Hamburg: Telefonseelsorgerin erzählt aus dem Corona-Alltag – „Sitzen mit eigenen Ängsten da“

Eine ehrenamtliche Telefonseelsorgerin im Auftrag der Diakonie Hamburg telefoniert.
Eine ehrenamtliche Telefonseelsorgerin im Auftrag der Diakonie Hamburg telefoniert.
Foto: picture alliance/dpa | Daniel Reinhardt

Wenn es still wird, sind sie da: Rund um die Uhr, 24 Stunden täglich können alle Menschen die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge Hamburg erreichen.

Wenn die Einsamkeit unerträglich wird, die Ängste wachsen und die Sorgen den Schlaf rauben, hören sie zu. Rund 95 Ehrenamtliche halten am Telefon der Diakonie Hamburg die Stellung. In der Corona-Pandemie haben noch mehr Menschen dieses Angebot wahrgenommen als eh schon. Auch an den Mitarbeitenden ist die Krisenzeit nicht spurlos vorbeigezogen. Die Leiterin der Telefonseelsorge, Babette Glöckner, spricht im Interview mit MOIN.DE über die Herausforderungen ihrer Arbeit und die Sorgen während der Pandemie.

Hamburg: Bis zu 60 Anrufe täglich

20.000 bis 22.000 Anrufe nimmt die Telefonseelsorge Hamburg im Jahr entgegen. Bis zu 60 Mal täglich klingeln also die Telefone. „Wenn das Telefon aufliegt, klingelt es in der Regel auch sofort wieder“, erzählt Babette Glöckner, die seit mehr als zehn Jahren fremden Menschen ein offenes Ohr schenkt. Mittlerweile hat die Pastorin viele administrative Aufgaben übernommen, zwischenzeitig sitzt sie aber auch selbst noch am Hörer.

Traditionell wird die Seelsorgearbeit seit mehr als 50 Jahren von Ehrenamtlichen geleistet, berichtet Glöckner. In den vergangenen Corona-Monaten hätten sich zusätzlich zahlreiche Leute gemeldet, die mitarbeiten wollen. „Wir können uns kaum retten, wirklich toll ist das!“

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Um bei der Telefonseelsorge mitzuwirken, ist eine einjährige Ausbildung erforderlich. An mehreren Abenden und Wochenenden werden die Ehrenamtlichen geschult, um später bestmöglich auf die Anrufenden und ihre Anliegen eingehen zu können. „Da geht es um Empathie, Lebenserfahrung, um Verbindlichkeit“, so Glöckner.

Telefonseelsorge in Hamburg: „Völlig neue Situation“

Die nötige Distanz und Trennung sind dabei elementar. „Ein ziemlich großer Teil ist Selbsterfahrung. Wenn sie am Telefon sind und auf Themen wie Suizid treffen, erheben sich eigene Lebenserfahrungen. Dass sie diese Erfahrungen von den Erfahrungen, die sie gerade ans Ohr bekommen, trennen können, ist wichtig.“

Nicht immer war dies in den vergangenen Monaten jedoch möglich. „Vor allem deshalb, weil wir eine völlig neue Situation hatten, von der auch die Seelsorger genauso betroffen waren und sind. Das war das Hauptproblem. Dass die Seelsorger mit ihren eigenen Ängsten dasitzen.“

Einige haben teilweise doppelt und dreifach Dienste geleistet. Auch weil die Zahl der Anrufenden gestiegen ist. In der ersten Pandemie-Phase habe es unter den Menschen vor allem Ängste und Verunsicherung gegeben. „Viele ältere Menschen, die anriefen, die ihre wenigen Kontakte noch deutlicher reduzieren mussten. Es gab viel Einsamkeit“, berichtet Glöckner.

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Daten und Fakten über Hamburg:

  • Hamburg ist als Stadtstaat ein Land der Bundesrepublik Deutschland.
  • Hamburg ist mit rund 1,9 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Deutschlands und die drittgrößte im deutschen Sprachraum.
  • Das Stadtgebiet ist in sieben Bezirke und 104 Stadtteile gegliedert, darunter mit dem Stadtteil Neuwerk eine in der Nordsee gelegene Inselgruppe.
  • Der Hamburger Hafen zählt zu den größten Umschlaghäfen weltweit.
  • Die Speicherstadt und das benachbarte Kontorhausviertel sind seit 2015 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes
  • International bekannt sind auch das Vergnügungsviertel St. Pauli mit der Reeperbahn sowie das 2017 eröffnete Konzerthaus Elbphilharmonie.

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Im zweiten Lockdown habe sich die Situation noch weiter verschärft. Glöckner spricht von einer Phase „der verstärkten depressiven Stimmung“. Die Anrufenden fragten etwa, ob das alles je wieder aufhöre und was die Entwicklungen zum Beispiel für die Wirtschaft bedeuten würden. Viele Selbstständige hätten in dieser Zeit angerufen und keine Hoffnung mehr gesehen.

Hamburg: Isolation durch Kontakt vermeiden

Mittlerweile sei mehr Gewöhnung eingekehrt und oft spiele das Thema Impfung eine Rolle. „Wir hatten Anrufende, die sich nicht impfen lassen wollten, weil sie sich in ihren Persönlichkeitsrechten eingeschränkt sahen. Auch mit Verschwörungstheorien, aggressiven Impulsen und Querdenkern hatten wir zu tun. Wir sind mit allen Themen, die in Medien immer wieder diskutiert wurden, auch immer wieder in Berührung gekommen.“

In der Corona-Zeit haben viele Angebote wie Selbsthilfegruppen nicht stattgefunden. „Das war richtig schwierig“. Die Telefonseelsorge sei keine Therapie und kein Ersatz, „aber so ein Stück emotionales Halten ist wichtig.“ Wer den Telefonkontakt scheut, kann sich auch an das bundesweite Chat- und Mailsystem wenden. Dort sind die Nachfragen ebenfalls deutlich gestiegen, berichtet Glöckner.

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Für alle, die sich mitunter nicht trauen, die Nummer der Seelsorge zu wählen, findet Babette Glöckner abschließend warme Worte: „Wenn es irgendwie geht, sich ein Herz nehmen und in den Kontakt reingehen, weil das unglaublich gesund für die Seele ist. Sich nicht zu isolieren, nicht zu vereinsamen.“

Unter der 0800/111 0 111 sind sie und ihre Kollegen und Kolleginnen für alle Menschen rund um die Uhr erreichbar.