Hamburg: Die Corona-Wut der Pflegekräfte – „Jetzt zeigt sich, was vor der Pandemie schon sichtbar war“

Auch in Hamburger Kliniken geraten Pflegekräfte an ihre Grenzen – und darüber hinaus (Symbolbild)
Auch in Hamburger Kliniken geraten Pflegekräfte an ihre Grenzen – und darüber hinaus (Symbolbild)
Foto: imago images

Viele Monate ist es jetzt schon her, dass sich in Hamburg und anderen Städten abends aus dem geöffneten Fenster gelehnt wurde, um zu klatschen. Eine Anerkennung für das Pflegepersonal, das an vorderster Stelle gegen das Coronavirus und für Tausende Menschenleben kämpft.

Nun ist es Mitte Januar, aber ein Ende längst nicht in Sicht. Am Freitag vermeldete die Stadt Hamburg zwar wieder sinkende Infektionszahlen und weist „nur“ noch eine Inzidenz von 117,2 auf, auch die Zahl der Krankenhauspatienten ist rückläufig. Doch das ist nur eine Momentaufnahme.

Hamburg: Angst vor der Mutation

Es grassiert die Angst vor der noch ansteckenderen Coronavirus-Mutation. Und hinter dem Pflegepersonal liegen bereits härteste Wochen mit vollen Stationen. Aktuell gibt es etwa 550 Corona-Patienten in der Stadt, knapp 100 davon auf Intensivstationen.

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Wertschätzung durch Klatschen ist die eine Sache. Anerkennung durch finanziellen Ausgleich die andere. Der Tenor unter hin und hergerissenen Pflegekräften im Frühjahr war oft: „Klatschen ist toll, aber wie wäre es mal mit mehr Lohn.“ Oder mit mehr Personal, um die Hektik aus dem Berufsalltag zu kriegen.

Die klatschende Bevölkerung ist aber nicht in der machtvollen Position, dem Pflegepersonal mehr Lohn zuzusprechen oder Personal einzustellen. Das obliegt den Unternehmen beziehungsweise dem Staat, der Politik. Und die brauchte lange.

Hamburg: Bonus nicht für das Krankenhauspersonal

Im Juli konnten sich Vollzeit-Beschäftigte in Pflegeheimen, in Tagespflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten über die Nachricht der Stadt Hamburg über einen steuerfreien Bonus von 1.500 Euro freuen. Wer allerdings nicht darunter fiel: Krankenhauspersonal.

Das wurde erst kürzlich, mitten in der zweiten Welle, mit einer 1.500-Euro-Prämie gewürdigt. Allerdings auch nur in zwischen Januar und Mai besonders belasteten Krankenhäusern mit einer gewissen Zahl an Patienten. Wer die nicht erreichte, bekam auch keine Prämie.

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Die Zahlungen hätten ihres Wissens nach mittlerweile alle Berechtigten erhalten, sagt die Verdi-Landesfachbereichsleiterin für Gesundheit und Soziales, Hilke Stein, zu MOIN.DE.

Hamburg: Nur die Hälfte berechtigt

„Allerdings haben in Hamburg nur ungefähr die Hälfte der Krankenhäuser diese Zahlungen erhalten, da ein großer Teil die Stichtage beziehungsweise die vorgegebenen Patientenzahlen nicht erreicht haben.“

Verdi habe hingegen früh eine Bonuszahlung für alle Beschäftigen gefordert, also zum Beispiel auch in der Reinigung, Medizintechnik oder im Krankenhaustransport.

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„Die tariflichvertraglich vereinbarten Coronaboni – Asklepios, UKE, Albertinenkrankenhaus, Schönklinik und Altonaer Kinderkrankenhaus – wurden alle ausgezahlt. Davon sind aber auch ausgegliederte Bereiche nicht erfasst. Die unterschiedliche Behandlung sorgt vor Ort für Unmut.“

Hamburg: Keine Prämie, aber alle Hände voll zu tun

Wer also im Frühjahr ein paar Corona-Patienten zu wenig bei sich hatte als die Messlatte oder in einem anderen Bereich arbeitet, konnte sich kürzlich nicht über eine Bonuszahlung freuen.

Das muss besonders jetzt frustrierend sein, wo die Krankenhäuser voll sind und die Arbeit anstrengend und auch riskant. Mehrere Ausbrüche hatte es in Hamburg schon auf den Stationen gegeben.

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„Jetzt zeigt sich, was vor der Pandemie schon sichtbar war: Es fehlt an allen Ecken und Enden an Personal. So sind Intensivbetten nicht in Betrieb, da das Personal fehlt. Und zu dem schon vor der Pandemie zu wenigen Personal kommt nun auch noch die steigende Anzahl von erkranktem und erschöpftem Personal. Insbesondere Intensivstationen gehen an ihre Belastungsgrenze, beziehungsweise arbeiten über diese hinaus“, sagt Hilke Stein unserer Redaktion.

Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass die Bonuszahlung vorerst nur einmalig war. Sie beseitigt nicht dauerhaft strukturelle Probleme. Selbst wenn die Zahlung für den Einsatz in der zweiten Welle nochmal aufgesetzt würde, täuschen 1.500 oder 3.000 Euro nicht über Missstände in der Pflege hinweg, die Hilke Stein oder auch andere Pflegekräfte benennen. Sofern sie sich denn trauen.

Hamburg: Pflegekraft gekündigt

Kurz vor Silvester sorgte der Fall um Romana Knezevic für Aufsehen, der womöglich vielen den Mut nimmt, Probleme anzusprechen.

Die Sprecherin der Vereinigung „Krankenhausbewegung“ und Asklepios-Beschäftigte hatte dem Konzern im Hamburg-Journal des NDR vorgeworfen, dass unter einem erheblichen Personalmangel die Behandlung und Sterbebegleitung der Patienten leide.

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Der Betriebsrätin wurde daraufhin gekündigt. Weitere Mitarbeiter bekräftigten ihre Vorwürfe. Ein Sprecher von Asklepios erklärte dem NDR: „Bei allem Verständnis für teils berechtige Kritik am Gesundheitssystem ist es gleichwohl nicht hinnehmbar, dass Mitarbeiter aus ideologisch-politisch motivierten Gründen gegenüber Medien wissentlich Falschinformationen verbreiten oder Ausnahmesituationen als Regelfälle darstellen, [und] damit bewusst ihren Arbeitgeber sowie ihre Kollegen öffentlich in Misskredit bringen.“

Hamburg: Verdi fordert Rücknahme

Verdi-Frau Hilke Stein kann das gegenüber MOIN.DE nicht nachvollziehen. Die Gewerkschaft kritisiert die Entscheidung des Asklepios-Konzerns einer Pflegerin zu kündigen, weil sie sich öffentlich geäußert hatte.

„Selbst wenn der Konzern diese Aussagen für falsch hält, kann er dies jederzeit dementieren beziehungsweise in der Öffentlichkeit korrigieren. Gerade in einer Zeit, in der die Kolleg*innen in den Krankenhäusern Großes leisten und weit über ihre Belastungsgrenzen hinausgehen, gilt es, sie insbesondere intern mit allen Kräften zu unterstützen."

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Man erwarte deshalb von Asklepios und dem städtischen Miteigentümer, dass sie sich „hinter die Beschäftigten stellen und alles unternehmen, kritisierte Missstände zu beseitigen."

Das würde auch heißen, die Kündigung sofort zurückzunehmen und nach Lösungen für alle Beteiligten zu suchen.