Hamburg: Kommissar verrät anhand eines Falls, warum sich Mörder nie sicher sein sollten

Selbst bei einem Mord 1980 in Hamburg sollte sich der Täter nicht sicher sein.
Selbst bei einem Mord 1980 in Hamburg sollte sich der Täter nicht sicher sein.
Foto: imago images / Jochen Tack

Hamburg. Es ist der 1. November 1980, als eine 16-Jährige in Hamburg-Steilshoop auf dem Weg nach Hause von einem Jugendlichen angegriffen wird. Mit einem Messer sticht er zwölf Mal auf sie ein – das Mädchen wird dabei lebensgefährlich verletzt.

Anschließend zieht der Täter sie in ein Gebüsch und versucht, sie zu vergewaltigen. Erst als sich eine Gruppe Teenager nähert, lässt er von ihr ab und flieht. Bis heute ist der versuchte Mord ungeklärt – so wie viele andere Fälle, nicht nur in Hamburg.

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Hamburg: Komissar erklärt Probleme bei lang zurückliegenden Fällen

Bei lange ungeklärten Tötungsdelikten und Vermisstenfällen sprechen Ermittler von Cold Cases. Weil alle Spuren erkaltet und keine neuen Ansätze mehr gefunden werden, stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen irgendwann ein.

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Der Begriff Cold Cases:

  • kommt aus dem anglo-amerikanischen Rechtsraum, wo solche Verfahren als Cold Case Investigations bezeichnet werden
  • 1996 wurde erstmals eine Cold Case Unit beim FBI gegründet
  • In Deutschland steht der Begriff für Ermittlungsverfahren nach Tötungsdelikten, die nach längerer Zeit ergebnislos verlaufen sind
  • werden manchmal auch als „Soko Altfälle“ bezeichnet, etwa in Schleswig-Holstein, Thüringen und Hamburg
  • Wo es keine solche Einheit gibt, werden die Verbrechen im Rahmen der normalen Polizeistrukturen bearbeitet

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Einer, der sich mit Cold Cases auskennt, ist Karsten Bettels. Der 58-Jährige war lange Zeit in der Mordkommission tätig. Heute ist Bettels Kriminaldirektor und Dozent für Kriminalistik an der Polizeiakademie Niedersachsen.

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„Es ist ja nicht so, dass die Lösung eines Cold Cases einfach wäre. Das auf Seite 5.498 der Ermittlungsakten unten rechts der Name des Täters steht, der bislang nur überlesen wurde“, verdeutlicht Bettels im Gespräch mit MOIN.DE die Probleme bei lang zurückliegenden Fällen.

Karsten Bettels lässt Cold Cases neu analysieren

Um Cold Cases wieder neu aufzurollen, bedürfe es Zeit und Ruhe. „Nicht jede Dienststelle hat die Möglichkeiten, dafür Leute abzustellen“, sagt Bettels. Denn Ermittlungen nach manchmal Jahrzehnten wieder aufzunehmen, bedeutet aufwendige Detailarbeit. Es erfordert große Sorgfalt und akribisches Aktenstudium.

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Als eine Art Unterstützung gibt es an der Polizeiakademie Niedersachsen den Wahlpflichtkurs „Cold Cases“ für angehende Kommissare. Geleitet wird er von Karsten Bettels. Hierbei lernen die Studierenden, wie sich auch in lang zurückliegenden Fällen neue Ermittlungsansätze finden lassen.

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Seit 2014 wurden in dem Kurs 23 Fälle betrachtet. Darunter „nicht geklärte vollendete Tötungsdelikte, versuchte Tötungsdelikte sowie Vermisstenfälle, bei denen ein Tötungsdelikt im Raum steht“, so Bettels. In einem Zeitraum von vier Wochen werden zwei bis drei Fälle analysiert.

Studierende lesen und bewerten Ermittlungsspuren

Die Auswahl der Fälle erfolgt in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren. „Ein entscheidender Faktor für die Frage des Zeitpunktes der Unterstützung kann zum Beispiel sein, ob es aktuelle Entwicklungen in einem Cold Case gibt“, sagt der 58-Jährige MOIN.DE. Aber auch, ob es Bedarf gebe, „bei bestimmten Dienststellen oder Cold-Case-Units uns mit in die Analyse einzubinden.“

Die Studierenden erarbeiten dann eine Rekonstruktion der Vor-, Haupt- und Nachtat-Phase, unter Berücksichtigung der aus den Akten entnommenen Informationen. Außerdem lesen und bewerten sie die vorhandenen Ermittlungsspuren.

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Die Zielsetzung sei nicht, „dass die Studierenden den Täter durch die Tür in den Raum hineinführen, wie es ein Ermittler einmal formulierte“, sagt Bettels. Vielmehr gehe es um die „Neubewertungen einzelner Ermittlungsspuren, die aber faktisch eine große Wirkung auf den Fortgang der Ermittlungen haben können.“

Neue Vorschläge können zum Täter führen

Dabei sei es gleichermaßen wichtig, ob die Spuren letztlich zum Täter führen oder eben nicht, „weil jede überprüfte Spur und auch neu bewertete Spur, Sicherheit im Ermittlungsverfahren gibt, dass hier keine weiteren Ressourcen mehr drauf verwendet werden müssen“, erklärt Bettels im Gespräch mit MOIN.DE.

Und so kann zum Beispiel vorgeschlagen werden, eine DNA-Spur am Opfer noch einmal neu zu bewerten, mit „neuartigen kriminaltechnischen Untersuchungsmethoden, die vor 30 Jahren noch keine Rolle spielten.“

Einen Fall, in dem dies letztlich zur Überführung des Täters führte, gab es erst vor einigen Monaten. In Hamburg wurde ein 70-Jähriger festgenommen, der 1995 eine Frau auf dem Nachhauseweg von ihrer Arbeit überfallen und mit zahlreichen Messerstichen getötet hatte (>> hier mehr dazu).

Bettels: Täter soll sich nie sicher sein

Letztlich solle sich ein Täter „nie sicher sein, dass er da Ruhe findet“, sagt Bettels MOIN.DE. Und daher müsse man seiner Meinung nach auch Fälle, die schon 20 oder 30 Jahre zurückliegen, am Laufen halten. „Dass diese Fälle nicht in Vergessenheit geraten, macht auch eine Polizei aus, finde ich“, so der Kriminaldirektor.

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Deshalb sei es so wichtig, „die Cold Cases nicht nur als klassisches Tötungsdelikt, sondern auch als Vermisstenfälle zu betrachten.“ Denn manchmal ist es „nur eine Haaresbereite, ob ein Opfer gefunden wird oder nicht. Also ob es ein Vermisstenfall bleibt oder ob es zu einem Tötungsdelikt wird.“

Studiengang keine Konkurrenz zur OFA

„Dieser kleine Faktor, ob Zufall oder Schicksal da eine Rolle spielt, da muss man sich polizeilicherseits um alle Fälle kümmern, denn das Opfer kann ja nichts dafür, ob es gefunden wird oder nicht.“ Diese Erfahrung erfuhr Bettels als Leiter der Sonderkommission (Soko) „Levke“ am eigenen Leib.

Die achtjährige Levke Straßheim wurde 2004 in Cuxhaven ermordet. Erst Monate später fanden Pilzsammler ihren Leichnam zufällig in einem Wald. Ihr Mörder wurde rund ein Jahr später verurteilt – und gestand in dem Prozess auch den Mord an einem weiteren gleichaltrigen Jungen.

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Dennoch betont Bettels, dass sein Studiengang keine Konkurrenz zur „Operative Fallanalyse“ (OFA) des Landeskriminalamts sei: „Wir sind ganz am Anfang. Wir unterstützen den Prozess der Cold-Case-Bearbeitung der sachbearbeitenden Dienststellen.“