Ostsee: Dieser Taucher beseitigt Gefahren am Meeresgrund – „Es ist kurz vor zwölf“

Hartmut Krämer ist Taucher beim Munitionsbergungsdienst in Mecklenburg-Vorpommern.
Hartmut Krämer ist Taucher beim Munitionsbergungsdienst in Mecklenburg-Vorpommern.
Foto: picture alliance / Patrick Franck/privat (Montage MOIN.DE)

Hartmut Krämer zeigt nur ungern ein Bild von sich allein als Taucher. Er will sich nicht in den Vordergrund rücken. Im Vordergrund steht für ihn ganz klar: das Team. Das zeigt auch das Motto des 60-Jährigen: „Das Wichtigste ist der Kaffee danach.“ Dieses Danach, das bedeutet nach dem Tauchgang. Wenn Krämer und sein Team am Grund der Ostsee nachgesehen haben, ob dort Altmunition liegt oder diese beseitigt haben. „Bisher ist zum Glück nie etwas passiert.“

Hartmut Krämer ist Taucher beim Munitionsbergungsdienst Mecklenburg-Vorpommern (MV). Die Ostsee ist neben Seen und Teichen des Landes MV nur eines von mehreren Einsatzgebieten. Doch wenn die Arbeit an den Meeresgrund führt, sind Aufmerksamkeit und Aufwand jeweils besonders groß.

Ostsee: Zwei Seeminen rund 20 Kilometer vor Rostock

Die meisten alten Sprengkörper, die gefunden werden, seien Zufallsfunde, sagt Krämer. Manchmal seien es Fischer, die auf etwas stoßen. Auch beim Bau von Pipelines oder Windparks kann alte Munition zu Tage kommen. Die beiden Seeminen etwa, die rund 20 Kilometer vor Rostock lagen, wurden im vergangenen Herbst bei Vermessungsarbeiten entdeckt.

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„Da die Grundminen an einer der Hauptverkehrsstrecken der Ostsee lagen, blieb zur Beseitigung der Gefahr nur die Sprengung“, sagte Stefan Gramman, Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ostsee im Herbst MOIN.DE. Der Zustand der Minen war zu schlecht gewesen, um sie zu entschärfen.

Bei der Sprengung war eine bis zu 30 Meter hohe Fontäne zu sehen, ein fünf Meter tiefer Krater entstand am Meeresgrund. Rund um den Einsatzort hatte es eine Sperrzone für Schiffe gegeben. Damit entschieden werden kann, ob eine Sprengung notwendig ist, braucht es Taucher wie Hartmut Krämer und sein Team.

Ostsee: Taucher schauen sich das ganz genau an

Gibt es einen Verdacht auf gefährliche Munition am Meeresgrund, rücken die Taucher aus. Sie schauen sich an, was da liegt, machen Aufnahmen. Bis zu 50 Meter tief können sie tauchen.

Ihr Aufgaben: schauen, vermessen, Details sammeln. Von einer Angst, die mittauche, möchte Hartmut Krämer nicht sprechen. Die sei ein schlechter Begleiter. Ihm ist im Gespräch vielmehr ein Respekt vor seiner Arbeit anzumerken. Und dass bei dieser Arbeit ein hohes Maß an Konzentration gefordert ist. Zu ausschmückenden Schilderungen lässt sich Krämer nicht hinreißen.

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Vieles muss stimmen, damit es überhaupt zu einem solchen Taucheinsatz im Meer kommen kann. Das Wetter und der Wellengang zum Beispiel. Der Vorteil bei der Kampfmittelbeseitigung an Land sei, dass das Teil rasch klar identifiziert werden könne und die Gegend dann evakuiert werde, sagt Krämer. Da ist das Meer unberechenbarer.

Ostsee: Sprengung oder Bergung?

Haben die Taucher die Altmunition inspiziert, stellt sich die Frage: Sprengen oder bergen? Bei Bergungen müsse die Munition erst sicher an Land gebracht werden können. Von dort aus werde sie noch einmal transportiert, bis sie speziell entsorgt werde. Die Sicherheit gehe klar vor, sagt Krämer.

Eine Sache betont der Taucher mehrfach: „Wir sprengen nicht aus Jux und Tollerei. Wir sprengen nicht gern.“ Eine Sprengung sei immer in Eingriff ins Ökosystem und diese würde man, so gut es geht, vermeiden.

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Das ist die Ostsee:

  • auch Baltisches Meer genannt
  • die Ostsee ist das größte Brackwassermeer der Erde
  • die Fläche beträgt 412.500 Quadratkilometer
  • sie ist bis zu 459 Meter tief

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Umweltorganisationen üben scharfe Kritik an den Sprengungen. Bei einer Sprengung eines Nato-Flottenverbands im Fehmarnbelt im Sommer 2019 starben 18 Schweinswale. Die Umweltschutzorganisation Nabu schrieb vom „Totalversagen der Bundesmarine beim Schutz mariner Säugetiere“. Schweinswale können die Sprengungen allein aufgrund der Schwallwellen empfindlich stören.

Kommt es zu einer Sprengung, legen die Mitarbeiter des Munitionsbergungsdienstes zwar einen Blasenschleierring zur Lärmdämmung aus, aber ein Eingriff bleibt es dennoch.

Die Gefahr durch Sprengungen ist das eine. Die Gefahr durch die Altlasten in Form von Korrosion ist die andere. Die Zersetzung der alten Munition, durch die Schadstoffe freiwerden. Viele Jahrzehnte nach Kriegsende wird die Korrosion zu einem zunehmenden Problem. Und in der Ostsee liegt jede Menge alte Munition: Auf dem Grund von Ost- und Nordsee sollen es 1,6 Millionen Tonnen sein.

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Inzwischen ist das Thema auch in der Politik präsenter. In einem fraktionsübergreifenden Antrag haben sich FDP und die Grünen im Bundestag für die Bergung und umweltverträgliche Vernichtung von Altlasten in den Meeren ausgesprochen (MOIN.DE berichtete). Eine Entsorgung, die auf Unterwassersprengungen verzichte, müsse „höchste Priorität haben“.

Die beiden Fraktionen fordern unter anderem den Ausbau der Entsorgungs- beziehungsweise Verbrennungskapazitäten. Es sei umgehend ein Ausbau der Verbrennungskapazitäten erforderlich und gegebenenfalls „wenn umweltverträglich möglich, ein (mobiler) Betrieb in Küstennähe oder auf dem Meer erstrebenswert.“

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Ostsee: Was Fische essen, ist am Ende auch der Mensch

Auch in MV ist ein wachsendes Bewusstsein da. Über eine Untersuchung von Bund und Küstenländern zur Gefahr durch Munitionsaltlasten für die Umwelt in Nord- und Ostsee sagte Till Backhaus, Umweltminister Mecklenburg-Vorpommerns, kürzlich:

„Ich bin einerseits froh, dass wir jetzt ein Ergebnis haben, auf dessen Grundlage zukünftig auch Umweltbelange beim Umgang mit den Munitionsaltlasten einbezogen werden müssen.“ Andererseits entsetze ihn die neue Gesamtbewertung, weil sie mehr denn je deutlich mache, dass die Uhr am Meeresboden ticke und Bund und Länder ihre Bemühungen zur Bergung und Entsorgung kritischer Munitionsaltlasten intensivieren müssten.

„Das Risiko ergibt sich aus Art und Dichte der Kampfmittelbelastung und der Form der Nutzung der Meeresgebiete, Ufer und Strände. Aus jetzt vorliegenden Forschungsergebnissen ist abzuleiten, dass im Bereich munitionsbelasteter Meeresgebiete von einem erhöhten Gefährdungspotenzial für die Meeresumwelt auszugehen ist.“

Beeinträchtigungen der Meeresumwelt einschließlich des marinen Nahrungsnetzes seien nicht mehr auszuschließen und müssten weiter untersucht werden. Was Fische essen, isst am Ende auch der Mensch.

Ostsee: „Das Meer und was wir essen, geht uns alle etwas an“

Hartmut Krämer sagt: „Meine persönliche Meinung ist: Es ist kurz vor zwölf.“ Es sei höchste Zeit, „das ganze alte Zeug“ aus dem Meer zu holen. Auch ihm geht es dabei um die Korrosion, um die Schadestaffe, die durch Altmunition im Meer landen.

Ein Bundesland wie MV könne das natürlich nicht leisten, auch für einzelne Staaten sei das sehr schwierig, sagt Krämer. Was ihm vorschwebt, um „das ganze alte Zeug“ aus dem Meer zu holen: Eine gemeinsame Lösung aller Ostsee-Anrainer. „Das Meer und was wir essen, geht uns alle etwas an.“

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Da kommt er wieder durch, der Teamgedanke, auch im Großen. Nächste Woche steht Krämers nächster Tauchgang in der Ostsee an.