Hamburg: Psychiater packt aus, mit welchen Sorgen die Promis zu ihm kommen

Ihm vertrauen viele Prominente: Dr. Marius Ütö ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtspezialist.
Ihm vertrauen viele Prominente: Dr. Marius Ütö ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtspezialist.
Foto: Sano Hamburg

Die meisten Patienten gehen durch den Haupteingang des ehrwürdigen Störtebekerhauses in Hamburg-Hamm. Die mit den prominenten Namen wählen den Nebeneingang oder kommen zu unkonventionellen Zeiten, um nicht entdeckt zu werden.

Alle haben dasselbe Ziel und die gleiche Not. Sie erwarten Hilfe von Dr. Marius Ütö (40), Facharzt für Psychologie und Psychiatrie in der Privat-Praxis „Sano Hamburg“. Dem Doc, dem viele namhafte Persönlichkeiten vertrauen, ist gar nichts fremd, wenn es um die seelischen Abgründe von Menschen geht.

Hamburg: Steigende Abhängigkeit vom Smartphone

Gerade in Pandemie-Zeiten spiegeln sich bei ihm die Probleme der Gesellschaft im Umgang mit Corona wider. Darüber spricht der angesehene Arzt mit MOIN.DE.

Was hat sich auf den ersten Blick seit Ausbruch des Virus in Ihrer Praxis verändert?

Die Dringlichkeit ist größer geworden. Weil viele Menschen jetzt in Kurzarbeit oder ohne Arbeit sind, oder durch das Homeoffice andere zeitliche Abläufe haben, machen sie viel Druck auf die Geschwindigkeit der Behandlung.

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Das Bedürfnis, eine schnelle Therapie zu bekommen, ist größer geworden, die Geduld ein wenig kleiner. Zudem haben sich Abhängigkeiten von Smartphone-Aktivitäten, Instagram, Snapchat vermehrt. Dadurch wird die Sucht nach Aufmerksamkeit gefördert und Sozialverhalten minimiert.

Und auf den zweiten Blick?

Zu Anfang der Pandemie freute ich mich über soviel Nachfrage, weil ich darin meine Kompetenz bestätigt sah. Schon nach einem halben Jahr musste ich aufpassen, dass es nicht an die eigene Substanz geht.

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Jetzt nach über einem Jahr stelle ich fest, dass die Bedürfnisse noch extremer und die Sorgen noch größer geworden sind. Corona spült nicht zwingend mehr Patienten zu mir. Aber die Art der Akut-Fälle hat sich verändert.

Was hat sich bei Ihren Bestandspatienten an der Schwere ihrer Symptome verändert?

Ein großes Thema sind Depressionen. Ich verzeichne ca. 50 Prozent mehr depressive Krisen und Angsterkrankungen. Dazu kommen ca. 10 Prozent mehr schizophrene Psychosen mit Wahngedanken und Paranoia mit schweren Verläufen durch die Pandemie bedingte Isolation.

Die Alkoholabhängigkeiten haben sich um 10 bis 20 Prozent erhöht. Bei den ganz schweren Fällen, egal bei welcher Diagnose, hat sich der Zustand stark verschlechtert mit ausgeprägteren Symptomen. Teilweise gibt es schwere Rückfälle durch veränderte Alltagsstrukturen und innere Leere.

Mehr Rückfälle bei Alkohol- und Cannabis-Anhängigkeit

Welche Diagnosen sind das im Wesentlichen?

Suchterkrankungen durch Alkohol und Cannabis. Da gab und gibt es die meisten Rückfälle. Teilweise auch durch Kokain. Wenn allerdings Kokain vor der Pandemie als gesellschaftliche Party-Droge konsumiert wurde, dann tritt es jetzt eher weniger als Suchtproblem auf.

Könnte man sagen: Weniger Partys gleich weniger Kokain?

Da sage ich mal zögerlich: scheinbar ja. Aber Kokain ist nicht nur eine Party-Droge, sondern auch ein vermeintliches Hilfsmittel, um in der Isolation und Einsamkeit augenscheinlich besser klarzukommen.

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Das ist Marius Ütö:

  • Dr. Marius Ütö ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin.
  • Er wurde 1980 als Sohn eines Pharmazeuten und einer Pädagogin in Husum geboren.
  • 2007 schloss er sein Medizin-Studium an der Uni Hamburg ab.
  • Er absolvierte eine Facharztausbildung am Klinikum Nord Ochsenzoll in den Bereichen Psychotherapie von Borderline-Persönlichkeitsstörungen u. Suchtmedizin.
  • Von 2012 bis 2017 war er Oberarzt im Klinikum Ochsenzoll.
  • Von 2018 bis 2019 Stellvertretender Chefarzt FK Hasenbarg.
  • Zudem Tätigkeiten für verschiedene Institutionen wie Diakonie, Ausbildungsinstitute als Dozent und ehrenamtliche Arbeit für den Verein St.-Depri.ev.
  • Seit 2019 arbeitet er in der Praxis Sano Hamburg. Schwerpunkte: Psychiatrie, Psychotherapie, Suchtmedizin sowie hausärztliche Versorgung.

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Leider ist die Geschwindigkeit im Alltag und die Party-Szene für den Gebrauch von Kokain mitverantwortlich. Ebenso wie der Gebrauch von Amphetamin, das als Speed konsumiert wird.

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Wie hat sich das Bedürfnis nach Schlaf- und Beruhigungsmitteln verändert?

Den Schlafmittel-Konsum beobachte ich als anhaltend. Aber das Verlangen nach rezeptpflichtigen Beruhigungsmitteln nimmt stetig zu. Ebenso die Notwendigkeit der Behandlung von Schlafmittel- und Beruhigungsmittel-Abhängigkeiten.

Das sind zwar meine Beobachtungen, aber es ist schwierig, das tatsächlich an der aktuellen Corona-Krise festzumachen. Ich gehe davon aus, dass es auch neue Alkohol-Abhängige geben wird, die bislang noch nicht in Erscheinung getreten sind. Das wird sich später noch zeigen.

Gibt es auch erfreuliche Tendenzen?

Ja, es gibt Verschiebungen. Leute die früher hauptsächlich auf Events oder Partys getrunken oder Drogen konsumiert haben, reduzieren diese Gewohnheiten.

Sie neigen nicht mehr dazu, weil sie sich nicht mehr so gefordert fühlen und deshalb nicht mehr unter Druck stehen, der alltäglichen Geschwindigkeit gerecht zu werden. Bedürfnisse nach Mitteln, die vermeintlich das Leistungsvermögen erhöhen, gehen unter.

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Wie gehen Sie persönlich als Arzt mit den ganzen Problematiken um?

Eine negative Dynamik in der allgemeinen Stimmung oder Suizidgedanken von Patienten kann sich auch auf den Behandler übertragen. Da muss man sehr vorsichtig sein und es relativieren. Ich reflektiere stark, woran etwas liegt und nutze regelmäßig Supervisionen, also Fachgespräche mit Kollegen.

Sie dienen dazu, den eigenen Stimmungsanteil besser einzuordnen. Insgesamt macht mir die Arbeit mehr Spaß, weil ich neue Herausforderungen habe, viel helfen kann und darin meine Kompetenz bestätigt sehe. Das tut auch gut.