Hamburg: Opferhelfer spricht über seinen Alltag – „Betroffene kommen in unserer Gesellschaft immer zu kurz“

Der Weiße Ring Hamburg unterstützt Betroffene von Straftaten.
Der Weiße Ring Hamburg unterstützt Betroffene von Straftaten.
Foto: picture alliance / dpa | Christian Charisius

Wenn es um Kriminalfälle geht, stehen die Täter und Täterinnen oft im Mittelpunkt der Polizeiarbeit und der öffentlichen Wahrnehmung. Doch wie ergeht es eigentlich Menschen, die von einer Straftat betroffen sind? Wie verändert sich das Leben nach einem unerwarteten Überfall oder einer Gewalttat im privaten Umfeld? Der „Weisse Ring“ Hamburg ist eine Hilfsorganisation, die Menschen nach einer solchen Erfahrungen beratend zur Seite steht.

Im Gespräch mit MOIN.DE spricht Werner Springer, Leiter einer der acht Außenstellen in Hamburg, über die Aufgaben des Vereins, die Auswirkungen der Corona-Pandemie und wie man Betroffene von besonders schweren Taten unterstützen kann.

Hamburg: Neue Zimmer und Kleidung nach Sexualdelikten

„Die größte Hilfe, die wir leisten können, ist der persönliche Beistand. Sich Zeit nehmen, die Betroffenen erst nehmen, das Zuhören und dann Ratschläge erteilen. Zudem können wir Begleitung anbieten, sei es zu Terminen bei der Polizei, vor Gericht oder die Hilfestellung bei Antragsstellungen“, erzählt Springer. Es ist viel Bürokratie, die im Rahmen einer Anzeige oder eines Prozesses auf Betroffene zukommt. Dabei helfen die Ehrenamtlichen zum Beispiel indem sie Kontakte vermitteln.

Rechtliche Beratungen leistet der Verein hingegen nicht. Auch bieten die Mitarbeitenden selbst keine Therapie an. Dafür gibt es sogenannte Hilfechecks für eine anwaltliche oder eine psychotraumatologische Erstberatung. „Unsere Hilfe ist eine Hilfe zur Selbsthilfe. Wir wollen, dass die Betroffenen, das wieder allein schaffen können. Dabei unterstützen wir sie.“

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Sollte jemand nach einer Straftat jedoch in eine Notlage geraten, gibt es die Möglichkeit auch finanziell zu helfen. „Wenn etwa eine Rentnerin auf dem Weg von der Bank überfallen wird und sich für den Rest des Monats das Essen nicht mehr leisten kann. Oder nach Sexualdelikten, wenn die Zimmer neugestaltet oder neue Kleidung besorgt werden müssen“, berichtet Werner Springer. Es bestehe aber kein Anspruch darauf. Von Fall zu Fall entscheiden die Helfer, wie sie am besten unterstützen können.

Hamburg: Weniger Straßenkriminalität während der Pandemie

Meist melden sich die Betroffenen selbst beim „Weissen Ring“. Es könne aber auch sein, dass der Kontakt durch die Polizei erfolgt, so Springer. „Wir betreuen die Menschen so lange, wie sie es möchten und es erforderlich ist. Wir hatten Fälle, das waren es einmalige Besuche. Es gibt aber auch Fälle, die wir über sechs Jahre betreuen.“

Werner Springer war früher selbst als Polizist tätig. „Gerade als Polizeibeamter hat man sehr viel mit den Tätern und Täterinnen zu tun, aber in meinem Bereich auch mit Betroffenen. Sie kommen in unserer Gesellschaft immer zu kurz“, so der Hamburger. Seit 2015 leitet er die Außenstelle des „Weissen Ring“ in Bergedorf.

Während der Corona-Pandemie hat sich seine Arbeit verändert. Der Kontakt mit den Betroffenen sei zu 90 Prozent über das Telefon oder per Post erfolgt. Auch die Art der Straftaten habe sich gewandelt. Vor der Pandemie habe der Schwerpunkt bei Straßenkriminalität und Körperverletzung gelegen. Während des Lockdowns gab es jedoch keine größeren Veranstaltungen. „Auch hatten viele Gaststätten geschlossen. Das erklärt den Rückgang der Körperverletzungen. Jetzt schlägt es um auf den Bereich der Straftaten im persönlichen Umfeld“, erklärt Springer. Insgesamt sei die Zahl der betreuten Fälle in diesem Jahr zurückgegangen.

Opferhilfe in Hamburg: Betroffene fühlen sich schuldig

Ein großes Thema im Bereich der Taten im persönlichen Umfeld sind Schuldgefühle. „Es kommt immer wieder vor, dass sich die Betroffenen schuldig fühlen. Insbesondere bei Sexualstraftaten und bei Taten im persönlichen Umfeld. Die Betroffenen fragen sich: ‚Habe ich nicht selbst schuld?‘ oder ‚Habe ich das durch mein Handeln mit verursacht?‘.“

„Da muss man ganz deutlich sagen: Schuld kann nur der Täter oder die Täterin haben. Kein anderer. Es ist ganz wichtig, dass wir als Helfer, Angehörige und Freunde dieses Gefühl nicht verstärken. Im schlimmsten Fall ziehen sich die Betroffenen noch weiter zurück und reden gar nicht mehr darüber“, so Werner Springer.

Eine Straftat hat in vielen Fällen unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag der Betroffenen. Daraus resultieren etwa Ängste und Vermeidungsstrategien. „Mal wirkt eine Straftat lange nach, das kann bis zur Gerichtsverhandlung gehen, das kann mal 14 Tage dauern. Es kann Betroffene aber auch ein Leben lang verfolgen.“

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Daten und Fakten über Hamburg:

  • Hamburg ist als Stadtstaat ein Land der Bundesrepublik Deutschland.
  • Hamburg ist mit rund 1,9 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Deutschlands und die drittgrößte im deutschen Sprachraum.
  • Das Stadtgebiet ist in sieben Bezirke und 104 Stadtteile gegliedert, darunter mit dem Stadtteil Neuwerk eine in der Nordsee gelegene Inselgruppe.
  • Der Hamburger Hafen zählt zu den größten Umschlaghäfen weltweit.
  • Die Speicherstadt und das benachbarte Kontorhausviertel sind seit 2015 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes
  • International bekannt sind auch das Vergnügungsviertel St. Pauli mit der Reeperbahn sowie das 2017 eröffnete Konzerthaus Elbphilharmonie.

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Hamburg: Schutz ist für Betroffenen besonders wichtig

Ein besonders erschreckender Fall hat vor einem Jahr die Hansestadt erschüttert. Eine 15-Jährige wurde im Stadtpark von mehreren Männern vergewaltigt. Vor Kurzem gab es neue grausame Details zu der Tat. Was ist im Umgang mit den Betroffenen so schwerer Verbrechen besonders wichtig?

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„Innerhalb der Familie ist es erstmal wichtig, dass ich einem Betroffenen immer glaube. Dass ich der Person ein gewisses Maß an Schutz und Schutzraum gewähre und sie nicht unter Druck setze. Das junge Mädchen bestimmt in diesem Fall das Tempo. Es ist wichtig, dass die Glaubwürdigkeit nicht in Frage gestellt wird und wir die Unterstützung geben, die die oder der Betroffene gerade benötigt“, sagt Werner Springer. Eine entsprechende therapeutische Behandlung sei wichtig, auch für die Vorbeugung einer Posttraumatischen Belastungsstörung. In Hamburg gibt es zum Beispiel die Trauma-Ambulanzen im UKE oder in der Asklepios Klinik Nord.

„Auch wenn es schwerfällt, sollte man eine Anzeige erstatten und sich ärztlich untersuchen lassen.“ In der Hamburger Rechtsmedizin gibt es eine Stelle, an der man sich nach einer Tat kostenlos untersuchen lassen kann, erklärt Springer. Dort werden Beweismittel sichergestellt, so dass diese später vor Gericht verwendet werden könnten. Eine Anzeige ist dafür nicht erforderlich.

Hamburg: Respektvoller Umgang vor Gericht

„Ich wünsche mir zudem einen respektvollen Umgang mit den betroffenen Personen vor Gericht, damit sie nicht hinterher mit dem Gefühl sie seien selbst der oder die Täter/in den Gerichtssaal verlassen. Für diesen expliziten Fall hoffe ich, dass die Betroffene anwaltlich so geschützt wird, dass sie im Rahmen des Prozesses das Gefühl erhält, dass es Gerechtigkeit geben wird“, sagt Springer.

„Für die Betroffene ist es zum Teil unerträglich, dass die Täter nicht im Gefängnis sind“, berichtet er weiter. Gleichzeitig bittet der ehemalige Polizeibeamte um Verständnis.

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„Unsere Rechtsprechung sieht vor, dass der Staat dem Täter die Tat und seine Schuld beweisen muss. Der Täter hingegen muss seine Unschuld nicht beweisen. So unangenehm das ist, aber das dauert. Bei dem Fall im Stadtpark, bei dem es zwölf Tatverdächtige gibt, dauert es bis man alle Spuren zugeordnet und ausarbeitet hat, wem man welche Straftat vorwerfen kann“, so Springer.

„Ich glaube, es ist für eine Betroffene nichts schlimmer, als ein Gerichtsverfahren zu erleben, bei dem die Täter mangels Tatvorwürfen freigesprochen werden. Das ist das Schlimmste, was einem Opfer passieren kann.“

Wer sich weiter über die Arbeit des „Weissen Rings“ Hamburg und das Ehrenamt informieren will, kann sich >>> hier auf der Webseite umschauen.