Ostsee: Im Hinterland bahnt sich Unglaubliches an, Anwohner laufen Sturm

Die Innenstadt von Bad Schwartau in der Nähe der Ostsee: Hier könnte es bald laut werden.
Die Innenstadt von Bad Schwartau in der Nähe der Ostsee: Hier könnte es bald laut werden.
Foto: IMAGO / Volker Preußer

Bad Schwartau ist eine gemütliche Kleinstadt im Kreis Ostholstein. Viele kennen das rot-weiße Schild an der Autobahn, das für eine Marmeladenmarke wirbt, die im 20.000-Einwohner Ort gefertigt wird. Auf dem Weg zur Ostsee führt hier kein Weg daran vorbei. Nur knapp 20 Minuten trennen Bad Schwartau vom Meer.

Doch was dort entlang der Ostsee-Küste gerade geplant wird, sorgt für Unmut und Ärger bei vielen Bad Schwartauern. Und sie sind nicht allein: In Dörfern und Gemeinden zwischen Lübeck und Puttgarden auf Fehmarn regt sich seit einigen Jahren kräftiger Widerstand. Denn von Gemütlichkeit könnte hier schon bald keine Rede mehr sein.

Ostsee: Anwohner fürchten Folgen der Hinterlandanbindung

Im Zuge des Fehmarnbelttunnels, der nun auch von deutscher Seite aus offiziell gebaut werden darf, wird im Hinterland die Bahntrasse ausgebaut, die künftig den steigenden Güter- und Personenverkehr abfangen soll. Der 88 Kilometer lange Abschnitt führt von Puttgarden über Großenbrode, Oldenburg, Lehnsahn, Neustadt, Scharbeutz und Bad Schwartau nach Lübeck. 55 Kilometer will die Bahn dabei komplett neu verlegen.

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Bärbel und Reimar Schley wohnen kurz vor Bad Schwartau und sind von dem Ausbau direkt betroffen. Schon jetzt fahren die Güterzüge an ihrer Grundstücksgrenze entlang. 1994 hat das Ehepaar mit weiteren Anwohnern einen kleinen Verein gegründet. Damals ging es um den Bau einer 380 KV-Trasse, die durch Bad Schwartau verlegt werden sollte.

„Wir haben uns in Schwartau auf den Markt gestellt und um Spenden gebeten. So konnten wir die Bauern, die betroffen waren, bei ihren Klagen gegen den Bau unterstützen“, erzählt Bärbel Schley. Letztlich konnte ein energiewirtschaftlicher Nutzen der Trasse jedoch nicht festgestellt werden und die Pläne für den Bau wurden fallengelassen.

Doch das nächste Großprojekt bahnte sich an. Im Zuge eines Raumordnungsverfahrens wurden die Pläne für den Ausbau der Bahnstrecke im Hinterland 2013 konkretisiert. „Wir wohnen direkt an der Bahnstrecke, wo der Verkehr nachher längslaufen soll. Wir haben schon den ganzen Güterverkehr, der von Travemünde kommt. Wir haben damals zwar Lärmschutzwände bekommen, die uns aber überhaupt nichts bringen. Wir haben sogar das Gefühl, dass es dadurch lauter geworden ist“, berichtet Reimer Schley.

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„Auch unsere Nachbarn sagen, dass es lauter geworden ist. Die Wände sind nur drei Meter hoch und unsere Grundstücke sind alle sehr groß und zur Bahnstrecke hin abschüssig. Wir können die Züge also auch sehen, wenn sie hier vorbeifahren.“ In Zukunft sollen hier täglich fast 70 weitere Güterzüge die Strecke entlangfahren.

„Troglösung“ in Bad Schwartau sorgt für Diskussionen

Um den Lärm möglichst gering zu halten, steht in Bad Schwartau eine sogenannte Troglösung zur Diskussion. Bevölkerung und die lokale Politik fordern eine Aushebung von sieben Metern, doch genehmigt sind derzeit nur 3,20 Meter. Das Thema ist ein großer Streitpunkt, der die Kleinstadt seit Langem beschäftigt. Zusätzlich sind sechs Meter hohe Lärmschutzwände geplant. „Die teilen dann die Stadt“, befürchtet Bärbel Schley.

„Stellen Sie sich mal vor, wie das dann aussieht! Da wird innerstädtisch viel kaputt gemacht.“ An einer anderen Stelle solle ein Bahnübergang zugemacht werden, ein Wäldchen abgeholzt werden und eine neue Straße gebaut werden. „Über den Kopf hinweg werden irgendwelche Sachen entschieden und man kann sich nicht dagegen wehren.“

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„Unser Wunsch ist natürlich, dass der Tunnel gar nicht erst gebaut wird“, sagt Reimer Schley. „Wir haben so eine tolle Fährverbindung von Puttgarden nach Rodby. Und ob ich jetzt eine Dreiviertelstunde früher in Dänemark bin oder nicht, das ist doch total egal.“ Bei ihrem Einsatz gegen das Jahrhundertprojekt und den Ausbau der Bahnstrecke sind die beiden unermüdlich.

Vor ein paar Jahren seien sie an einem Sonntag achtmal mit der Fähre zwischen Puttgarden und Rodby hin- und hergefahren, um die Menschen an Bord nach ihrer Meinung zu befragen. „Die Leute haben alle gesagt, ‚Ist doch schön, ist doch Urlaub, da kann man eine Tasse Kaffee trinken.‘“ Nur einige, die zur Arbeit wollten, hätten sich einen Tunnel gewünscht.

Auch Bodo Gehrke und Susanne Brelowski sind als Anwohner direkt betroffen und haben vor einigen Jahren die „Allianz gegen eine Feste Fehmarnbeltquerung“ gegründet. In dieser haben sich viele kleine Ortsvereine zusammengetan, um vom gegenseitigen Know-How zu profitieren und ihre Position zu verstärken. Zuerst habe man die Pläne im Hinterland noch etwas belächelt, dass man eine komplette Autobahn auf den Meeresgrund legen will, so Bodo Gehrke.

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„Es hat eine Weile gedauert, bis es dann in den Orten ganz konkret geworden ist.“ In seinem Heimatort Roge gebe es mit der Autobahn bereits eine große Lärmquelle. „Wenn es Ostwind gibt, müssen Sie in eine Schweigemeditation verfallen, weil Sie sich bei entsprechenden Wetterverhältnissen kaum noch unterhalten können“, erzählt Gehrke.

Anwohner fürchten schwere Eingriffe in die Natur

Aus diesen Gründen fordern Anwohner seit Längerem eine sogenannte Gesamtlärmbetrachtung.Dabei würden neben dem Schienenlärm auch der bereits existierende Straßenlärm beachtet.

„Im Bundestagsbeschluss vom 2. Juli 2020 wurde das generell als sinnvolle Forderung von uns anerkannt. Im Koalitionsvertrag ist das auch berücksichtigt, dass eine Gesamtlärmbetrachtung eingeführt werden soll. Allerdings wurde dann die Bedingung gestellt, dass es noch zu einer gesetzlichen Regelung kommen muss, bevor die Planfeststellungsverfahren abgeschlossen sind“, sagt Gehrke.

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Die Bahn ist aktuell dabei, mit der Auslegung der Planfeststellungsverfahren zu beginnen. Eine entsprechende gesetzliche Regelung ist derzeit allerdings nicht in Sicht. Entlang der Strecke haben die Bürgervereine deshalb einen Appell für eine Gesamtlärmbetrachtung aufgesetzt, der von vielen Bürgermeistern unterschrieben wurde.

Doch nicht nur der Lärm stößt den engagierten Anwohnern auf. „Damit verbunden sind Eingriffe in alle Elemente der Natur: die Luft, das Klima, das Wasser am Belt. Die Ostsee wird da in einer Art und Weise belastet, dass Sie mit dem Wasseraustausch vielleicht gar nicht mehr klarkommt.

Was hier zudem an Erdbewegung gemacht werden muss. Ein Kilometer Trasse benötigt 30.000 Kubikmeter Sand. Das ist der größte anzunehmende Unsinn“, ärgert sich Gehrke.

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„Das, was kommen soll, ist ein ganz invasives Element, was die ganze Region belastet. Das schlägt hin bis in die Wirtschaftskraft, weil die hauptsächlich auf dem Tourismus basiert. Da ist der Schaden gegenüber dem Nutzen einfach enorm groß. Vom Nutzen her hat uns noch niemand überzeugen können, was man Gutes für die Region hat.“

Anwohner wünschen sich Verbindungen in der Region

Statt der Güterstrecke wünschen sich viele Anwohner Anbindungen, die ihre Region stärken. Die Bestandsstrecke sei ausreichend. „Vielleicht ein zweites Gleis, sodass es eine bessere Taktung nach Hamburg gebe. Für Pendler wäre es sehr wünschenswert, dass man von Oldenburg oder von Neustadt im Halbstundentakt nach Hamburg käme ohne lange in Lübeck zu warten“, sagt Susanne Brelowski.

Sie selbst ist Landwirtin und auch ihre Grundstücke grenzen unmittelbar an die geplante Strecke. „Da dachte ich natürlich: ‚Meine Güte der Lärm!‘ Die Autobahn ist jetzt schon so laut. Wir haben hier im normalen Betrieb etwa 46 Dezibel“, erzählt sie. Auch ihre Ferienvermietung sieht sie durch das Projekt bedroht, da es den Gästen wichtig sei, gut schlafen zu können.

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Auch Reimer und Bärbel Schley stellen den Nutzen der Trasse und der gesamten Fehmarnbeltquerung grundsätzlich in Frage. „Wer fährt denn von Bad Schwartau oder aus Lübeck nach Kopenhagen ins Theater? Da hab ich noch niemanden erlebt“, fragt sich Reimer Schley. Seine Frau fügt hinzu: „Vorteile haben wir von dieser ganzen Sache nicht.“