Hamburg: Seit vier Jahren erinnert dieses Schild an ein schreckliches Verbrechen – „Gerechtigkeit soll siegen“

Ein Bus in Hamburg. Er ist mit einem großflächigen Zeugenaufruf plakatiert, mit dem um Hinweise im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Hilal Ercan gebeten wird.
Ein Bus in Hamburg. Er ist mit einem großflächigen Zeugenaufruf plakatiert, mit dem um Hinweise im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Hilal Ercan gebeten wird.
Foto: dpa

Wer schon einmal an den Elbgaupassagen in Hamburg-Lurup unterwegs war, hat dabei möglicherweise ein Schild entdeckt. Es erinnert an ein Verbrechen, das bereits 23 Jahre zurück liegt.

Die Fahndungserinnerung in Hamburg ist dauerhaft und soll als Anlaufstelle und Aufruf dienen, um immer an das damals 10-jährige Mädchen und ihre Entführung zu erinnern und weitere Hinweise einkehren zu lassen. „Hilal wird nicht vergessen und der Täter oder Mörder bekommt keine Ruhe. Uns wurde die Ruhe weggenommen“, sagt Abbas Ercan, der große Bruder von der verschwundenen Hilal, im Gespräch mit MOIN.DE. „Wir werden niemals aufgeben.“

Hamburg: Große Belastung für die Angehörigen

Auch wenn inzwischen 23 Jahre vergangen sind, lastet dieses Geschehen bis heute auf der Familie und lässt dieser bis heute keine Ruhe.

„Das war ein Terror. Durch die Entführung wurde die ganze Familie zerstört“, berichtet der Bruder der Vermissten. Dennoch hat Abbas Ercan noch lange nicht die Hoffnung aufgegeben. Zu MOIN.DE sagt er: „Wir werden erst aufhören, wenn wir das gelöst haben. Die Gerechtigkeit soll am Ende siegen!“

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Vor 23 Jahren geschah es in Hamburg

Unmittelbar in der Nähe ihres Zuhauses ist die damals 10-Jährige am 27. Januar 1999 verschwunden. Sie ist nach aktuellem Kenntnisstand der Ermittlungen auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum Elbgaustraße gegen ihren Willen in ein Fahrzeug gezogen worden.

Ob genau das passierte und was dann geschah, ist bis heute offen. Viele Hinweise, auch anonyme Briefe und Anrufe, brachten bis heute einige Spuren in den Fall, führten aber letztlich nicht zur Lösung des Falls.

Tatverdächtiger aus Hamburg legt Geständnis ab und widerruft es wenig später

Ein im Jahr 2005 ermittelter Tatverdächtiger hatte damals mehrfach gestanden, das vermisste Mädchen entführt und getötet zu haben. Seine Geständnisse nahm er aber immer wieder zurück und sagte später dazu, er hätte sich mit dem Geständnis an der Polizei rächen wollen. Außerdem habe er auf eine Verlegung gehofft. Bis heute verweigerte er nach seinen vielen Falschaussagen eine klare Information über Details, wie einen Ablageort.

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Daten und Fakten über Hamburg:

  • Hamburg ist als Stadtstaat ein Land der Bundesrepublik Deutschland.
  • Hamburg ist mit rund 1,9 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Deutschlands und die drittgrößte im deutschen Sprachraum.
  • Das Stadtgebiet ist in sieben Bezirke und 104 Stadtteile gegliedert, darunter mit dem Stadtteil Neuwerk eine in der Nordsee gelegene Inselgruppe.
  • Der Hamburger Hafen zählt zu den größten Umschlaghäfen weltweit.
  • Die Speicherstadt und das benachbarte Kontorhausviertel sind seit 2015 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes
  • International bekannt sind auch das Vergnügungsviertel St. Pauli mit der Reeperbahn sowie das 2017 eröffnete Konzerthaus Elbphilharmonie.

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Von den Behörden hieß es zu den Ermittlungen: „Ob der verurteilte Sexualstraftäter die Ermittler damals täuschte, um sich in kruder Selbstwahrnehmung als wichtig erscheinen zu lassen oder ob er sich aus Feigheit über eventuelle strafrechtliche Konsequenzen zum Zurückziehen des Geständnisses entschloss, ist bis heute ebenfalls fraglich.“

“Wir ziehen durchaus in Betracht, dass ein anderer Täter gehandelt hat. Wir ermitteln in alle Richtungen! Definitiv ausgeschlossen ist einzig die Familie Hilals!“, sagte Steven Baack, der Leiter der Ermittlungsgruppe Cold Cases im LKA Hamburg im Jahr 2018.

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Parallelen zu den weiteren Vergehen des Tatverdächtigen in Hamburg

Der Mann wurde im Jahr des Verschwindens von Hilal für einen Missbrauch an einem anderen Mädchen festgenommen. Seine Taten zeigen Parallelen. Zudem wurde er von Freundinnen des vermissten Mädchens erkannt – er habe die Mädchen in der Vergangenheit auf dem Spielplatz an der Elbgaustraße angesprochen.

Sein Wohnsitz war zum Tatzeitpunkt nur wenige Meter von Hilals Zuhause sowie dem Ort ihres Verschwindens entfernt. Sein damaliges Alibi stellte sich später als falsch heraus. Derzeit sitzt er in einer forensischen Psychiatrie. Die Rechtsmedizin bestätigte, dass der Tod seiner Opfer nicht in seinem Ermessen liege.

Laut Staatsanwaltschaft Hamburg gibt es keinen neuen Sachstand, die Ermittlungen würden in diesem Fall aber weiterhin intensiv fortgeführt werden. Zum derzeitigen Stand der Ermittlungen, seit Erhöhung der Belohnung für erfolgsbringende Hinweise im Mai 2021, sagt die Staatsanwaltschaft: „Als Reaktion auf die erhöhte Auslobung gingen und gehen auch weiterhin bei den Ermittlungsbehörden Hinweise ein, die alle unvoreingenommen von der Polizei bearbeitet worden sind oder werden, bisher allerdings zu keiner „heißen Spur“ geführt haben.“

„Unabhängig davon verfolgt die Polizei aktuell neue andere Spuren in Richtung bereits verurteilter Sexualstraftäter, zu denen aus ermittlungstaktischen Gründen – selbstverständlich – keinerlei weitere Angaben gemacht werden“, teilt die Staatsanwaltschaft mit.

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DAS denkt die Familie aus Hamburg

Für Abbas Ercan hingegen ist klar, wer der Täter ist. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es der Hauptverdächtige war“, sagt er im Gespräch mit MOIN.DE.

Nachdem er der Polizei in der Vergangenheit vertraut hatte, ist der Bruder der verschwundenen Hilal mittlerweile aber skeptisch. „Da herrscht keine Kommunikation mehr. Die Zusammenarbeit ist beendet“, sagt er. „Da sind viele Fehler passiert. Ich bin enttäuscht und wir sind dadurch jetzt dazu gekommen, eigene Maßnahmen durchzuführen.“

Was Abbas Ercan damit meint: Nach dem Verschwinden wurde im November 2021 der Verein „Opferinteressen von Kindern e.V.“ ins Leben gerufen. Hier soll intensiv Spuren nachgegangen werden, die nicht oder nicht intensiv angegangen worden sind. „Wir haben die Hoffnung mit Hilfe des Vereins den Fall zu lösen“, sagt Abbas Ercan. Um die entsprechenden Suchmaßnahmen zu finanzieren, bitten der Verein und die Familie Ercan um Spenden.

Hamburg: Auf der Suche nach Spuren

Auch weitere Maßnahmen sollen dabei helfen. So wurde auf Bussen in Hamburg eine Vermisstenanzeige ausgespielt, um erneut die Aufmerksamkeit auf den Fall zu erhöhen. Hilals Bruder Abbas berichtet MOIN.DE darüber: „Hinweise kommen immer wieder rein, aber zum Aufklären des Schicksals meiner Schwester kam es bisher leider nicht.“

Er betont, dass es besonders wichtig sei, dass seine Schwester nicht in Vergessenheit gerät. „Deswegen ist es gut, dass die Fahndungssachen erhalten bleiben und man durch Sachen, wie den Bus, immer wieder daran erinnert.“

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Weiterhin Hoffnung für den Fall in Hamburg

Hinweise und Zeugenaussagen können jederzeit zu einer Lösung in dem Fall führen. Möglicherweise haben sich Zeugen aber auch einfach bis heute nicht an die Polizei gewandt. Dafür ist es jedoch nicht zu spät. „Wir hoffen das Zeugen oder Mitwisser, die vielleicht damals mit dem Täter gut waren und heute ganz anders darüber denken, sich melden“, sagt Abbas Ercan. „Oder Familienangehörige des möglichen Täters. Vielleicht hat der Täter selbst keine Empathie, aber die Familie.“

Abbas betont, dass er weiter alles geben wird, um das Verbrechen seiner Schwester aufzuklären. „Ich werde demjenigen, der das Hilal und uns angetan hat, niemals verzeihen. Er muss zur Rechenschaft gezogen werden.“ Stellvertretend für seine Familie sagt er: „Ein Ziel ist auch, dass wir meine Schwester mit Würde bestatten können. Das hat sie verdient.“

Und noch eine Sache ist dem Mann aus Hamburg wichtig: „Meine Schwester hatte ihr ganzes Leben vor sich. Wir sollten alle auf unsere Kinder aufpassen, damit sowas nicht mehr passiert. Sowas wünsche ich niemandem. Das ist einfach das Schlimmste!“

Hinweise zu dem Fall nimmt die Hamburger Polizei unter der Telefonnummer (040) 4286-56789 oder unter der E-Mail-Adresse hinweise-hilalercan@polizei.hamburg.de entgegen.