Hamburg: Loverboy vor Gericht – dieser Mann soll eine 19-Jährige zur Prostitution gezwungen haben

Bea Swietczak
In Hamburg muss sich ein Loverboy vor Gericht verantworten. Er soll eine junge Frau zur Prostitution gezwungen haben (Symbolbild).
In Hamburg muss sich ein Loverboy vor Gericht verantworten. Er soll eine junge Frau zur Prostitution gezwungen haben (Symbolbild).
Foto: picture alliance/dpa & imago images/Rolf Kremming

Enge Blue Jeans, weißes T-Shirt, karminrote Sneakers, farblich abgestimmtes Blouson im selben Karminrot, schwarzes Cap, selbstbewusstes Auftreten – so kam Vladyslav M. (26) am Donnerstag ins Amtsgericht in Hamburg-St. Georg.

Der gebürtige Ukrainer mit deutscher Staatsangehörigkeit aus Hamburg soll ein sogenannter „Loverboy“ sein. Einer, der einem jungen, naiven Mädchen die große Liebe vorspielte. Mit dem Vorsatz, sie zur Prostitution zu zwingen, sobald sie emotional von ihm abhängig ist.

Hamburg: Angeklagter soll 19-Jährige zu Prostitution gezwungen haben

Der eher schmächtige und nur circa 1,70 Meter große Mann bestreitet den Vorwurf, die zum Tatzeitpunkt erst 19-jährige Jessica B. manipuliert und mit dieser besonders perfiden Masche zur Prostitution getrieben zu haben. Laut Staatsanwalt soll er das Mädchen über Soziale Netzwerke schriftlich und danach im Telefon-Chat angebaggert und in seine damalige Wohnung in der Washingtonallee in Hamburg-Horn eingeladen haben.

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Schnell habe er ihr finanzielle Probleme vorgegaukelt und unter dem Vorwand ihrer Liebe veranlasst, sich von August bis Oktober 2019 in Hamburg und in Lübeck zu prostituieren. Dies sei in Wohnungen, Hotels und in einem Bordell geschehen. Er habe ihr das ganze verdiente Geld abgenommen und sie nur ein bisschen für kosmetische Behandlungen und künstliche Wimpern behalten dürfen.

Die Version des mutmaßlichen Loverboys klingt hingegen ganz anders. Über seinen Anwalt lässt er vortragen, er sei damals gerade aus der Haft entlassen worden, viel auf dem Kiez gewesen und wollte einfach nur Spaß haben. Über die kostenlose Telefon-Chat-Community „Base-Chat“ habe er zwei Stunden mit Jessica B. telefoniert. Gleich am nächsten Tag hätte sie ihn in seiner Wohnung besucht und Sex mit ihm gehabt.

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Definition Loverboy

  • Bei der sogenannten Loverboy-Methode versuchen Männer insbesondere junge Frauen über eine vorgetäuschte Liebesbeziehung emotional an sich zu binden, um sie nach einiger Zeit der Prostitution zuzuführen.
  • Die Täter gehen dabei strategisch vor: Über mehrere Wochen und Monate bauen sie eine Beziehung zu den Mädchen auf, in denen oft auch ein gemeinsames Zukunftsszenario skizziert wird. Es entsteht eine starke emotionale Bindung an den Täter.
  • Diese macht sich der Täter zunutze, um die junge Frau in der Prostitution auszubeuten.
  • Die betroffenen Frauen und Mädchen können sich aufgrund der emotionalen Abhängigkeit nur schwer dem Zwang und den Forderungen des Täters entziehen.
  • Die jungen Mädchen werden meist gezielt über soziale Netzwerke, im Chat oder vor Schulen angesprochen.
  • Dabei halten die Täter nach besonders jungen Frauen Ausschau, die unsicher sind und Probleme haben. (Quelle: Landeskriminalamt)

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Sie sei diejenige gewesen, die sich von sich aus sofort bereitwillig prostituieren wollte, um Geld für Drogen zu beschaffen. Ihr verdientes Geld hätten sie gemeinsam fürs Feiern auf dem Kiez und für den gemeinsamen Drogenkonsum ausgegeben.

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Jessica B. habe sich schnell in ihn verliebt und ihm freiwillig ihr Geld gegeben, damit er bei ihr bleibt. Sie habe ihn sogar bedrängt, als sie merkte, dass er sich auch noch mit einer anderen Frau traf – nämlich mit seiner jetzigen Verlobten, mit der Vladyslav M. inzwischen ein Kind hat.

Kein Unbekannter bei der Justiz in Hamburg

Dann ließ der Angeklagte über seinen Anwalt einräumen, dass er Jessica geschlagen hatte. Sie habe ihn während eines Streits attackiert und sei schnell „hochgefahren“, dann verpasste er ihr zwei Ohrfeigen. Laut Hamburger Staatsanwaltschaft ist Vladyslav M. kein unbeschriebenes Blatt und vorbestraft.

Schon als Jugendlicher wurde er straffällig. Im Laufe der Jahre wurde der Hamburger für mehrere Taten zu Freiheitsstrafen verknackt: Raub, Vermögensdelikte, Diebstahl, Wohnungseinbruchsdiebstahl und Sachbeschädigung. Im Oktober 2018 kam er zuletzt aus dem Knast.

Gericht in Hamburg schließt Öffentlichkeit aus

Am Donnerstag sagte auch Jessica B. aus, die als Nebenklägerin auftritt. Sie musste dabei ihrem Ex-Freund gegenübertreten. Die zierliche, junge Frau mit den langen, lockigen Haaren wirkt sehr mitgenommen, als sie den Gerichtssaal betritt. Zuvor hatte ihre Anwältin den Ausschluss der Öffentlichkeit bewirkt, was bei einem Loverboy-Verfahren eher ungewöhnlich ist. Denn es besteht öffentliches Interesse, auf diese Masche aufmerksam zu machen, damit andere junge Mädchen für das Thema sensibilisiert werden.

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Doch in diesem besonderen Fall stimmte sogar der Staatsanwalt zu. Er räumte ein: „Ich bin normalerweise kein Freund davon, die Öffentlichkeit auszuschließen.“

Die Begründung von Jessicas Anwältin sei nachvollziehbar: Ihre Mandantin befinde sich in einem fragilen psychischen Zustand und sei sehr mitgenommen.

Sie habe Probleme, dem Gericht ihre intimsten Details auch bezüglicher ihrer Sexualität zu erklären, wenn die Öffentlichkeit anwesend sei. Neben ihrer Anwältin stand ihr auch eine ehrenamtliche Opferbetreuerin zur Seite.