Sylt: Zugstrecke nervt Reisende seit Jahren – das Drama begann aus diesem irren Grund

Robin Grützmacher
Achim Bonnichsen (m.) bei einer Protestaktion auf einem Bahnhof der Sylt-Verbindung.
Achim Bonnichsen (m.) bei einer Protestaktion auf einem Bahnhof der Sylt-Verbindung.
Foto: imago images/ alimdi / Privat

Sylt. Er und seine Mitstreiter hatten es wegen ihrer Kontakte zu Bahn-Mitarbeitern damals schon vorher geahnt, sagt Achim Bonnichsen. Der Abend, an dem das jahrelange Intermezzo für Reisende auf der Strecke Hamburg-Sylt mit einer schockierenden Nachricht begann, kam für sie nicht mehr überraschend.

Trotzdem hatten es die Pendler damals wohl nicht für möglich gehalten, dass alles mal so weit kommen würde. Dass Menschen wegen einer Bahnstrecke ihre Jobs auf Sylt kündigen, weil sie am Ende ihrer Kräfte sind, dass sie mal aus Protest einen Zug blockieren würden oder Ärzte wegen der Stresssituation ernsthafte Erkrankungen diagnostizieren. Doch genau so ist es gekommen

Sylt: Strecke war lange zuverlässig

Eigentlich sei immer alles gut gewesen auf der Strecke Hamburg-Sylt, holt Achim Bonnichsen aus.

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Das ist Sylt:

  • Sylt ist die größte nordfriesische Insel und liegt in der Nordsee
  • Im Sommer befinden sich täglich rund 150.000 Menschen auf der Insel
  • Zum Vergleich: Lediglich rund 18.000 Menschen leben auf Sylt
  • Die Insel erreicht man mit dem Auto vom Festland mit dem Sylt-Shuttle der DB und dem Autozug, dazu verkehren Nahverkehrszüge und Inter City Züge der DB.
  • Auch über den Flughafen Sylt ist die Insel per Linien- und Charterverbindungen zu erreichen

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Vor dem verflixten Oktober 2016 hätten die Züge ab und zu mal ein paar Minuten Verspätung gehabt. Aber insgesamt gab es keine größeren Beschwerden von Pendlern oder Urlaubern. Es lief gut.

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Der 53-Jährige wohnt in Klixbüll in Nordfriesland, in Niebüll steigt er in den Zug nach Sylt. Neben Flugzeug und Schiff die einzige Möglichkeit, auf die Insel zu kommen. Seit 34 Jahren fährt er die Strecke, hat als Fliegenlegermeister auf der Insel seine Existenz.

Ein Monat, der alles für Sylt änderte

Und dann kam der Monat, der das Leben vieler Menschen für Jahre verändern sollte. Achim Bonnichsen ist Administrator der Facebook-Gruppe „NOB Pendler Husum Westerland“ mit über 5.000 Mitgliedern, die in Medien oft auch „Pendler-Initiative“ genannt wird. An den Oktober 2016 kann er sich noch genau erinnern.

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„Unten im Süden auf der Strecke bei Elmshorn hatte ein Zug auf freier Strecke abgekoppelt. Die Kupplung war durchgebrochen und der Zug hatte dann eine Zugtrennung“, sagt der 53-Jährige. Ein irrer Vorfall und der Anfang vom Ende. Denn bei einer Untersuchung stellte man Risse bei Kupplungen fest.

Befürchtung für Sylt wird wahr

Wegen der guten Kontakte zu Bahn-Mitarbeitern waren Achim Bonnichsen und andere Pendler damals gut informiert und ahnten, was bald auf sie zukommt.

Knapp einen Monat nach der Zugtrenung bei Elmshorn in der Nähe von Hamburg wurde an einem Abend im November 2016 die befürchtete Hiobsbotschaft verkündet: Der Betreiber der Strecke, die Nord-Ostsee-Bahn (NOB), nahm alle ihre Züge und Waggons zwischen Hamburg und Sylt aus dem Verkehr, um die Kupplungen zu kontrollieren.

Panik auf dem Weg nach Sylt

„Es war schon sehr heftig“, sagt der 53-Jährige. „Wir haben uns Gedanken gemacht, wie kommt man jetzt zur Arbeit?“ Am nächsten Tag sei man mit Adrenalin zum Bahnhof gegangen: „Mal gucken, was dort kommt.“

Die Mitarbeiter dort seien überfordert gewesen, irgendwann sei ein Ersatz-Zug in die Station gerollt, der nur für wenige hundert Menschen Platz hatte. Längst nicht ausreichend für alle Menschen am Bahnsteig. „Es war das erste Mal enges Gedränge, Panik“, sagt Achim Bonnichsen.

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Zum damaligen Zeitpunkt stand bereits fest, dass die NOB die Strecke Hamburg-Sylt an die Deutsche Bahn (DB) abgeben muss. Auch die nicht mehr einsatzfähigen Züge und Waggons sollten an die DB gehen. Der Unfall auf der Strecke bei Elmshorn und die damit verbundene Stillegung der Züge und Waggons passierte genau in der Übergabephase zwischen den beiden Unternehmen.

Stinksauer war man damals bei der Deutschen Bahn und forderte von der NOB, die Zuggarnituren schnell instandzusetzen. Doch eine Überprüfung und der Austausch von Kupplungen dauert Monate.

Betriebe auf Sylt müssen dichtmachen

Die Pendler mussten sich mit veralteten Ersatzzügen begnügen, die die Deutsche Bahn in ganz Deutschland zusammensuchte und auf die Strecke Hamburg-Sylt schickte. Es folgte eine lange Leidenszeit mit Verspätungen, Zugausfällen und wenig Komfort in den oft überfüllten Wagen, deren Zustand Achim Bonnichsen als „mies“ beschreibt.

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„Da waren Leute, die keine Lust mehr hatten Bahn zu Fahren, weil sie Platzangst hatten“, sagt der 53-Jährige. Mit dem damaligen Verkehrsminister Reinhard Meyer und Staatssekretär Frank Nägele lagen die Pendler im Clinch. Bonnichsen bescheinigte ihnen „Realitätsverlust“, weil sie die Probleme nicht gelöst bekamen und seiner Meinung nach teilweise auch nicht ernst genug nahmen oder herunterspielten.

Viele Menschen kündigten wegen der Zustände ihre Jobs. Eine Wäscherei und mehrere Filialen einer Bäckerei machten dicht, weil die Mitarbeiter, die auf Sylt oft vom Festland kommen, wegen der ständigen Verspätungen und Zugausfälle am Ende waren. „Wir haben viel Lebens- und Arbeitszeit auf dem Bahnsteig verbracht“, sagt der 53-Jährige.

Neue Hoffnung für Sylt-Strecke?

Bei einer Bekannten sei ein posttraumatisches Syndrom festgestellt worden. Sie hatte oft Panik, nicht rechtzeitig nach Hause kommen zu können, um ihr Kind aus der Kita zu holen. Die Verbindung Hamburg-Sylt wurde als Pannenstrecke bekannt und schaffte es immer wieder in die Medien. Besonders, als die Pendler einen Zug blockierten und sich in die Türen stellten, um auf die Probleme aufmerksam zu machen.

Selbst nach mehr als einem Jahr standen die kaputten Waggons Anfang 2018 noch auf Abstellgleisen, erzählt Achim Bonnichsen, der sie damals anschauen durfte. Verschimmelt seien sie innen gewesen.

Ende 2018, etwa zwei Jahre nach dem Vorfall bei Elmshorn, kamen die Zuggarnituren dann zurück auf die Strecke. „Jeder hat sich gefreut und dachte, es wird wieder alles besser“, sagt Bonnichsen.

Sylt: Alles wurde schlimmer

Doch in Wahrheit sei alles noch schlimmer geworden. Es habe Probleme mit der Elektrik, Klimaanlagen und Türen gegeben. Die Züge waren weiterhin sehr oft unpünktlich, weswegen die Pendler teilweise sogar Geld vom Land Schleswig-Holstein für ihre Tickets wiederbekamen.

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Achim Bonnichsen fährt bis heute nach Sylt und klagt nach wie vor über viele Verspätungen. Seit fast vier Jahren jetzt schon. Er sagt, wenn er seine Existenz nicht auf der Insel hätte, dann hätte er ihr schon längst den Rücken gekehrt.

Wie es um die Marschbahn-Strecke heute bestellt ist und was die Deutsche Bahn und „Nah.SH“ zu den Problemen sagen, kannst du >>> hier nachlesen.