Rügen rechnet mit mehr Kreuzfahrten, doch das bringt Probleme mit sich! „Verkraftet die Insel überhaupt nicht“

Ein Ausflugsdampfer steuert die Seebrücke in Binz auf Rügen an.
Ein Ausflugsdampfer steuert die Seebrücke in Binz auf Rügen an.
Foto: Jens Koehler

In Zeiten der Pandemie haben sich viele Menschen von exotischen Reisezielen verabschiedet und sind im eigenen Land verreist. Urlaub im Süden oder Norden von Deutschland, beispielsweise auf Rügen, boomt wie nie zuvor.

Inzwischen sind zwar Fernreisen und auch Kreuzfahrten wieder möglich. Doch immer noch bevorzugen viele Urlauber kurze Strecken, die mehr Reisesicherheit -und Freiheit garantieren. Deshalb kommen mittlerweile auch Kreuzfahrtpassagiere nach Rügen und Stralsund. In Zukunft könnten es noch viel mehr sein.

Rügen attraktives Ziel für Kreuzfahrer?

„Wir reden hier nicht von Zuständen wie in Venedig oder Dubrovnik, wo täglich Tausende Kreuzfahrtpassagiere die Städte überschwemmen“, sagt Yana Grundke, die sich in Sassnitz und Mukran um das Kreuzfahrtgeschäft kümmert, im Gespräch mit der „Ostsee Zeitung“. Hier gebe es bislang in Hochzeiten mal 20 Schiffsankünfte im Jahr.

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Das seien doch noch andere Zustände hier an der Ostsee. „Unser Ziel ist es auch nicht, mit großen Schiffen Menschenmassen nach Rügen zu bringen“, sagt Grundke. „Auch wenn dafür Platz im Hafen wäre: Das verkraftet die Insel überhaupt nicht.“

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Das ist Rügen:

  • Insel vor der Ostseeküste Vorpommerns
  • Flächengrößte und bevölkerungsreichste Insel Deutschlands
  • Etwa 77.000 Menschen leben hier
  • Rügen ist zehnmal größer als Sylt
  • Auf der Insel gibt es 100 Sonnenstunden pro Jahr mehr als in München
  • Neben Stränden gibt es auf Rügen auch viele Naturschutzgebiete

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Mehr als bisher könnten es aber schon werden. Gegen Gäste an sich habe man gar nichts, sagt Grundke, im Gegenteil. „Ich denke, dass das ein Geschäftsfeld ist, das wir bislang zu sehr vernachlässigt haben, wo uns möglicherweise etwas entgeht. Ich bin sicher, speziell der Stadthafen in Sassnitz hat da einiges Potenzial und könnte für die Kreuzfahrtreedereien zu einem interessanten Etappenziel werden.“

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Das bringt Herausforderungen mit sich, schon jetzt. Problem: Die Mehrzahl der Kreuzfahrtpassagiere auf Rügen und in Stralsund spricht kein Deutsch – und nur wenige Reiseleiter Englisch. Deshalb sucht die Branche händeringend nach Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen, die den ausländischen Besuchern die Region zeigen.

Grundke sagt: „Kreuzfahrtpassagiere, die bei uns an Land gehen, sind meistenteils Ausländer. Die Deutschen wollen keine deutschen Reiseziele besuchen. Die meisten deutschsprachigen Kreuzfahrten in der Ostsee konzentrieren sich deshalb auch auf Skandinavien, Finnland, Russland, das Baltikum und Polen.“

Auf den Kreuzfahrtschiffen, die Rügen ansteuerten, seien vorwiegend US-Amerikaner und Engländer, zum Teil auch Skandinavier. „Kaum jemand von denen spricht oder versteht Deutsch. Doch fremdsprachige Reiseführer sind Mangelware, bei uns wie in vielen anderen kleinen Häfen auch.“

Kommen künftig mehr Kreuzfahrer nach Rügen?

Vielleicht ist eine Lösung in Sicht. Gemeinsam mit der Hochschule Stralsund und der Rostocker Agentur Vip-Hansetouring habe man über ein EU-Projekt ein Trainingsprogramm für Kreuzfahrt-Guides entwickelt, berichtet Grundke in der „Ostsee Zeitung“. Das „Johanna“ Cruise Guide Trainingsprogramm (hier mehr dazu >>).

Es geht dort nicht darum, Sprachen zu lernen. „Wir erwarten, dass die Teilnehmer über gute Englischkenntnisse verfügen“, sagt die Kreuzfahrt-Expertin von Rügen und Stralsund.

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„Es geht mehr um Fachwissen, zum Beispiel um das Bildungs- und das politische System der Bundesrepublik, um die Geschichte der DDR und die Reibungspunkte zwischen Ost- und Westdeutschen, um die Geographie der Region, Mundart, Wetter, Klima, Sitten und Gebräuche, um Backsteingotik und die Entwicklung des Bäderwesens.“

Und wer das alles drauf habe, der sei auch in der Lage, internationalen Gästen die Region näherzubrigen. Und dann können die Kreuzfahrer kommen. (jds)