Jagdschein machen wollte. Sogleich beschloss dieser: „Der wird Seehundjäger!“. Auch sein späterer Dienststellenleiter auf Fehmarn unterstützte den Plan und so ist der gebürtige Berliner seit 2000 als Seehundjäger in Schleswig-Holstein tätig.

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Das ist die Ostsee:

  • auch Baltisches Meer genannt
  • die Ostsee ist das größte Brackwassermeer der Erde
  • die Fläche beträgt 412.500 Quadratkilometer
  • sie ist bis zu 459 Meter tief

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Zwischen Nord- und Ostsee bestehe bei der Ausübung der Tätigkeit ein wesentlicher Unterschied: „An der Nordsee gibt es natürlich mehr lebende Tiere, die begutachtet werden müssen. Wir an der Ostsee haben den Schwerpunkt auf Schweinswalen. Das ist meistens das Bergen von Kadavern, die dann der Forschung zugeführt werden.“ Heuler, wie sie an der Nordsee regelmäßig gefunden werden, gebe es hier nur etwa alle zwei Jahre. Die Jungtiere werden dann in die Aufzuchtsstation nach Friedrichskoog an der Nordsee gebracht und später wieder ausgewildert.

Ostsee: Viele tote Schweinswale an der Küste

Üblicherweise wird Kasten zu rund 40 Funden im Jahr gerufen. „In diesem Jahr ist es wieder mehr. Ich bin gerade bei 38 Tieren und die Sterbesaison der Schweinswale hat gerade erst begonnen“, erzählt er.

„Stand jetzt ist diese Zahl außergewöhnlich. Normalerweise ist meine Haupttätigkeit Ende Juni bis Anfang September. In dieser Zeit sterben vor allem Jungtiere von Schweinswalen. Die Jungtiersterblichkeit bei Wildtieren ist generell hoch.“ Hinzu komme die auch Fischerei: „Keine Frage!“, so Kasten.

„Was wir außerdem festgestellt haben, sind Parasiten. Die Tiere haben eine hohe Bakterien- und Virenlast.“ Im vergangenen Jahr seien viele sogenannte Darmkratzer festgestellt worden, in diesem seien es Lungenwürmer.

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Besonders wichtig ist es deshalb, sich den toten und verletzten Tieren auf keinen Fall zu nähern. Kasten spricht aus eigener Erfahrung. Wegen eines Vorfalls mit einer Kegelrobbe ist der Seehundjäger zu 15 Prozent schwerbehindert. „Ich habe einer ganz frisch toten Kegelrobbe ins Nackenfell gefasst und mich infiziert. Danach habe ich mir sofort mit Wasser und Seife die Hände gewachsen. Aber das reicht nicht aus, um die Bakterien, die das Tier hatte, abzuwaschen. Nachher lag ich in der Uniklinik.“

Der Vorfall gab Anlass, die Bevölkerung verstärkt vor der Gefahr durch die angespülten Meeressäuger zu warnen. Für Menschen und andere Tiere wie Hunde kann so ein Kontakt auch tödlich enden.

Ostsee: Seltene Fundstücke am Strand

An der Ostsee sei es zusätzlich schwierig, bei einem Heuler den Fundort abzusperren. Denn wenn es einem Jungtier augenscheinlich noch gut geht, warten die Jäger meist einige Stunden, ob die Mutter ihr Junges noch aufsucht. An der Nordsee werden dabei Sperrkreise von bis zu 300 Metern eingerichtet. An der Ostsee ist das undenkbar. „Sie haben zu jeder Tag- und Nachtzeit Menschen am Strand“, so Kasten.

Bei dem Fund eines verletzten Tieres sind Erfahrungen und Kenntnisse besonders wichtig. Für Schulungzwecke lernen die Seehundjäger daher regelmäßig in Friedrichskoog, wie sich etwa ein gesundes Gelenk anfühlt. „Wir müssen uns klarmachen, dass wir das Leiden der Tiere verkürzen wollen. Das Tier ist immer noch ein Wildtier und will mit uns nichts zu tun haben.“ Daher müsse immer abgewägt werden, ob der Heuler die strapazierende Strecke nach Friedrichskoog auch überstehen würde.

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In den vergangenen 20 Jahren wurde Eckhard Kasten auch zu ganz besonderen Funden gerufen. „Es gibt immer wieder ungewöhnliche Tiere. So ein Mondfisch ist natürlich eine ganz besondere Kiste. Vor allem, wenn man nachher das Ergebnis sieht, was dabei rausgekommen ist. Vor mehreren Jahren hatte ich zwei kleine Mondfische, die sind beide präpariert worden und jetzt in der Sammlung des zoologischen Museums Kiel. Hammer!“

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