Hamburg: Hier ist die Not groß – doch die Stadt macht alles noch schlimmer

Im Hamburger Stadtteil Steilshoop stehen viele Plattenbauten.
Im Hamburger Stadtteil Steilshoop stehen viele Plattenbauten.
Foto: picture alliance / Sina Schuldt/dpa | Sina Schuldt

Hamburg-Steilshopp hat einen schlechten Ruf. Das Stadtviertel im Norden der Hansestadt gilt seit Jahren als sozialer Brennpunkt. Das Straßenbild ist geprägt von hohen Plattenbauten und Industrie, es versprüht wenig Charme.

Kaum jemand zieht freiwillig dorthin und auch sonst ist Steilshoop ein Stadtteil, der eher gemieden wird. Die sozialen Probleme in dem 22.000 Einwohner großen Viertel sind enorm. Was die Stadt Hamburg dort plant, könnte das Elend sogar noch vergrößern.

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Hamburg plant noch mehr Wohnungen

Auf drei Baufeldern im Norden von Steilshoop, wo einst Sportplätze und Schulen standen, sollen neue Wohnungen entstehen. Neben der bestehenden Großsiedlung plant die Stadt bis zu drei neue Wohnblöcke.

In den bis zu sieben Geschossen soll die Wohnungsgesellschaft SAGA künftig rund 500 günstige Wohnungen vermieten. Preis: Acht Euro pro Quadratmeter. Ein Vorhaben, mit dem die Bevölkerung von Steilshoop quasi über Nacht um zehn Prozent wachsen würde.

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Bereits Mitte der 2010er-Jahre haben die Stadt und der Planungsausschuss des Bezirks Wandsbek die Pläne präsentiert. Mindestens genauso lange leisten die Einwohner von Steilshoop bereits Widerstand.

„Wir wollen diese Bebauung mit den diesen hohen Häusern nicht“, macht Günter Wolff, Gründungsmitglied der Initiative „Nicht mehr vom Gleichen“ klar. Die Bewegung wehrt sich gegen die geplanten Wohnblöcke (MOIN.DE berichtete).

Hamburg-Steilshoop sozial stark belastet

Diese würden die zahlreichen Probleme im Stadtteil nicht lösen, sondern im Gegenteil „zu weiteren sozialen Konflikten führen“, erklärt Wolf im Gespräch mit MOIN.DE. Die Einwohner halten den Stadtteil schon jetzt für zu stark sozial belastet.

Die Statistik gibt ihnen Recht. 54 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund, jeder vierte Haushalt bezieht Sozialleistungen. Die Schule ist nicht ausgelastet, Kindertagesstätten hingegen haben zu wenig Plätze. Die Jugend zieht weg, die Bevölkerung überaltert.

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Daten und Fakten über Hamburg:

  • Hamburg ist als Stadtstaat ein Land der Bundesrepublik Deutschland.
  • Hamburg ist mit rund 1,9 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Deutschlands und die drittgrößte im deutschen Sprachraum.
  • Das Stadtgebiet ist in sieben Bezirke und 104 Stadtteile gegliedert, darunter mit dem Stadtteil Neuwerk eine in der Nordsee gelegene Inselgruppe.
  • Der Hamburger Hafen zählt zu den größten Umschlaghäfen weltweit.
  • Die Speicherstadt und das benachbarte Kontorhausviertel sind seit 2015 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes
  • International bekannt sind auch das Vergnügungsviertel St. Pauli mit der Reeperbahn sowie das 2017 eröffnete Konzerthaus Elbphilharmonie.

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Hinzu kommt die kaum vorhandene Infrastruktur. „Uns fehlen Einrichtungen und Treffpunkte, die den Bewohnern ermöglichen, am sozialen Leben teilzuhaben“, beklagt Wolf.

Zahlreiche Probleme in Hamburg-Steilshoop

Gerade einmal zwei Apotheken gibt es in Steilshoop, das marode Einkaufzentrum ist seit Jahren dem Verfall ausgesetzt und bis vor Kurzem gab es nicht mal einen Geldautomaten der Sparkasse im Viertel. „Die Probleme sind gewaltig und werden nicht angepackt“, fasst der Anwohner zusammen.

Noch mehr Hochhäuser ohne neue Infrastruktur würden die missliche Lage noch weiter verstärken. Selbst der Sozialverband Deutschland warnte im NDR bereits davor, noch mehr Geringverdienerinnen und -verdiener anzusiedeln.

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Die Stadtentwicklungsbehörde hingegen spricht von einem „maßvollen Verhältnis zur bestehenden Siedlung Steilshoop“. Das sehen die Einwohner ganz anders und gehen auf die Barrikaden.

Initiative fordert Dialog mit Hamburg

Das Bürgerbegehren „Nicht mehr vom Gleichen“ fordert einen Planungsstopp und dass die Menschen in Steilshoop in die weitere Gestaltung der Baufelder mit einbezogen werden. Man solle miteinander reden und miteinander planen. Die Initiative wünscht sich einen Dialog auf Augenhöhe.

Bisher leider vergeblich. Bereits als das Bauvorhaben bekannt wurde, habe man in den Stadtteilgremien und Einrichtungen darüber diskutiert, „was die Wünsche aus dem Stadtteil sind“, erzählt Wolff.

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Und die sind eindeutig: Nicht noch mehr Wohnblöcke, sondern eine bunte Mischung aus Wohnhäusern, Treffpunkten und Gebäuden für Veranstaltungen und Vereine. Dafür hätte die Initiative gerne das Haus der „Schule am See“ erhalten.

Bürgerbegehren in Hamburg-Steilshoop

Doch die Stadt sah den Abriss der Räumlichkeiten vor. „Der Hamburger Senat und die politischen Entscheidungsträger sind nicht auf unsere Wünsche eingegangen“, berichtet Günter Wolff. Selbst ein Bürgerbegehren, das sich vor einem Jahr formierte, war vergebens.

In wenigen Wochen kamen mehr als 500 Unterschriften für den Erhalt der „Schule am See“ zusammen. Die Bezirksversammlung Wandsbek ließ das Bürgerbegehren damals zu. Eigentümer des Grundstücks ist jedoch die Finanzbehörde und nicht der Bezirk.

Deshalb hatte der Protest der Einwohner ohnehin keine Entscheidungsgewalt, sondern lediglich einen „empfehlenden Charakter“. Das Bürgerbegehren „lief in die Leere“, erinnert sich Wolff.

Protestkarten für die Stadt Hamburg

Der Senat habe den Abriss beschlossen und in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion die Tatsachen geschaffen, ohne überhaupt mit uns ins Gespräch zu gehen“. Im Frühjahr sind die letzten Abrissarbeiten vollzogen worden, die „Schule am See“ ist verschwunden.

So soll es nicht weitergehen. Die Initiative will sich endlich Gehör verschaffen. Anfang November hielt sie eine Pressekonferenz in der Rathauspassage ab. Dabei haben die Steilshooper fast tausend Protestkarten an den Hamburger Senat überreicht. „Das hat natürlich etwas Wirbel verursacht“, so der Anwohner.

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Mit Erfolg: Die Fraktion der SPD und der Grünen hat daraufhin einen Antrag in die Bezirksversammlung Wandsbek eingereicht, in dem darum gebeten wurde, mit der Initiative über die Baupläne zu sprechen.

„Gesamtplanung von Hamburg-Steilshoop“

Im nächsten Schritt soll die Saga einen Referenten nach Steilshoop schicken, der „mit den Einrichtungen darüber sprechen soll, wie unsere Wünsche eingebracht werden können und wie die Bebauung dann letztendlich aussehen soll“, erklärt Günter Wolff.

Was sie „Nicht mehr vom Gleichen“ und zahlreiche Einwohner des Problem-Viertels wünschen ist ganz klar: „Eine Gesamtplanung von Steilshoop“, betont Wolff. Dazu gehört auch eine verbesserte Infrastruktur, die über die geplante U5 hinausgeht.

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Beispielsweise ein Begegnungstreff für ältere Bewohner, ein kostenfreies Wlan-Netz, eine Veranstaltungshalle für Theater und Konzerte, ein kleines Café und vor allem Wohnungen, die nicht in die Höhe gehen. Sondern Reihenhäuser oder Wohnungen, die für Schüler und Studenten ausgelegt sind.

„Damit die Jugend hier eine Perspektive hat und hierbleiben möchte und auch die entsprechende soziale Infrastruktur vorhanden ist“, betont Günter Wolff. Das klingt nach einem sinvollen Gesamtkonzept.

Bleibt zu hoffen, dass die Stadt ihre Versprechen in die Tat umsetzt und die Steilshooper die Zukunft ihres Stadtviertels mitgestalten können.