Hamburg: Was dieser Kiosk anbietet, findet man nirgendwo anders in Deutschland – „Viele haben sich gar nicht an die Theke getraut“

Mit einem herkömmlichen Kiosk hat der Laden in Hamburg-Billstedt nichts zu tun.
Mit einem herkömmlichen Kiosk hat der Laden in Hamburg-Billstedt nichts zu tun.
Foto: MOIN.DE

2017 feierte ein Kiosk in Hamburg-Billstedt seine Eröffnung – und hatte zunächst einmal viele skeptische Kunden. „Sie kamen rein und haben sich nicht einmal den langen Weg bis zur Theke getraut“, erinnert sich Geschäftsführer Alexander Fischer.

Denn was es in dem Kiosk in Hamburg gibt, haben die Menschen vorher noch nie gesehen. Kein Wunder, denn das Modell ist einzigartig in Deutschland.

Medizinische Beratung im Kiosk im Hamburg

In dem Gesundheitskiosk in Hamburg-Billstedt bekommen die Kunden eine ausführliche medizinische Beratung von ausgebildeten und meist auch studierten Pflegefachkräften. Die Einrichtung schließt die Lücke zwischen dem Arztbesuch und einer langfristigen Betreuung.

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„Der Arzt macht Therapie und Diagnostik, danach ist aber wenig Zeit“, erklärt Alexander Fischer im Gespräch mit MOIN.DE. Fragen oder Unklarheiten, die Patienten nach einem Termin umtreiben, bleiben oft unbeantwortet. Im Gesundheitskiosk kann das alles nachbesprochen werden.

Was genau bedeutet eine Herzinsuffizienz? Welche Medikamente muss ich wann einnehmen? Was sind Alarmsingale? Welche Rolle spielt meine Ernährung? Die Fachkräfte nehmen sich viel Zeit, die Diagnose zu erklären und „das Krankheitsverständnis zu schärfen“, erläutert der Geschäftsführer.

Ausführliche Befragung der Patienten aus Hamburg

Dazu führen die Fachkräfte zunächst eine ausführliche Befragung durch, eine sogenannte Anamnese. „Mit standardisierten Fragebögen sammeln wir medizinische, aber auch soziale Daten“, sagt Gesundheitsberaterin Olga Schenk.

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Daten und Fakten über Hamburg:

  • Hamburg ist als Stadtstaat ein Land der Bundesrepublik Deutschland.
  • Hamburg ist mit rund 1,9 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Deutschlands und die drittgrößte im deutschen Sprachraum.
  • Das Stadtgebiet ist in sieben Bezirke und 104 Stadtteile gegliedert, darunter mit dem Stadtteil Neuwerk eine in der Nordsee gelegene Inselgruppe.
  • Der Hamburger Hafen zählt zu den größten Umschlaghäfen weltweit.
  • Die Speicherstadt und das benachbarte Kontorhausviertel sind seit 2015 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes
  • International bekannt sind auch das Vergnügungsviertel St. Pauli mit der Reeperbahn sowie das 2017 eröffnete Konzerthaus Elbphilharmonie.

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So können sich die Pflegekräfte ein umfassendes Bild des Patienten machen. Von Vorerkrankungen über Medikamente bis hin zur familiären Situation. „Danach messen wir noch die Vitalwerte“, erzählt die Expertin. Das sind Werte, die die grundlegenden Körperfunktionen erfassen wie Blutdruck und Atemfrequenz.

Auf Basis der Ergebnisse und der Diagnose des Arztes formulieren die Berater mit dem Patienten ein Ziel, welches er bis zum Folgetermin abgearbeitet haben soll. Als eine konkrete Aufgabe, die man sich „an den Kühlschrank hängen und sich immer wieder ins Gedächtnis rufen kann“, beschreibt es Olga Schenk.

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Die meisten Kunden im Gesundheitskiosk werden direkt von ihren Ärzten dorthin geschickt. Auf der Überweisung ist dann bereits ein Anliegen notiert, an dem sich die Pflegekräfte orientieren können. Trotzdem können die Menschen auch ohne Termin oder Überweisung die Einrichtung aufsuchen.

Hilfe für sozial benachteiligte Stadtteile in Hamburg

„Es kommen auch oft Menschen, die einen Stapel Papiere vom Arzt oder der Krankenkasse erhalten haben und das nicht verstehen“, erzählt die Gesundheitsberaterin. Die Arbeit im Kiosk ziele vor allem auf Selbstwirksamkeit ab, fügt Alexander Fischer hinzu.

„Dass man sich selbst etwas zutraut, die Erkrankung versteht und mit einem gewissen Selbstbewusstsein zum Arzt reinmarschiert“, führt er aus. Das sei vor allem in sozial benachteiligten Stadtteilen wie Billstedt von Bedeutung.

Weitere Geschäftsstellen hat der Gesundheitskiosk in Mümmelmannsberg und Horn. Die Standorte sind ganz bewusst gewählt. Es sind Viertel, in denen die Bewohner ein geringes Einkommen haben und unter schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen leiden, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken.

Anfängliche Bedenken in Hamburg

„Wir haben mehr Menschen, die krank sind, aber weniger Ärzte. Denn die Angebotsstruktur der Ärzte geht eher dahin, wo Geld ist“, erklärt der Geschäftsführer. Krankheiten seien hingegen eher dort zu finden, wo kein Geld ist. Eine Kluft, gegen die der Gesundheitskiosk ankämpft.

Und das mit Erfolg. Inzwischen zählt die Einrichtung circa 4.600 Patienten. Trotz der anfänglichen Skepsis. Nicht nur die Einwohner waren zu Beginn kritisch, auch die Ärzte im Stadtteil hatten Bedenken.

„Viele haben nicht genau verstanden, was wir machen und wie sie das ihren Patienten erklären sollen“, erinnert sich Alexander Fischer. Teilweise sei das Projekt auch als Konkurrenz wahrgenommen worden. Das hat sich inzwischen geändert.

Hamburg: „Wir schicken niemanden sofort weg“

Das Vertrauen in die Institution sei im Laufe der Jahre stetig gewachsen. Dass die Patienten wissen, dass sie nicht stigmatisiert werden, ist dem Geschäftsführer besonders wichtig. „Krankheit gehört zum Leben dazu und unser Personal hilft bei allen Themen rund um die Gesundheit“, sagt er.

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Zu Beginn war die Einrichtung öffentlich gefördert, inzwischen wird sie von mehreren Krankenkassen finanziert. Seitdem können dort nur noch Menschen betreut werden, die einer dieser Krankenkassen angehören. „Wir sind nicht mehr für alle da“, bedauert der Geschäftsführer, aber wir schicken niemanden sofort weg.“

Denn der Gesundheitskiosk ist mit zahlreichen sozialen Einrichtungen vernetzt, sodass der Patient nicht nur beraten, sondern auch optimal angebunden werden kann. „Gerade die soziale Teilhabe ist wichtig für die Gesundheit“, betont Alexander Fischer.

Deshalb gibt es auch im Kiosk selbst immer wieder Schulungen und Kurse, die nach dem zweiten Lockdown nun langsam wieder Fahrt aufnehmen sollen. „Wir sind schon wichtig für die Gesellschaft“, fasst Olga Schenk zusammen.

Studie aus Hamburg bestätigt den Erfolg

„Die Arbeit ist einzigartig, weil sie so niedrigschwellig ist“, sagt die Gesundheitsberaterin MOIN.DE. Sowohl sie als auch Alexander Fischer wünschen sich deshalb eine dauerhafte Finanzierung. Aktuell müssen die Verträge alle zwei Jahre neu verhandelt werden.

Stattdessen hätte die Einrichtung gerne langfristige Sicherheit. „Das ist wichtig, um die Institution noch stärker zu machen“, erklärt der Geschäftsführer. Dass das Modell bereits jetzt herausragende Arbeit für die Gesundheit im Stadtteil leistet, bestätigt sogar eine Studie der Universität Hamburg.

Die Forscher bezeichnen den Gesundheitskiosk als „ein Vorbild für andere sozial benachteiligte großstädtische Regionen in Deutschland“. Eine Einrichtung, die es in Deutschland viel öfter geben sollte. Dem stimmen auch Alexander Fischer und Olga Schenk zu.