Schleswig-Holstein: An diesem unscheinbaren Bahnhof hält heute kein Zug mehr – früher stoppte die Bahn hier nur wegen dieser einen Person

In dem Dorf Friedrichsruh in Schleswig-Holstein hält heute kein Zug mehr. Früher hatte der Bahnhof eine wichtige Bedeutung für das ganze Land.
In dem Dorf Friedrichsruh in Schleswig-Holstein hält heute kein Zug mehr. Früher hatte der Bahnhof eine wichtige Bedeutung für das ganze Land.
Foto: MOIN.DE & Otto-von-Bismarck-Stiftung

Im Osten von Hamburg, knapp 30 Kilometer von der Hansestadt entfernt, bereits in Schleswig-Holstein, liegt das beschauliche Dorf Aumühle mit dem Ortsteil Friedrichsruh.

Seit einem Jahr hält am Bahnhof Friedrichsruh in Schleswig-Holstein kein Zug mehr – die Bahn hat die Station aus dem Fahrplan gestrichen. Dabei hatte der Bahnhof eine enorme Bedeutung für die ganze Republik. Denn in Friedrichsruh wohnte einst einer der wichtigsten Politiker des Landes.

Schleswig-Holstein: Otto von Bismarck kommt nach Friedrichsruh

In den 1870er-Jahren kam Reichskanzler Otto von Bismarck nach Friedrichsruh und lebte bis zu seinem Tod überwiegend in dem kleinen Ort im Sachsenwald.

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Damals ging Deutschland als Sieger aus dem Krieg mit Frankreich hervor. Außerdem gründete sich das Deutsche Kaiserreich. Bismarck erhielt vom Kaiser als Dank den Sachsenwald, inklusive Friedrichsruh.

Bahnhof in Schleswig-Holstein hatte perfekte Lage

Für den Reichskanzler eine perfekte Lage. Denn der Bahnhof des kleinen Dorfes liegt auf der Strecke zwischen Hamburg und Berlin.

„Es war für den Staatsmann Bismarck natürlich wichtig, dass er nur dort ein privates Domizil einrichtet, wo er von Berlin aus erreichbar sein würde“, betont Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, die ihren Sitz im Bahnhofsgebäude hat.

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Wohnhaus in Schleswig-Holstein wenige Meter neben Gleisen

Sein Domizil, ein Landhaus – im Volksmund Schloss Bismarck genannt – errichtete er tatsächlich nur etwa 300 Meter von den Gleisen entfernt. Und genau dort hat der Zug angehalten, wenn der Politiker an Bord war.

„Wenn er selbst nach Friedrichsruh kam, hat er die Bahn nicht am Bahnhof halten lassen, sondern direkt vor seinem Portal“, erzählt Lappenküper im Gespräch mit MOIN.DE.

Post kommt in Schleswig-Holstein an

Die Züge transportierten aber nicht nur den Kanzler selbst, sondern auch seine Post. „Seine Amtszeiten sehen so aus, dass Bismarck immer nur vier oder fünf Monate im Jahr in Berlin ist“, so der Historiker.

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Vor dem Hintergrund zahlreicher körperlicher Leiden hielt er sich meist außerhalb der Hauptstadt auf, um sich zu erholen. „Das heißt aber, er muss beides verbinden: die Erholung und das Regierungsamt“, erläutert Lappenküper.

Und dies tat er zum einen, indem er sich die Post aus Berlin nach Friedrichsruh senden ließ. Einmal pro Tag erhielt der Reichskanzler per Bahn die offizielle Post. Diese Züge hielten jedoch am Bahnhof.

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Hoher Besuch in Schleswig-Holstein

Zum anderen empfingt der Politiker wichtige Amtsträger in seinem Domizil im Sachsenwald: Diplomaten, europäische Staatsmänner und sogar asiatische Fürsten kamen zu politischen Gesprächen nach Friedrichsruh.

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Das ist Otto von Bismarck:

  • Otto von Bismarck wird am 1. April 1815 in Schönhausen an der Elbe geboren
  • 1862 ernennt König Wilhelm I. Otto von Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten. Das Amt behielt er bis 1890
  • Langfristiges Ziel Bismarcks ist es, eine Vormachtstellung Preußens in Deutschland und Europa zu erringen
  • Dazu führt er eine Reihe von sogenannten „Einigungskriegen“ (1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1871 gegen Frankreich)
  • 14. Juli 1867: Bismarck wird Kanzler des unter preußischer Führung gegründeten Norddeutschen Bundes, dessen Verfassung weitgehend auf seine eigenen Entwürfe zurückgeht
  • 1871: Nach Ende des deutsch-französischen Krieges wird Bismarck in den Fürstenstand erhoben und Kanzler des neu gegründeten Deutschen Reiches
  • Außenpolitisch konzentriert er sich darauf, den europäischen Frieden zu wahren
  • Innenpolitisch bildete Bismarck zunächst ein Bündnis mit den Liberalen, ab 1878/79 fährt er eine konservative Linie
  • 1883 beginnt er, das staatlichen Fürsorge- und Wohlfahrtssystems auszubauen, um den Sozialdemokraten ihre Basis zu entziehen
  • Drei Sozialgesetze Bismarcks sind in ihren Grundzügen bis heute erhalten: Kranken- und Unfallversicherungsgesetz sowie das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung
  • Mit dem „Sozialistengesetz“ setzt Bismarck ein Verbot der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) und der Arbeiterbewegung durch
  • Ab 1888 regiert Wilhelm II. das Land und ist nicht gewillt, sich dem Reichskanzler unterzuordnen
  • 1890 reicht Bismarck sein Abschiedsgesuch ein und wird entlassen
  • Otto von Bismarck stirbt am 30. Juli 1898 in Friedrich, wo er auch beigesetzt wird

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„Sie alle kamen immer wieder hierher, um sich mit Bismarck, manchmal auch mehrere Tage lang, auszutauschen“, erklärt der Experte.

Schleswig-Holstein: Bismarck empfängt Gäste vor Haustür

Wenn ein Staatsgast mit der Bahn anreiste, musste der Zugführer wiederum einige Meter vor dem Bahnhof halten, „weil Bismarck es sich dann nämlich nicht nehmen ließ, hohe Staatsgäste direkt vor seinem Haus zu empfangen.“

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Selbst nachdem der Reichskanzler 1890 von der politischen Bühne verschwand, wurde er weiterhin von ranghohen Politikern besucht.

Chinesischer General sucht Rat in Schleswig-Holstein

Einer davon ist Li Hongzhang, ein chinesischer General und zur damaligen Zeit der wichtigste Staatsmann Chinas. Im Rahmen einer diplomatischen Europreise legte er 1896 einen Stopp in Friedrichsruh ein.

„Er fragte Bismarck um Rat, wie man ein so großes Land wie China am besten regieren könne“, erzählt Lappenküper. Einer der Vorschläge des ehemaligen Kanzlers: Aufrüsten und eine starke Armee bilden.

Besuche in Schleswig-Holstein sind „Lebenselixier“

„Diese Staatsbesuche sind für ihn Lebenselixier“, so der Historiker. Einerseits kann er der Weltöffentlichkeit damit signalisieren, für wie wichtig er gehalten wird.

Andererseits sind sie eine Mittel, sein angeknacktes Selbstbewusstsein – nachdem der Kaiser ihn entlassen hatte – zu stärken.

Dorf in Schleswig-Holstein erlangt Bekanntheit

Zu den Lebzeiten Bismarcks erlebten Friedrichsruh und Aumühle einen enormen Aufschwung. Das kleine Dorf erlange Berühmtheit und dank einer Vielzahl von Touristen einen wirtschaftlichen Boom.

Der Staatsmann erhielt zu seinem 80. Geburtstag nicht nur rund 400.000 postalische Sendungen, sondern es pilgerten auch zahlreiche Bismarck-Fans zu seinem „Schloss“, um ihm persönlich zu gratulieren.

Schleswig-Holstein: Zugverkehr in Friedrichsruh nimmt zu

Nach dem Tod des ehemaligen Reichskanzlers bleibt Friedrichsruh für Bismarck-Fans und Geschichtsinteressierte ein wichtiges Ausflugsziel.

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Das ist Schleswig-Holstein:

  • Schleswig-Holstein ist Deutschlands nördlichstes Bundesland
  • Die Landeshauptstadt Kiel ist mit rund 247.000 Einwohnern auch die größte Stadt in Schleswig-Holstein
  • Schleswig-Holstein zählt rund drei Millionen Einwohner
  • Fehmarn ist die einzige Ostsee-Insel Schleswig-Holsteins und die größte des Bundeslandes
  • Deutschlands einzige Hochseeinsel Helgoland gehört zu Schleswig-Holstein
  • Zu Schleswig-Holstein gehören die bei Touristen beliebten nordfriesischen Inseln Sylt, Amrum und Föhr
  • Mit knapp 100 Kilometern Länge durchquert der Nord-Ostsee-Kanal ganz Schleswig-Holstein

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Aber: „Der Ort selbst besaß dann gewiss nicht mehr die Berühmtheit wie zu Bismarcks Zeiten.“

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2002 ist die Zugverbindung von Hamburg nach Berlin zur ICE-Strecke ausgebaut worden. „Das hat zur Folge, dass der Bahnverkehr hier deutlich zunahm“, sagt Lappenküper im Gespräch mit MOIN.DE.

Bahnstrecke durch Schleswig-Holstein soll stärker ausgelastet werden

Seitdem konnte nur noch ein „Bummelzug“, ein kleiner Pendelzug, der zwischen Aumühle und Büchen verkehrte, in Friedrichsruh halten.

Die längeren Regionalzüge stoppten schon damals nicht mehr an dem Bahnhof, da der Bahnsteig zu kurz für die Bahnen war. „Es gibt aber seit etwa zehn Jahren das Bestreben der Bahn und der verantwortlichen Verkehrsbetriebe, die gesamte Strecke noch stärker auszulasten“, erzählt der Experte.

Schleswig-Holstein: Friedrichsruh verschwindet vom Fahrplan

Dabei sei der Pendelzug ein erheblicher Störfaktor gewesen. Deshalb setzte die Bahn das Verkehrsmittel nach und nach aus, bis der Haltepunkt Friedrichsruh 2019 komplett aus dem Fahrplan genommen wurde.

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Zudem hätte die Bahn das Fahrgastaufkommen gezählt. Dieses sei „zu gering, als dass es sich ökonomisch lohnen würde, die Züge hier tatsächlich halten zu lassen“.

Angesichts der Tatsache, dass die Bismarck-Stiftung am Bahnhof im vergangenen Jahr fast 20.000 Besucher gezählt hat – hauptsächlich Schüler ohne Auto – stellt Lappenküper das Ergebnis der Bahn in Frage.

Spaziergang durch den Sachsenwald in Schleswig-Holstein

Doch die Proteste der Stiftung blieben erfolglos. Wer Friedrichsruh einen Besuch abstatten will, muss ab Aumühle mit dem Bus fahren.

Oder einen 20-minütigen Spaziergang durch den malerischen Sachsenwald unternehmen – das Erholungsgebiet des einstigen Kanzlers.

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Die Otto-von-Bismarck-Stiftung zeigt im Historischen Bahnhof Friedrichsruh die Dauerausstellung „Otto von Bismarck und seine Zeit“ und betreut in unmittelbarer Nähe das Bismarck-Museum (geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 – 16 Uhr, bis 30. November 2020 geschlossen).